Stammheim
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4,5
Veröffentlicht am 31. Dezember 2025
Reinhard Hauff zeigt uns hier eine sehr interessante und experimentelle Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm. Er zeigt uns lediglich die Gerichtsverhandlung im Gefängnis Stuttgart-Stammheim gegen die erste Generation der RAF, die seinerzeit für erhebliches Aufsehen gesorgt hatte. Wir erfahren nichts über die Vorgeschichte, nichts über die Taten, die den vier Angeklagten vorgeworfen werden oder die Umstände, die zur Verhaftung geführt haben. Somit erfordert der Film schon etwas an Vorwissen, um dem ganzen Treiben folgen zu können.

Der Schwerpunkt liegt hier auf einer exakt wortgetreuen Wiedergabe dessen, was während der 192 (!) Prozesstage geredet wird. Alles andere blendet Reinhard Hauff komplett aus, die Schauspieler haben kaum Ähnlichkeit mit den tatsächlichen Personen, auch der Verhandlungsraum ähnelt nur entfernt dem wirklichen Raum im Gefängnis Stammheim. Interessant ist auch, dass der Regisseur die Verteidiger konsequent durch die drei gleichen Schauspieler darstellt, obwohl diese tatsächlich mehrfach durchgewechselt haben. Dadurch bekommt das Ganze einen kammerspielartigen Anstrich, die Sätze, die vor allem von den Angeklagten gesprochen werden, sind oftmals außerordentlich eloquent und elaboriert. Das fühlt sich zunächst etwas komisch an (So spricht doch kein Mensch!), ist tatsächlich aber ziemlich genau das, was wirklich seinerzeit gesagt wurde. Vor allem Ulrike Meinhof war ja bekannt für ihre intellektuellen Ausführungen.

Deutlich wird aber auch immer mehr, wie überfordert die Justiz in der noch einigermaßen jungen Bundesrepublik mit dem Prozess war. Immer wieder wird der Fortgang durch sinnlose oder provozierende Anträge verschleppt und immer mehr lässt sich der vorsitzende Richter tatsächlich provozieren und zu emotionalen Äußerungen hinreißen, immer mehr entgleitet ihm die ganze Sache. Das hat bereits vor fast 50 Jahren für einiges an Aufsehen gesorgt. 1986, als der Film entstand, ist ihm oft vorgeworfen worden, er würde die Terroristen zu sehr heroisieren und die Justiz absichtlich als dämlich darstellen. Die Wahrheit ist jedoch, dass der Film tatsächlich sehr neutral bleibt und keine politischen Tendenzen zeigt. Fakt ist ja nun mal, dass der vorsitzende Richter Theodor Prinzing wirklich zunehmend überfordert war und tatsächlich erhebliche Probleme hatte, den Prozess vernünftig zu führen. Reinhard Hauff erschafft hier ein sehr exaktes und wahrheitsgetreues Zeitdokument, ja eben fast wie ein Dokumentarfilm mit Schauspielern. Das hat ihm auch zusätzlich Kritik eingebracht (sehr prominent ja bekanntlich von Gina Lollobrigida), dass der Film keinen künstlerischen Anspruch habe und “nichts anderes als verfilmte Worte” sei.

Wenn man sich bisher noch gar nicht mit dieser Thematik beschäftigt hat, könnte der Film schnell ermüden und langweilen. Auch die elaborierte Sprache könnte schnell nerven und zu anstrengend sein. Wenn man aber im Thema drin ist oder gar das hervorragende Buch “Der Baader-Meinhof-Komplex” von Stefan Aust (der hier das Drehbuch geschrieben hat) gelesen hat, ist der Film ein großartig inszeniertes und aufregendes Justizdrama, das natürlich nicht alle Aspekte der ganzen Geschichte abbilden kann, aber dennoch einen geradezu intimen Einblick in ein wichtiges Stück deutscher Geschichte bietet. Die Schauspieler sind hervorragend besetzt (Hauff hat sie ja nicht nach Aussehen sondern nach der Fähigkeit, die Rolle zu spielen ausgewählt!), die Dramaturgie ist meisterhaft, der Film ist spannend und unterhaltsam, obwohl man ja genau weiß, was als nächstes passiert und wie das Ganze ausgeht.

FAZIT: Ein fantastischer Film über einen wichtigen Teil deutscher Geschichte, der jedoch einiges an Vorwissen voraussetzt, um ihn voll erfassen zu können. Die Wortegetreue Darstellung der Verhandlung offenbart sowohl die selbstgefällige, antidemokratische Haltung der Angeklagten als auch die gnadenlose Überforderung der bundesdeutschen Justiz. Toll gespielt, toll anzuschauen, ein intensives Filmerlebnis – wenn man denn bereit ist, sich auf die etwas eigenwillige Inszenierung von Reinhard Hauff einzulassen. Absolute Empfehlung von mir!
Dmitrij Panov
Dmitrij Panov

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4,5
Veröffentlicht am 22. April 2010
Eine kühle Dokumentation einer grandiosen Realsatire. Ein kleines Häufchen Menschen, die jahrelang den ganzen Staat von hinten durchnehmen und als dieser die Terroristen endlich in seinen Fängen hat, beisst er sich dabei selbst in den Hintern. Die gegenseitigen Anklagen sind jenseits von Gut und Böse - hier zählen Parolen und Lügen, je lauter, desto besser. Doch Verbrecher, die lügen, sind nichts Ungewöhnliches - verschweigt der Staat dagegen wichtige Tatsachen, ist irgendetwas nicht in Ordnung. Der Prozess ist eine Farce, wie sie sich Kafka nicht besser vorstellen könnte, er ist ein Wechsel von Beschimpfungen und Rauswürfen, das Publikum amüsiert sich mal wie bei einer Komödie, mal ist es laut und aufgeregd wie im Fußballstadion. Die RAF mag im Gefängnis sein, doch ihre laute Stimme dringt nach wie vor bis ins Knochenmark und ihre Opferposition macht ihre nicht besonders tiefgründige und verhetzende Aussagen oftmals nahezu sympathisch. Man muss sagen, das Publikum amüsiert sich zurecht: Beide Seiten verstricken sich immer mehr in ihren Aussagen, lügen, verraten, verschweigen und schreien, schreien, schreien. Ein Chaos, welches seine Erlösung im Tod findet.



Ein Staat bekommt immer die Verbrecher, die er verdient. Diese beiden Seiten haben sich verdient, wie zwei Schlangen, die sich gegenseitig fressen.
Koyaanisqatsi
Koyaanisqatsi

11 Follower 56 Kritiken User folgen

4,5
Veröffentlicht am 22. April 2010
Jeder, der sich für die deutsche Geschichte interessiert, sollte sich diesen Film einmal angesehen haben. Und dazu würde ich gerne jeden Deutschen zählen.



Der grobe Inhalt des Filmes ist recht schnell wiedergegeben: Es werden wahrheitsgetreu die letzten Monate des Stammheimer Prozesses dokumentarisch gezeigt. Der Prozess endet damit, dass die vier Angeklagten Meinhof, Baader, Ensslin und Raspe Selbstmord begehen. Es gibt natürlich noch viel mehr zu sagen, aber ich will darauf hinaus, dass hier eine Filmkritik ohne eigene Interpretation, welche durch die bloße Tatsachen-Inszenierung provoziert wird, recht wertlos ist. Hier ist meine:



Es gibt keine Seite, die grundsätzlich Recht hat. Der Richter beruft sich formal auf die Regeln des feststehenden Rechtstaates, versteht aber nicht, dass dieser Prozess gerade zeigt, dass seine Regeln überdacht und verändert werden sollten. Die Kernmitglieder der RAF verfolgen ihre selbst durchdachten politischen Ziele, erkennen aber nicht, dass ihre Mittel unangemessen sind und in der Situation nicht zum Erfolg führen werden. Diese beidseitige Blockade legt den Prozess letzlich lahm und führt beide Seiten dazu, sich in die Ausweglosigkeit hineinzubohren und zu drastischeren Mitteln zu greifen. Ein gegenseitiges Verstehen scheint unmöglich zu sein, was aber eher in der Natur der Sache zu liegen scheint und nicht etwa an der Sturheit der Beteiligten ist. Dabei hat aber vor allem Meinhoff immer wieder klar darlegen können, warum der Prozess in eine Sackgasse fährt.



Aber macht euch ein eigenes Bild!
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