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    Alcarràs - Die letzte Ernte
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Alcarràs - Die letzte Ernte

    Der Gewinner des Goldenen Bären 2022

    Von Christoph Petersen
    Der Gewinner des Goldenen Bären ist keine große Überraschung. Aus einem Berlinale-Wettbewerb, in dem etliche Beiträge viel versucht, aber wenig zur Perfektion gebracht haben, stach das trügerisch-sommerliche Familie-in-der-Landwirtschaft-Drama „Alcarràs“ schließlich als richtig runde Sache heraus – zumal noch mit einem hochaktuellen Thema, das nun wirklich jeden angeht. Zugleich reproduziert Regisseurin Carla Simón, die bereits mit ihrem autobiographisch geprägten Debüt „Fridas Sommer“ für mächtig Aufsehen auf Festivals sorgte, in ihrem zweiten, ausschließlich mit Laiendarsteller*innen aus ihrer Region umgesetzten Langfilm aber vor allem Geschichten, die man schon (zur Genüge) kennt. „Alcarràs“ ist wunderschön, geht zu Herzen, ist zugleich aber eben auch ziemlich erwartbar.

    Die Familie von Patriarch Qumet (Jordi Pujol Dolcet) betreibt schon seit Generationen eine Pfirsichfarm in einem kleinen Dorf in Katalonien. Aber weil der Großvater damals die Pacht nur per Handschlag besiegelt hat, erhält die Großfamilie nun die Kündigung zum Ende des Sommers. Der neue Eigentümer will die Bäume abholzen und stattdessen Solarpanels installieren – mit denen lässt sich mehr Geld bei gleichzeitig viel weniger Aufwand verdienen. Qumet ist das aber egal. Er bleibt bockig und absolviert diese letzte Ernte, als würde im letzten Moment doch noch ein Wunder geschehen. Nur verdonnert er mit dieser sturen Haltung nicht nur sich selbst, sondern auch seine Frau Dolores (Anna Otin) und seine drei Kinder zu einem Sommer des Stillstands, in dem es aber langsam an allen Ecken und Enden zu brodeln beginnt…

    Einer der letzten vollkommen unbeschwerten Momente für die sechsjährige Iris (Ainet Jounou) – aber gleich wird ein Kran kommen und das Autowrack fortschaffen.


    Regisseurin Carla Simón, die gemeinsam mit Arnau Vilaróa auch das Skript verfasst hat, ist selbst auf einer Pfirsichfarm aufgewachsen – und zwar tatsächlich im titelgebenden katalanischen Dorf Alcarràs. Allerdings wurde ihre Familie nie derart harsch vor vollendete Tatsachen gestellt. Diesen Mix aus ganz persönlichen Erfahrungen und einer fiktiven Zuspitzung merkt man dem Film auch an: „Alcarràs“ begeistert nämlich vor allem dann, wenn er aus Sicht der Kinder erzählt wird. Wie sie sich die sommerliche Farm als eine Art riesigen Abenteuerspielplatz erschließen, ist schlichtweg mitreißend – und zugleich auch verdammt tragisch, denn sie können noch nicht verstehen, dass ihr Paradies eigentlich längst dem Untergang geweiht ist. Stattdessen bewegt sie vor allem, dass das Autowrack am Reservoir von einem Kran weggeschafft wurde – und auch die Versuche, sich ein neues Versteck zu schaffen, werden immer wieder zunichte gemacht.

    Wenn sich die sechsjährige Iris (ansteckend lebensfreudig: Ainet Jounou) auch nur in eine (vom Feld des wütenden Nachbarn stibitzte) Wassermelone hineinverbeißt, dann spürt man einfach, dass hier eine Filmemacherin am Werk ist, die ihre kindlichen Sommer selbst zwischen solchen Pfirsichbäumen vertobt hat – sonst wird’s halt auch schwierig mit einem solchen Maß an Authentizität. Die übergreifende Geschichte mit dem Aufstellen erster Solaranlagen, dem drohenden Auseinanderbrechen der Familie sowie den wütenden Bauern, die ihr Obst den Großbetrieben aus Protest vor die Tore kippen, ist ebenfalls aus dem wahren Leben gegriffen – nur eben nicht aus ihrem eigenen. Bei der Verdichtung zu einer Filmhandlung geht eben genau jene Spezifität verloren, die die vielen kleinen Momente auf der Farm so besonders machen. Das alles hat man genau so schon gesehen – nur die katalanische Sonne, die fängt niemand so schön und lebendig ein wie Carla Simón.

    Fazit: Man versteht sofort, warum sich die Berlinale-Jury um M. Night Shyamalan für diesen Film entschieden hat. Das Thema ist brandheiß, das Schicksal der Familie geht zu Herzen und auch formal ist der Film – von den sonnendurchfluteten Bildern bis zum Einsatz der großartig ausgewählten Laiendarsteller*innen – makellos. Und trotzdem ist „Alcarràs“ in seiner übergreifenden Erzählung sehr erwartbar – die eigentliche Stärke liegt deshalb in den kleinen, sehr spezifischen Beobachtungen rund um das Leben und Aufwachsen auf einer katalanischen Pfirsichfarm.

    Wir haben „Alcarràs“ im Rahmen der Berlinale 2022 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt und mit dem Goldenen Bären für den Besten Film ausgezeichnet wurde.

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