Ich teile viele der Meinungen aus den Userkritiken, doch für mich hat Guillermo del Toro mit seiner Eigeninterpretation von Frankenstein das Wesentliche verfehlt. Seine Liebe zu Filmmonstern spürt man zwar, aber genau diese Liebe wurde hier in meinen Augen gar nicht gut umgesetzt. Statt dem Monster einen Ausdruck zu geben, vor dem man wirklich Angst hat, wirkt es eher wie ein „sexy Monster-Model“, das hin und wieder brutal handelt – meistens, um sich zu wehren. Für einen Horrorfilm ist mir das zu wenig.
Das klassische Frankenstein-Monster war für mich immer etwas zutiefst Beängstigendes: ein Geschöpf, dessen Aussehen Furcht einflößt und dessen Handlungen unberechenbar sind. Man weiß nie, was es als Nächstes tut – genau das erzeugt Horror. Vor allem der Aspekt der gezielten Rache an seinem Schöpfer fehlt mir hier komplett. Im Roman plant das Monster, alle zu töten, die Dr. Frankenstein nahe stehen, und richtet seine blinde Wut ganz bewusst auch gegen Unschuldige. In diesem Film verliert Dr. Frankenstein zwar seinen Bruder und seine zukünftige Frau durch Ereignisse, die mit der Kreatur zusammenhängen, aber ohne klare, direkte Schuld des Monsters, das zunächst einfach nur eine Lebenspartnerin will. Dadurch geht für mich ein wesentlicher Teil des Schreckens verloren.
Gerade dieser Aspekt – neben der eigentlichen Erschaffung des Monsters, also der verrückten Idee, Leben aus toten menschlichen Gliedern zu schaffen, der Beschaffung dieser Körperteile und den Zwischenexperimenten (die mir hier übrigens sehr gut gefallen haben) – ist für mich doch der Kern des Horrors: die Unberechenbarkeit des Monsters und die Taten, die daraus folgen.
Darüber hinaus hätte man bei der ohnehin schon langen Laufzeit von 2,5 Stunden den Film um einen eigenen Part zur misslungenen „Lebenspartnerin“ des Monsters erweitern können. Gerade weil del Toro sich sonst recht deutlich am Roman orientiert – was ich grundsätzlich positiv finde – habe ich fest damit gerechnet, dass auch dieser Handlungsstrang mit der erzwungenen Schaffung einer Gefährtin und Victors innerem Konflikt aufgegriffen wird. Stattdessen fehlt dieser Teil komplett: die Entstehung dieser Lebenspartnerin, gegen die Dr. Frankenstein ja eigentlich ist, die er aber aus zwingenden Gründen – vor allem aus Angst vor weiterer Gewalt – dennoch erschaffen müsste. Genau dieser Druck, diese moralischen Zweifel und die Konsequenzen daraus hätten den Film noch einmal eine ganze Stufe nach oben heben können.
Dass del Toro diesen Part weglässt, ist für mich nur schwer nachvollziehbar – offenbar hätte er in seine eigene Interpretation nicht mehr stimmig hineingepasst oder er hielt ihn aus seiner Sicht für die Gesamterzählung nicht mehr für erforderlich. Für mich bleibt da jedenfalls ein großes Fragezeichen.
Fazit:
Optisch und atmosphärisch mag del Toros Frankenstein vieles richtig machen, aber als Horrorfilm bleibt er für mich deutlich hinter seinem Potenzial zurück. Das Monster ist äußerlich zwar immer noch eine sichtbar zusammengestückelte Kreatur, wirkt in seiner Darstellung und Wirkung auf die Umgebung aber zu harmlos. Zentrale Motive des Romans – vor allem die furchteinflößende Rache des Monsters und die erzwungene Schaffung einer weiblichen Kreatur – fehlen hier vollständig bzw. werden nur angedeutet. Am Ende bleibt bei mir vor allem das Gefühl, dass aus dieser Geschichte deutlich mehr hätte werden können.