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    Eine Dame in Paris
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Eine Dame in Paris
    Von Asokan Nirmalarajah
    Mit seinem Zweitling „Eine Dame in Paris" schlägt der estnische Regisseur Ilmar Raag deutlich leisere Töne als in seinem Debüt, dem für den Oscar als Bester fremdsprachiger Film vorgeschlagenem Schulprügler-Drama „Klass", an. Die sensible und unaufdringliche Tragikomödie über die unkonventionelle Freundschaft zwischen einer introvertierten Haushälterin aus Estland und ihrer in Paris lebenden, extrovertierten Arbeitgeberin vereint die gefeierte estnische Theaterschauspielerin Laine Mägi und die französische Kino-Ikone Jeanne Moreau („Jules und Jim") vor der Kamera. Die eigenwillige Dreiecks-Liebesgeschichte, die sich zwischen den zwei älteren Damen und dem charismatischen Franzosen Patrick Pineau („Chanson D'Amour") entwickelt, erweist sich allerdings als zu unterkühlt und berechenbar, um aus der Masse an ähnlichen Filmen herauszustechen. Trotz der behutsamen, einfühlsamen Inszenierung und den sympathischen Protagonisten kann die zu vorhersehbare Geschichte von der schicksalshaften Begegnung verschiedener Temperamente und Kulturen das erhoffte schauspielerische Feuerwerk nicht so recht entzünden.

    Anne (Laine Mägi) lebt im dunklen, verschneiten Estland bei ihrer schwerkranken Mutter, um die sie sich liebevoll sorgt. Ihr Mann ist schon seit Jahren tot, ihre bereits erwachsenen Kinder kommen sie nur noch selten besuchen und der ständig betrunkene Ex-Mann ihrer Schwester bedrängt sie gelegentlich. Als die Mutter eines Nachts stirbt, ist Anne auf einmal auf sich allein gestellt. Um ihrer Einsamkeit und der Tristesse von Estland zu entfliehen, akzeptiert sie eine Stelle als Haushälterin in Paris bei einer älteren estnischen Dame, die vor Jahren in die französische Hauptstadt gezogen ist. Eingestellt hat sie der Café-Betreiber Stéphane (Patrick Pineau), entgegen den Wünschen der kratzbürstigen Frida (Jeanne Moreau), die sich als vornehme Dame der Gesellschaft keine Haushilfe aus ihrem verhassten Heimatland wünscht. Doch nach anfänglicher Scheu bringt Anne den Mut auf, der streitlustigen Alten zu trotzen und ihr kaltes Herz für sie zu erwärmen...

    Die Inspiration zur Geschichte von „Eine Dame in Paris", dessen Originaltitel „Une Estonienne á Paris" eigentlich von einer „Estin in Paris" spricht, kam dem Filmemacher Ilmar Haag durch seine Mutter. Die französisch-estnisch-belgische Co-Produktion beruht auf der auffälligen charakterlichen Wandlung, die Haag bei seiner Mutter feststellen musste, als diese nach einiger Zeit als Assistentin einer reichen alten Dame in Paris zurückkehrte. Auch Anne blüht in der Stadt der Liebe und der Lichter auf, verliert sich auf ihren Erkundungen der Straßen von Paris in Parfum- und Kleiderläden und steht wie gebannt vor dem Eiffelturm inmitten japanischer Touristen oder bewundert den goldig leuchtenden Pariser Triumphbogen bei Nacht. Diese Eindrücke von Paris gestalten sich in dem in gräulich-farblosen Bildern gehaltenem Film allerdings als ebenso klischeehaft wie Annes Transformation von einer grauen Maus zu einer stylisch gekleideten Lady. Es ist eine Wandlung, die natürlich Frida bereits vor ihr gemacht hat, und der sie durch die Jüngere noch einmal beiwohnen darf.

    Ilmar Haag, der frühere CEO des estnischen Nationalfernsehens, der sich mit „Klaas" zunächst als Chronist gesellschaftlicher Probleme empfahl, weiß nicht so recht, was er mit seiner recht dünnen Geschichte anfangen soll. Anflüge von Tragik und Komik sind der gewohnt energisch und souverän agierenden Jeanne Moreau als herrlich arrogante, in Würde alternde Frida zu verdanken. Auch Laine Mägie als unschuldig-liebenswerte Anne hat starke schauspielerische Momente. Doch die Komplexität dieser Figuren als auch die des noch ambivalenter agierenden und deshalb faszinierenden Stepháne wird nicht zufriedenstellend ausgelotet. Keine der Wendungen in der Handlung verrät uns mehr über die unklare Vergangenheit der Figuren oder über ihre ungewisse Zukunft. Die handwerkliche Umsetzung des Stoffes ist ansprechend, das Resultat aber ernüchternd farblos.

    Fazit: Für seinen zweiten Film wechselt Ilmar Haag das Genre und sein Erzähltempo. Zurückhaltend und liebevoll zeichnet er das Bild zweier komplett gegensätzlicher und toll gespielter Estinnen, die sich in der Fremde von Paris finden. Mehr als die bloße Behauptung, dass diese Freundschaft beide Frauen nachhaltig verändert, kommt dabei aber letztendlich nicht rum.
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