- ein paar spoiler_ wobei ich finde, dass man diesen Film spoilern kann ohne ihm zu schaden.
Ich habe den Film jetzt zweimal in Vorpremieren (1 mal im Orig.) gesehen. Es ist ein Liebesfilm.....Punkt. Zwischen zwei Männern....Punkt. Es passiert sonst nichts, außer dass wir sehen, wie sich ein Sommer in Italien anfühlt und wie alle der Personen miteinander agieren und vor allem wie es ist, 17 und total verliebt zu sein. Kein Drama, keine unüberwindlichen Hindernisse außer dem eigenen Zögern und eben der begrenzten Zeit. Wir sehen, wie zwei Männer, die Äußerlich und vom Alter her erstmal sehr unterschiedlich sind, intellektuell aber ebenbürtig, umeinander herumschleichen. Flirten findet hier versteckt z.B. über Musik statt. Wäre einer eine Frau, würde das ganz anders ablaufen. Viel offener und mit anderen Regeln. So ist der erste Teil ein ewiges, kaum sichtbares Vorspiel, das sich anzuschauen wirklich Spaß macht. Sehr erotisch! Bis beide sich dann wirklich näher kommen bei einem ersten Kuss, ist der Film schon zur Hälfte vorbei. Was dann folgt, sind wohl mit die schönsten Momente zwischen zwei Männern, die ich (mit meinen 51 Jahren) auf einer Leinwand gesehen habe. Timothé Chalamet ist eine Offenbarung, wie er Gedanken und Gefühle ausdrücken kann ohne auch nur ein Wort zu sagen und Armie Hammer entwickelt sich im Laufe des Films von einer göttergleichen Statue zu einem verletzlichen Menschen.
Ich habe mich gefragt, warum der heterosexuelle Autor der gleichnamigen Buchvorlage (André Aciman) ausgerechnet zwei Männer als Hauptfiguren gewählt hat. Er sagt: «zwischen Mann und Frau geschieht alles so schnell. Doch wenn man einen unerfahrenen Jungen erfindet, der sich in einen Mann verliebt, dann gibt es da all diese Hemmungen, all die Ängste und Schuldgefühle. Und da wird es für einen Schriftsteller interessant.» Das Buch ist übrigens beeindruckend und in jedem Fall lesenswert, da es ganz aus der Ich-Perspektive von Elio erzählt ist und den Film perfekt ergänzt und abrundet. Beides gehört unbedingt zusammen.
Warum ein Meisterwerk? Ich habe selten einen Film gesehen, wo ich das Gefühl hatte, ich sei so mitten drin und dabei. Diese unglaubliche Atmosphäre! Wirklich alle Sinne werden angesprochen. Wir sehen, wir hören, wir fühlen, ja wir schmecken und riechen fast sogar. Blicke und Berührungen haben den gleichen Stellenwert wie die Sprache. Der Film schafft es, das wir das Zeitgefühl der Sommerwochen komplett verlieren. Mal geht alles ganz schnell, dann scheinbar wie in Zeitlupe. Musik ist sehr präsent und ist wie die Umgebung selbst ein eigenständiger Teil der Erzählung. Man ist als Zuschauer gefordert, wird aber trotzdem mit einer flirrenden, hypnotischen Leichtigkeit belohnt. CMBYN ist kein effektiver Film, der einfach eine Liebesgeschichte herunter erzählt. Vieles, was wir sehen, hat gar nichts damit zu tun, aber immer mit dem Leben. Er unterwirft sich nicht dem üblichen Hollywood-Drama-Schema: Einführung-Konflikt-Auflösung, was manche Zuschauer irritieren wird. Er ist wie ein Bild von Claude Monet: impressionistisch und damit einfach ganz speziell und besonders.
p.s: schön finde ich auch das Spiel mit den Namen, damit meinen ich nicht nur deren Tausch, sondern die Namen selbst: Wenn man das V und das R aus OLIVER entfernt, bleibt OLIE übrig, daraus kann man ELIO bilden.... Elio als die "unvollständige" kleine Version von Oliver.