Was man von hier aus sehen kann
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FILMGENUSS
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4,5
Veröffentlicht am 30. Dezember 2022
VOM ENDE UND SEINEN ANFÄNGEN
von Michael Grünwald / filmgenuss.com

Irgendetwas ist anders. Ja, stimmt, wir befinden uns im Genre der Tragikomödie nicht im Frankreich der Fünfzigerjahre, sondern in einem kleinen Dorf im Westerwald, in welchem die Zeit stillzustehen scheint, wo keine Smartphone-Technik die verschrobenen Verhaltensweisen der Bewohner verzerrt oder sonst ein Trend den Lauf der Dinge vorwegnimmt. Dieses Dorf gibt es nicht, kann es nicht geben, in seiner Schlichtheit und Unmissverständlichkeit, die sich bereits an den Schildern über den Geschäften manifestiert. Da gibt es einen Optiker, einen Buchladen, ein Eiscafé. Hier ist alles so, wie es ist. Man möchte fast meinen, in einem Sammelsurium aus Janoschs Feder einzutauchen, nur ohne Bären und ohne Tiger, sondern mit charakterlich unverwechselbaren Menschen, die einmal griesgrämig, dann traurig oder einfach sehnsüchtigen Herzens sind. Es ist eine Welt wie aus einem Märchen von Roald Dahl, und dann wieder wie aus dem bizarren, ins Metaphysische eintauchenden Panoptikum von Jean Pierre Jeunets fabelhafter Welt der Amelie. Im Zentrum steht die Liebe, doch die ist nicht so zu verstehen, wie wir sie kennen, nämlich als Schnulze, Romanze oder kitschige Lovestory. In Was man von hier aus sehen kann sind die in den Herzen getragenen Träumereien und Wahrheiten fast schon offene Geheimnisse, deren Verbalisierung gar nicht vonnöten scheint, die sich nur durch Taten zu erkennen geben und meist zum richtigen Zeitpunkt erscheinen. Dabei wird so viel positive Energie freigesetzt, dass man als Zuseher, zu Tränen gerührt, auch noch ein großes Stück davon abbekommt.

Dieses kleine Dorf also, mit seinen seltsamen Bewohnern wie der notorisch miesgelaunten Marlies, dem jähzornigen Palm oder der abergläubischen Elsbeth, gerät in muntere Panik, wenn Oma Selma mal wieder von einem Okapi träumt. Was das bedeutet? Nun, meist ereignet sich dann Tags darauf ein Todesfall. Aber was heißt; meist. Immer. So ist es verankert. So funktioniert diese Welt. Und immer dann, wenn das Okapi seinen Auftritt hatte, wird den Bewohnern das Ende ihres Lebens bewusst. Sie versuchen, den Tag zu leben, als wäre er ihr letzter. Inmitten dieser Ereignisse steht Luise (Luna Wedler, u. a. aus Je suis Karl bekannt), die auf zwei Zeitebenen so ihre Erfahrungen macht. Einmal als Kind, dann als junge Erwachsene. Auch sie wird von Visionen heimgesucht, die aber anderer Natur sind und manchmal das Ableben ihres Hundes Alaska illustrieren. Wie Luise also ihren Platz im Leben findet, und wie jede der hier in diesem versponnenen Lummerland existierenden Seelen das Prinzip des Miteinanders zu verstehen lernt – davon erzählt der wohl beste deutsche Film des Jahres 2022, der noch so kurz vor Ende eines ereignisreichen Kinojahres über die Leinwände hereinschneit.

Wer hätte gedacht, dass das Genre der leichtfüßigen Tragikomödie nicht nur den Franzosen vorbehalten bleibt. Mittlerweile scheint es, als könne es das deutsche Kino genauso. Denn Was man von hier aus sehen kann beweist diesen Umstand dank der Fähigkeit, weit um platten Kitsch herumzuschiffen und Kino-Poesie, wie man sie selten sieht, in all ihrer bescheidenen Strahlkraft einzufangen. Bescheiden deswegen, weil sich Poesie wie diese zwischen den Zeilen liest. Die anders sichtbar wird, die aber von einem Ensemble getragen werden muss, dass keinerlei Vorbehalte untereinander hat. Aron Lehmann (Highway to Hellas, Jagdsaison) kann sich voll und ganz auf Schauspielgrößen wie Corinna Harfouch oder Karl Markovics verlassen. Beide liefern Glanzleistungen ihrer Karrieren ab und schaffen so nebenbei einen der schönsten Kinomomente der letzten Jahre. Beide harmonieren so wunderbar miteinander, dass sie den Film wohl ganz allein getragen hätten. Mit schillernden Nebenrollen wie die von Rosalie Thomass oder Peter Schneider aber ist das gar nicht notwendig. Sie bereichern den Ensemblefilm um so skurrile wie melancholische Nuancen. Alle gemeinsam bestücken einen Film, der nicht unbedingt einen dicken roten Erzählfaden durch das Gesehene hindurchführt, sondern der mehrere Blickwinkel zugleich bedient, fast zeitlos, und die allesamt auf eines hinauslaufen: Auf das Glück im Leben, nicht allein sein zu müssen. Diese Zweisamkeiten gelingen in der stillen Betrachtung am Besten; ohne viel Worte, mit vielen Geheimnissen, die es zu bewahren gilt. Bis ans Ende eines Lebens, wenn sich neue Anfänge eröffnen, wo das Alte in sich zusammenfällt und bislang Verborgenes sichtbar wird. Und man kann gar nicht anders, als seine Liebsten, die man mitgenommen hat in diesen Film, schon während des Abspanns in den Arm zu nehmen. Wenn Kino die Nähe so sehr triggert, dann ist das etwas ganz Besonderes.
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CineMoenti
CineMoenti

21 Follower 200 Kritiken User folgen

1,5
Veröffentlicht am 28. Dezember 2022
Im Kern ist dieses kaleidoskopisch aufgezogene Postkartenidyll schräger Figuren in einem vorgestrigen Kaff potentiell liebenswert und anrührend. Doch bedauerlicherweise bleibt es bei der Absicht, die sich nie so richtig erfüllt. Zu viele Figuren bleiben flach und behauptet, werden mit Weichzeichner und süßlicher Musik übertüncht, bleiben aber qua Regie und unpassendem Cast (Harfouch als schrullige Omi? Never!) eher behauptet als wirklich anrührend. Kein Wunder, ist doch die Vielzahl an Geschichten während einer Filmlänge kaum zu bewältigen, wollte man jede Geschichte ernst nehmen. So blitzt in einer letzten, zärtlichen Sequenz das schöne Potenzial auf, das diese pittoreske Geschichte mitbringt und das den Film zu einer späten Filmperle des Jahres hätte machen können.

Eine liebenswerte Erzählung mit schrägen Figuren einer Dorfgemeinschaft verflacht bei genauerem Hinsehen durch das Überangebot an Nebengeschichten, formaler Verkitschung und einem fragwürdigen Cast. Leider verschenkt.

www.cinemoenti.blogspot.com
Breite Masse im Hintergrund
Breite Masse im Hintergrund

12 Follower 87 Kritiken User folgen

3,5
Veröffentlicht am 22. November 2022
Mariana Leky's Roman "Was man von hier aus sehen kann" besticht mit einer wunderbaren Prämisse: Was würde man tun, wenn die Gefahr besteht, dass der letzte Tag angebrochen ist? Würde man das Ganze als abergläubigen Humbug abtun? Würde man den Tag mit seinen Liebsten verbringen? Vielleicht volles Risiko gehen? Oder würde man endlich große Geheimnisse offenbaren?

Die Geschichte spielt in einem fiktiven Ort im Westerwald: Selma, die Oma der Hauptfigur Luise, ist mit einem bösen Omen verbunden. Jedes Mal, wenn sie von einem Okapi träumt, stirbt in den nächsten 24h jemand im Dorf. Blöd ist nur, dass sie nicht weiß, wer das ist. Entsprechend macht sich jedes Mal im Dorf eine gewisse Panik breit.

Nach der Sichtung des Films auf der Filmkunstmesse in Leipzig wurde der Film vom Publikum mit der fabelhaften Welt der Amelie verglichen. Von der Grundstimmung kann ich das sogar ein wenig nachvollziehen, mich hat er jedoch aufgrund vieler (nicht aller!) Szenenbilder und des Tempos mehr an einen Wes Anderson Film erinnert. Der Film hat sowohl lustige als auch tragische Elemente in sich, pendelt jedoch immer hin und her und lässt sich daher nicht richtig einordnen. Es fällt dank des hervorragenden Schauspiels leicht, mit den Figuren mitzufühlen und ich habe links und rechts die ein oder andere Träne im Publikum gesehen.

Insgesamt ein guter, für einen deutschen Film sogar überdurchschnittlicher Film, den man sich anschauen kann. Man muss es aber nicht.

P.S.: Das Buch habe ich nicht gelesen, daher kann ich leider nicht sagen, wie gut es adaptiert wurde
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