In “American Honey” passiert eigentlich 2 1/2 Stunden lang nichts. Wir sehen einem Haufen Jugendlicher (oder junger Erwachsener) zu, wie sie tagsüber, fast wie eine Drückerkolonne, von Haus zu Haus ziehen und Zeitschriftenabos verkaufen und nachts feiern. Das bietet die Rahmenhandlung für eine aufregende Coming-of-Age-Geschichte, die ganz nebenbei einen düsteren, aber vielleicht auch sehr realistischen Blick auf die amerikanische Gesellschaft wirft.
Wir folgen der 18-jährigen Star, die ihr missbräuchliches Zuhause verlässt, auf der Suche nach sich selbst oder vielleicht so etwas wie dem oft zitierten “American Dream”. Sie genießt ihre neu gewonnene Freiheit und Unabhängigkeit, ohne zu merken, dass sie im Grunde doch unfrei ist und sich den Zwängen und ausbeuterischen Methoden der undurchsichtigen Krystal unterwirft. Aber das Zusammengehörigkeitsgefühl und der Quasi-Familienersatz wiegen dann doch mehr, so dass sie dabei bleibt und zugleich versucht, ihren eigenen Weg zu finden. Nebenbei bahnt sich eine Romanze zwischen ihr und Krystals besten Mann (wie sie selbst sagt) Jake an, der aber gleichzeitig eine abhängige Beziehung zu eben Krystal hat, was noch einmal zusätzlich für Dynamik sorgt.
Die Truppe reist in einem Kleinbus von Stadt zu Stadt, übernachtet in billigen Motels und versucht tagsüber mit mehr oder weniger legalen Methoden, die Zeitschriftenabos an den Mann zu bringen. Dabei schrecken sie auch nicht vor dreisten Lügengeschichten zurück, um die Menschen zu überreden, was nicht nur für Star auch ein ethisches Dilemma herbeiführt. Die Wohnsiedlungen, die die Jugendlichen bereisen, sind sehr wechselhaft, von verarmten Bretterbuden bis hin zu superreichen Luxusvillen ist eigentlich alles dabei. Und je nach Klientel wechseln die Jungs und Mädels auch ihre Strategie. Wir sehen so im Verlauf der Geschichte ein genaues Abbild der amerikanischen Gesellschaft, die Kluft zwischen Arm und Reich wird direkt spürbar, und mittendrin dann diese Schar junger Menschen, die selbst nicht so genau wissen, wo sie hingehören und alle auf der Suche nach ihrem Platz in dieser Gesellschaft sind.
Im Zentrum des Geschehens steht ganz klar Star, die Kamera bleibt immer ganz nah bei ihr, in jeder Situation sind wir direkt im Geschehen dabei. Der Einsatz einer oft wackeligen Handkamera und die Reduktion des Bilds auf das klassische 4:3 Format (statt wie sonst üblich Widescreen) sorgen für eine erstaunliche und intensive Unmittelbarkeit. So bleibt der Fokus immer auf den Figuren, ohne vom Wesentlichen abzulenken. Auch der Einsatz von Musik ist nicht nur unterhaltsames Beiwerk, sondern hat immer auch eine Bedeutung und die Texte einen Bezug zur Handlung. Besonders auffällig wird das in der sehr emotionalen Szene gegen Ende, wenn die Gruppe im Bus gemeinsam das titelgebende Lied “American Honey” von Lady A singt. Der Schmerz, den die jungen Menschen dort verspüren, wenn sie eben der längst verlorenen Unschuld, süß wie amerikanischer Honig, nachtrauern, wird geradezu körperlich spürbar. Aber auch die anderen Songs in dem Film sind niemals Selbstzweck, sondern sind immer Teil der Handlung. Der Musikstil ist dabei natürlich Geschmackssache, die verwendeten Songs sind jetzt auch nicht direkt mein persönlicher Style, aber ich finde, die Songs sind sehr sorgfältig ausgewählt und passen immer so wunderbar zur Szenerie, dass man darüber gar nicht weiter nachdenkt. Der Soundtrack läuft seitdem ständig bei mir im Auto.
“American Honey” ist einer dieser Filme, die man sich so anschaut, gar nicht merkt, wie die Zeit verstreicht und man am Ende dann sprachlos zurückbleibt und das Gesehene erst einmal sacken lassen muss. Die Unmittelbarkeit und sehr intensive Direktheit, mit der der Film uns mitnimmt, ist schlicht atemberaubend. Die Jungdarstellerin Sasha Lane, die ja von der Regisseurin Andrea Arnold zufällig entdeckt wurde und zuvor niemals geschauspielert hat, ist einfach fantastisch. Ihr Charisma und ihre unfassbar natürliche Ausstrahlung machen sie zur Idealbesetzung dieser Rolle. Auch alle anderen Mitglieder dieser Drückerkolonne (was für ein furchtbares Wort ist das eigentlich?) wurden praktisch von der Straße weg gecastet, was dem Ganzen eine großartige Authentizität und fast schon Dokumentarfilm-Vibes verleiht. Shia LaBeouf hingegen ist vielleicht (wenn man so will) der einzige Schwachpunkt in diesem Ensemble. Seine Erscheinung (Himmelherrgott, dieser Zopf!?!) und sein Auftreten wirken oftmals etwas hölzern und gestelzt. Riley Keough hingegen ist wiederum in der Rolle der erbarmungslosen und immer irgendwie undurchschaubaren Anführerin der Truppe stark besetzt.
FAZIT: “American Honey” ist ein Film, der eigentlich keine Handlung im engeren Sinne hat, aber durch den wunderbaren Cast – allen voran die fantastische Sasha Lane – eine eindringliche Authentizität bekommt, die fast schon an einen Dokumentarfilm erinnert. Der Weg der jungen Star quer durch den mittleren Westen und immer auf der Suche nach sich selbst ist eindringlich und sehr berührend inszeniert. Der Blick auf die amerikanische Gesellschaft mit ihrem krassen Arm-Reich-Gefälle ist manchmal schon sehr finster, fast nihilistisch. Insofern bietet dann der Schluss doch noch ein irgendwie versöhnliches, zumindest hoffnungsvoll gestimmtes Ende. Dadurch, dass der Film relativ lang ist und doch wenig passiert, ist das kein Film für jeden, was auch die negativen Bewertungen hier widerspiegeln. Wer sich aber darauf einlassen kann, wird mit einem wundervollen Filmerlebnis belohnt, wie man es nur alle paar Jahre mal zu sehen bekommt. Großartig!
Ist auch selten, dass ich zu einem Film einen so langen Text schreibe...