Systemsprenger
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Kinobengel
Kinobengel

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4,0
Veröffentlicht am 6. Oktober 2019
Nora Fingerscheidt hat ihren ersten abendfüllenden Spielfilm inszeniert.

Die als Kleinkind traumatisierte Benni (Helena Zengel) ist erst neun Jahre alt und wegen ihrer ständigen Aggressionen von Einrichtung zu Einrichtung, von Pflegefamilie zu Pflegefamilie geschoben worden. Der neue Schulbegleiter Michael (Albrecht Schuch) möchte eine Änderung des Verhaltens von Benni im Wege der Einzelbetreuung in der Natur erreichen.

Der Zuschauer darf mit harter Kost rechnen, wenn er sich zuvor mit dem Inhalt von Nora Fingescheidts Film beschäftigt hat. Und er bekommt sie auch, mit knapp über zwei Stunden Spielzeit. Wenn der Abspann läuft, ist es wohl am besten, sich wie nach einem Horrorstreifen vorzustellen, dass „Systemsprenger“ nur ein Film, ein Kunstwerk ist. Fingerscheidt ist jedoch nicht im Fantasy-Genre tätig, sondern vermittelt ihre selbstgeschriebene Geschichte über einen schwierigen jungen Menschen mit der Atmosphäre von Authentizität. Sie nimmt sich die Freiheit zu rockiger Musikbegleitung und Falschfarbdarstellungen, die sich im Kopf von Benni abspielen sollen. Blutige Momente werden geschickt verwischt.

In vielen Situationen ist das Bedürfnis von Benni nach Zuneigung besonders subtil herausgearbeitet, ebenso die Ohnmacht der Verantwortlichen auf dem Weg nach Lösungen. Kleine Störungen lassen Benni sofort die Kontrolle über sich verlieren. Der wichtigste Mensch ist ihr die schwache Mutter Bianca (Lisa Hagmeister). Benni sucht darüber hinaus jemand, zu dem sie Vertrauen fassen kann. Vielleicht ist Michael derjenige. „Systemsprenger“ lässt sich nie auf den Weg einer Schnulze ein und verfügt nicht über den groß verästelten Plot eines wendungsreichen Dramas. Michael beschäftigt sich berufsmäßig mit aggressiven Kindern. Macht er alles richtig? Das offene Ende ist quasi ein Muss.

Die schauspielerischen Leistungen, insbesondere von Helena Zengel, sind großartig. Es ist schier unglaublich, dass die Einstellungen so brillant gelungen sind und zu einem dichten, geschmeidigen Ganzen zusammengesetzt werden konnten. Die Regisseurin hält Benni im Fokus, fesselt das Publikum mit überwiegend schonungslosen Bildern und lässt es mitfiebern. Verführerisch gut. Die Erzählzeit von mindestens einem Vierteljahr wird leider undurchsichtig vermittelt. Große Filmemacherkunst ist es, durch Weglassen zu ergänzen, also das nicht Gezeigte mit geschickter Schilderungsweise in die Köpfe der Kinogänger und mit dem Gezeigten in einen Fluss zu bringen. „Systemsprenger“ bringt vorherrschend die Ausraster von Benni und die wenigen Augenblicke davor. Was in dem jungen Mädchen vorgeht, ist zu wenig umfassend. Es entsteht der Eindruck, dass die drastischen Vorgänge unmittelbar aufeinander folgen.

Das Langfilmdebüt von Nora Fingerscheidt überzeugt durch überragende Szenengestaltung und Fingerspitzengefühl bei der Anleitung der Akteure.
Kino:
Anonymer User
5,0
Veröffentlicht am 29. September 2019
Der Film ist erschreckend realistisch. Ich leite und coache zurzeit 75 sog. Schul- und Kitabegleiter und habe viel mit Schule, Familien und Jugendämtern zu tun.

Es gibt so einige Kinder, die exakt so unterwegs sind. Vorige Woche ist ein Junge in die geschlossene Psychatrie gelandet, vollgepumpt mit Drogen (Medikamente, Haha).

Dieser Film legt den Finger auf die Wunde und ich befürchte, dass viele das nicht sehen und verstehen. Das Mädchen, Opfer in der frühen Kindheit, wird durch das System in die Täter-Rolle und damit in die Opfer-Rolle erhalten. Warum sagt niemand dem Kind, deine Mutter liebt dich, ist aber krank und kann daher nicht für dich da sein? Deine Mutter ist krank und daher hat sie dir damals die Windel ins Gesicht gedrückt. Du bist daran nicht schuld, deine Mutter braucht Hilfe. Warum nimmt man der Mutter die Chance Erwachsen zu werden? Kinder wie Benni sind häufig interlligent und zeigen, dass was Gravierendes nicht stimmt. Sie können sich nicht anders wehren, als sich so aufzulehnen. Die einfache Wahrheit würde ihr die Schuld nehmen können, was alleine schon eine wahre Wohltat sein könnte. Erschreckend, dass so viele Erwachsene, im System selbst auch gefangen sind und somit das ganze unbewusst und bestimmt ohne böse Absicht, erhalten. Damit werden Kinderseelen zerstört. Sie werden mit Drogen behandelt und landen in die Psychiatrie. Was wäre, wenn man diese Kinder mal ernst nehmen würde? Dazu gehört, Wahrheiten auszusprechen und nach andere Möglichkeiten zu schauen, die es ja gibt, wie so ein verletztes Kind wieder zu Ruhe kommen kann, um dann später eine Chance auf ein normales Leben zu bekommen. Warum dreht es sich immer nur darum, ein Kind, unabhängig von seinen Verletzungen, unbedingt ins bestehende, mittlerweile bekannt als nicht optimal für die Entwicklung, System zu zwingen. Das das nicht funktioniert ist doch offensichtlich. Wie intelligent sind wir, wenn wir an eine Strategie festhalten, die nicht zum Erfolg führt.
beco
beco

83 Follower 435 Kritiken User folgen

4,5
Veröffentlicht am 28. September 2019
Man hofft, dass sich irgendetwas zum Guten wenden könnte, manchmal sieht es so aus, aber man ahnt, es kann nicht gut gehen. Alle Beteiligten sind hilflos, es gibt keine Schuldzuweisung, sondern nur eine bedrückende Schilderung einer allgemeinen Überforderung.
Beeindruckender, intensiver und wohl leider realistischer Film, herausragend
Kino:
Anonymer User
4,5
Veröffentlicht am 25. September 2019
Sehr gut dargestellt der Film. Nur das Ende ist “frei für Interpretation“.
Die Flashbacks, die eine PTBS häufig begleiten, sind recht gut rübergebracht und auch, dass Sedierung und Fixierung nicht immer die einzige Möglichkeit ist. Manchmal hilft auch einfach Nähe und das Gefühl angenommen zu werden wie man ist.
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