American Honey
Durchschnitts-Wertung
3,8
55 Wertungen

8 User-Kritiken

5
0 Kritik
4
6 Kritiken
3
0 Kritik
2
1 Kritik
1
1 Kritik
0
0 Kritik
Sortieren nach:
Die hilfreichsten Kritiken Neueste Kritiken User mit den meisten Kritiken User mit den meisten Followern
No Use For A Name
No Use For A Name

14 Follower 1.349 Kritiken User folgen

4,5
Veröffentlicht am 14. April 2026
In “American Honey” passiert eigentlich 2 1/2 Stunden lang nichts. Wir sehen einem Haufen Jugendlicher (oder junger Erwachsener) zu, wie sie tagsüber, fast wie eine Drückerkolonne, von Haus zu Haus ziehen und Zeitschriftenabos verkaufen und nachts feiern. Das bietet die Rahmenhandlung für eine aufregende Coming-of-Age-Geschichte, die ganz nebenbei einen düsteren, aber vielleicht auch sehr realistischen Blick auf die amerikanische Gesellschaft wirft.

Wir folgen der 18-jährigen Star, die ihr missbräuchliches Zuhause verlässt, auf der Suche nach sich selbst oder vielleicht so etwas wie dem oft zitierten “American Dream”. Sie genießt ihre neu gewonnene Freiheit und Unabhängigkeit, ohne zu merken, dass sie im Grunde doch unfrei ist und sich den Zwängen und ausbeuterischen Methoden der undurchsichtigen Krystal unterwirft. Aber das Zusammengehörigkeitsgefühl und der Quasi-Familienersatz wiegen dann doch mehr, so dass sie dabei bleibt und zugleich versucht, ihren eigenen Weg zu finden. Nebenbei bahnt sich eine Romanze zwischen ihr und Krystals besten Mann (wie sie selbst sagt) Jake an, der aber gleichzeitig eine abhängige Beziehung zu eben Krystal hat, was noch einmal zusätzlich für Dynamik sorgt.

Die Truppe reist in einem Kleinbus von Stadt zu Stadt, übernachtet in billigen Motels und versucht tagsüber mit mehr oder weniger legalen Methoden, die Zeitschriftenabos an den Mann zu bringen. Dabei schrecken sie auch nicht vor dreisten Lügengeschichten zurück, um die Menschen zu überreden, was nicht nur für Star auch ein ethisches Dilemma herbeiführt. Die Wohnsiedlungen, die die Jugendlichen bereisen, sind sehr wechselhaft, von verarmten Bretterbuden bis hin zu superreichen Luxusvillen ist eigentlich alles dabei. Und je nach Klientel wechseln die Jungs und Mädels auch ihre Strategie. Wir sehen so im Verlauf der Geschichte ein genaues Abbild der amerikanischen Gesellschaft, die Kluft zwischen Arm und Reich wird direkt spürbar, und mittendrin dann diese Schar junger Menschen, die selbst nicht so genau wissen, wo sie hingehören und alle auf der Suche nach ihrem Platz in dieser Gesellschaft sind.

Im Zentrum des Geschehens steht ganz klar Star, die Kamera bleibt immer ganz nah bei ihr, in jeder Situation sind wir direkt im Geschehen dabei. Der Einsatz einer oft wackeligen Handkamera und die Reduktion des Bilds auf das klassische 4:3 Format (statt wie sonst üblich Widescreen) sorgen für eine erstaunliche und intensive Unmittelbarkeit. So bleibt der Fokus immer auf den Figuren, ohne vom Wesentlichen abzulenken. Auch der Einsatz von Musik ist nicht nur unterhaltsames Beiwerk, sondern hat immer auch eine Bedeutung und die Texte einen Bezug zur Handlung. Besonders auffällig wird das in der sehr emotionalen Szene gegen Ende, wenn die Gruppe im Bus gemeinsam das titelgebende Lied “American Honey” von Lady A singt. Der Schmerz, den die jungen Menschen dort verspüren, wenn sie eben der längst verlorenen Unschuld, süß wie amerikanischer Honig, nachtrauern, wird geradezu körperlich spürbar. Aber auch die anderen Songs in dem Film sind niemals Selbstzweck, sondern sind immer Teil der Handlung. Der Musikstil ist dabei natürlich Geschmackssache, die verwendeten Songs sind jetzt auch nicht direkt mein persönlicher Style, aber ich finde, die Songs sind sehr sorgfältig ausgewählt und passen immer so wunderbar zur Szenerie, dass man darüber gar nicht weiter nachdenkt. Der Soundtrack läuft seitdem ständig bei mir im Auto.

“American Honey” ist einer dieser Filme, die man sich so anschaut, gar nicht merkt, wie die Zeit verstreicht und man am Ende dann sprachlos zurückbleibt und das Gesehene erst einmal sacken lassen muss. Die Unmittelbarkeit und sehr intensive Direktheit, mit der der Film uns mitnimmt, ist schlicht atemberaubend. Die Jungdarstellerin Sasha Lane, die ja von der Regisseurin Andrea Arnold zufällig entdeckt wurde und zuvor niemals geschauspielert hat, ist einfach fantastisch. Ihr Charisma und ihre unfassbar natürliche Ausstrahlung machen sie zur Idealbesetzung dieser Rolle. Auch alle anderen Mitglieder dieser Drückerkolonne (was für ein furchtbares Wort ist das eigentlich?) wurden praktisch von der Straße weg gecastet, was dem Ganzen eine großartige Authentizität und fast schon Dokumentarfilm-Vibes verleiht. Shia LaBeouf hingegen ist vielleicht (wenn man so will) der einzige Schwachpunkt in diesem Ensemble. Seine Erscheinung (Himmelherrgott, dieser Zopf!?!) und sein Auftreten wirken oftmals etwas hölzern und gestelzt. Riley Keough hingegen ist wiederum in der Rolle der erbarmungslosen und immer irgendwie undurchschaubaren Anführerin der Truppe stark besetzt.

FAZIT: “American Honey” ist ein Film, der eigentlich keine Handlung im engeren Sinne hat, aber durch den wunderbaren Cast – allen voran die fantastische Sasha Lane – eine eindringliche Authentizität bekommt, die fast schon an einen Dokumentarfilm erinnert. Der Weg der jungen Star quer durch den mittleren Westen und immer auf der Suche nach sich selbst ist eindringlich und sehr berührend inszeniert. Der Blick auf die amerikanische Gesellschaft mit ihrem krassen Arm-Reich-Gefälle ist manchmal schon sehr finster, fast nihilistisch. Insofern bietet dann der Schluss doch noch ein irgendwie versöhnliches, zumindest hoffnungsvoll gestimmtes Ende. Dadurch, dass der Film relativ lang ist und doch wenig passiert, ist das kein Film für jeden, was auch die negativen Bewertungen hier widerspiegeln. Wer sich aber darauf einlassen kann, wird mit einem wundervollen Filmerlebnis belohnt, wie man es nur alle paar Jahre mal zu sehen bekommt. Großartig!

Ist auch selten, dass ich zu einem Film einen so langen Text schreibe...
Josi1957
Josi1957

172 Follower 828 Kritiken User folgen

4,0
Veröffentlicht am 1. Dezember 2022
Ein raues, poetisches Coming-of-Age-Drama über Amerika und über das Träumen, das in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde.
Inglourious Filmgeeks
Inglourious Filmgeeks

19 Follower 134 Kritiken User folgen

4,5
Veröffentlicht am 27. Februar 2017
[...] Mit American Honey gelingt Regisseurin Andrea Arnold etwas hypnotisches und einzigartiges. Ihr überragendes Werk transportiert viel mehr ein Lebensgefühl, als dass es sich nach einem Film anfühlt. Angeführt von einem jungen Ensemble, das großteils aus Straßenentdeckungen der Regisseurin besteht, findet American Honey schnell einen eigenen Puls und droht zwischenzeitig fast schon an Bluthochdruck zu leiden, während sich 163 Minuten wie ein Schnipsen mit dem Finger anfühlt. [...]
Kino:
Anonymer User
1,5
Veröffentlicht am 8. Januar 2017
Überambitionierter Jugendfilm, der sich wild gibt, der aber weder inhaltlich noch inszenatorisch seine großen Gesten zu untermauern vermag.
schrottbob
schrottbob

2 Follower 18 Kritiken User folgen

4,0
Veröffentlicht am 22. Dezember 2016
Stark, authentisch und irgendwie wunderschön. Die Hauptdarsteller spielen phantastisch - La Beouf an der Grenze zum Overacting - aber auch die Nebenrollen sind Genial. Man hat Lust einfach alles hin zu schmeissen und bei der Truppe mit zu fahren - einfach so alles auf sich zukommen lassen und dann Party machen - wann war man zuletzt so unbeschwert...
Zugleich ein Film über eine vergessene Generation.
Ganz Stark!
Daniel P.
Daniel P.

89 Follower 227 Kritiken User folgen

4,0
Veröffentlicht am 20. November 2016
Amerika von unten gesehen. Immer nah dran am Geschehen mit einer talentierten Neuentdeckung in der Hauptrolle.
Dadurch, dass der Film sehr autentisch sein will, muss auch der Betrachter mit der Tristesse der Figuren gequält werden. Gradwanderung geschafft.
Wirklich ein besonderer Einblick in einen (Groß)Teil der USA, derer Jugend, der in der Bedeutungslosigkeit dahin lebt.
Das Kulturblog
Das Kulturblog

26 Follower 107 Kritiken User folgen

2,0
Veröffentlicht am 19. Oktober 2016
Der Film hält nicht, was der Trailer verspricht. Die XXL-Überlänge von 167 Minuten erfordert viel Sitzfleisch.

Streckenweise ist das durchaus interessant, trägt aber bei weitem nicht über die XXL-Überlänge: zu wenig Entwicklung bei den klischeehaften Figuren und viel zu redundant. Trotz der vielen positiven und hymnischen Kritiken fand ich den Film enttäuschend.
Kinobengel
Kinobengel

506 Follower 613 Kritiken User folgen

4,0
Veröffentlicht am 16. Oktober 2016
Die englische Regisseurin Andrea Arnold („Fish Tank“) hat sich für ihr aktuelles Drama „American Honey“ in US-amerikanische Gefilde gewagt.

Star (Sasha Lane) lebt in sozialen Missständen. Die 18-Jährige hat Sehnsucht nach Gemeinschaftsgefühl, Ehrlichkeit und Liebe. Sie schließt sich einer feierfreudigen Drückerkolonne für Zeitschriftenabonnements an, die von der barschen Krystal (Riley Keough) angeführt wird. Jake (Shia LaBeouf) ist der Top-Agent und lernt Star, die sich zu ihm hingezogen fühlt, als Verkäuferin an. Die Geschäftspraktiken gefallen der drängenden Aussteigerin weniger.

Andrea Arnold begibt sich wie schon mit „Fish Tank“ (2009) in die sozialen Abgründe der Gesellschaft. Die Bilder wirken real und die Geschichte zeigt keine Spuren von Konstruktion oder Künstlichkeit. Die Kamera behält Star, die von der Leinwanddebütantin Sasha Lane sehr beeindruckend verkörpert wird, entweder im Visier oder sieht das, was sie beobachtet. Ihr Charakter ist konsequent durchdacht, jugendlich ungestüm und lernfähig gezeichnet. So hat das Publikum die beste Möglichkeit, diesen aufwühlenden Road-Trip mitzugehen, weiß nur das, was Star weiß und fiebert mit diesem im Grunde herzensguten Wesen, das längst nicht den Weg in eine bessere Welt gefunden hat. Spannend ist „American Honey“ nicht zwingend, aber schwelend und ohne unglaubwürdige Anhäufung von Konfliktsituationen. Also: 162 Minuten intensives Beobachtungskino werden geboten, überwiegend untermalt mit Rap, der von den jungen Leuten unterwegs gehört wird, ergänzt durch deren Motivations-Hymne „We found Love“ von Rihanna und „American Honey“ von Lady Antebellum, eben Songs, deren Texte vor Symbolkraft strotzen.

„American Honey“ ist stark erzähltes Kino um eine junge Frau, die viel USA und vor allem sich selbst findet.
Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
  • Die neuesten FILMSTARTS-Kritiken
  • Die besten Filme