Possession
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FILMGENUSS
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4,0
Veröffentlicht am 24. Juli 2026
DER ABGRUND IST NUR EINE EHEKRISE WEITER
von Michael Grünwald /

Das Ableben des neuseeländischen Schauspielers Sam Neill kam für mich völlig unerwartet. Vielleicht, weil ich den so sympathischen und integren Mann, dem ich sogar seine Geisterbahn-Gemeinheit Event Horizon verzeihen muss, hat er souverän wie immer uns allen im Kino ordentlich Angst eingejagt, im vorletzten Jurassic World von 2022 längst nicht so viele Sonnenumrundungen angerechnet hätte als er tatsächlich hinter sich gebracht hat.

Ein blutjunger Sam Neill

Einige Lenze früher, nämlich ganze 45 an der Zahl, stand er mit Isabelle Adjani vor der Kamera, und zwar für Andrzej Żuławskis zum Kult gewordenen Psychotrip Possession. Da war Sam Neill noch blutjung, und bereits schon damals höchst begabt darin, verstörte Gesichter zu ziehen, bevor er zwölf Jahre später in Jurassic Park aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Neill war ein Charakterdarsteller der oberen Liga, gerne auch oft am Rande besetzt, doch immer wieder so markant, dass er sich mit Leichtigkeit in den Hauptcast schmuggelte.

Ein simples Ehedrama? Von wegen!

In Possession ist er gemeinsam mit Adjani gleich vorne mit dabei, denn beide erleben das Ende einer Ehe, die Zerrüttung einer Liebe, und die Qual des Entschlusses, ohne den anderen neu anzufangen. Klingt nach profaner Beziehungskiste, oder vielleicht nach Sorgerechtsstreit wie in Kramer gegen Kramer mit Dustin Hoffman und Meryl Streep – schließlich spielt ein Kind dabei auch noch eine Rolle.

Wer aber Żuławski kennt oder ungefähr weiß, was der Pole Zeit seines Künstlerlebens so vollbracht hat, wir zugeben müssen, es hier mit einem Visionär zu tun zu haben, der lieber sein Publikum verschreckt oder fordert, aber ganz sicher nicht auf unterhaltsame Weise einlullt.

Kaum ein Film, der diese Subversivität stärker und kontrastreicher ausspielt als Possession, wo Sam Neill den toxischen Besitzanspruch eines zurückgewiesenen und somit gekränkten Mannes zwar nicht mit einem Femizid an die Spitze treibt, aber mit einer akrobatischer Intensität aus Bedrängung und Flehen, enervierendem Lamento und kindlicher Wut.

Neill konnte gar nicht anders als so aufzudrehen, denn auf der anderen Seite haben wir Isabelle Adjani, die Żuławski in Werner Herzogs Neuinterpretation des Nosferatu-Stoffes gesehen haben muss, um zu wissen, dass mit ihr der verlangte Wahnsinn neue Methoden finden wird, um sich zu entfalten.

Des Wahnsinns knusprige Beute

Es ist schlicht und ergreifend unmöglich, dass sich der Abgrund einer Psychose exzessiver darstellen lässt als Adjani das getan hat. Betrachtet man im Vergleich dazu Lynne Ramsays ähnlich gelagertes Psychodrama Die My Love, erscheint Jennifer Lawrence auf allen Vieren als müder Nachhall.

In der Szene, in der Isabelle Adjani in einer Unterführung exzessiv brüllend in Blut und Milch badet und scheinbar völlig den Verstand verliert, bekommt der darstellerische Umstand eines emotionalen Ausbruchs eine neue Hochwassermarke. Was die damals 26jährige Schauspielerin als emotionalen Subtext dafür verwendet hat, um dermaßen über die Grenzen gewohnter Intensitäten hinauszuschießen, mag ein Geheimnis bleiben.

Es wird immer monströser

Mit diesem Mysterium der selbstvergessenen und wirklich furchteinflößenden Ekstase passt Adjani perfekt in einen psychologisch herausfordernden Thriller, der in der stilistischen Interpretationswelt des Surrealen genauso beheimatet ist wie auf der bizarren Spielwiese eines Roman Polanski, wofür sich als Querverweise ganz gut dessen Werke Wenn Katelbach kommt oder Ekel eignen. Nur: Żuławski taucht bisweilen noch tiefer in die Absurdität ab, in dem er auch die Komponente eines Creature Features anfügt – was überhaupt nicht zur Tonalität des Filmes passt.

Doch ähnlich wie in David Lynchs Eraserhead schafft er damit eine Metaebene des Symbolismus, und Adjanis nach außen gekehrter psychischer Zustand manifestiert sich als groteske Monstrosität. Das Spiel mit den Identitäten und Doppelrollen, die ein gewiefter Psychothriller oft mitbringen will, verschränkt das längst um die eigene Identität gekommene Horrordrama so sehr mit sich selbst, dass jedwede Interpretation, die sich herauslesen lässt, immer nur viel zu trivial anfühlt.

Filme muss man ausleben

Was die Frage aufwirft: Wohin will Possession eigentlich wirklich? Ist das ganze nur eine filmgewordenen Narrenfreiheit, ein Ausleben wilder künstlerischer Energien, oder gezielte Provokation, die allein schon durch den wüsten Genremix, der aber reizvoll ineinanderpasst, nur auffallen will?

Dafür hat Żuławskis Film deutlich zu viel Ehrgeiz, zu viel Vision. Als Avantgarde ist Possession bis heute ein vorzügliches Beispiel für regelbrechendes Kunst- und Faszinationskino, so befremdlich wie irrwitzig – und mit dem wohl entfesseltsten Schreikrampf der Filmgeschichte.




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No Use For A Name
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14 Follower 1.704 Kritiken User folgen

4,5
Veröffentlicht am 31. August 2026
Was für ein Brett, alter Schwede! Was als noch halbwegs normales, wenn auch da schon etwas hysterisches Ehe- bzw. Scheidungsdrama beginnt, entwickelt sich im Verlauf zu einem grotesken Alptraum, der die Grenze zum Wahnsinn deutlich überschreitet.

Isabella Adjani ist eine apokalyptische Urgewalt, ihr Acting hier sprengt sämtliche Grenzen. Die legendäre Szene im U-Bahnhof ist unfassbar beängstigend und intensiv, dafür gibt es keine Worte. Es wundert nicht, dass sie nach den Dreharbeiten tatsächlich traumatisiert war und in Psychotherapie gehen musste. Aber auch Sam Neill spielt extrem stark, so wie ich ihn eigentlich noch nie gesehen habe. Das Setting ist klaustrophobisch, dreckig und hässlich, gleichzeitig geht auch von der Berliner Mauer (die ja direkt an die Wohnung angrenzt) eine subtile Bedrohung aus.

Was in der zweiten Hälfte des Films passiert, sieht auf den ersten Blick total trashig aus, ist in Wirklichkeit aber eine sehr unmittelbare und exzessive Bebilderung von Annas Innenleben und dem Verfall ihrer Ehe, ihre Wut, ihre Angst und ihre Zerrissenheit. Im letzten Drittel dreht Regisseur Andrzej Żuławski dann komplett frei und es geht nochmal mehr drunter und drüber und wer gedacht hat, das ist biss hier alles schon komplett wahnsinnig und irre, der wird dann eines Besseren belehrt.

FAZIT: „Possession“ ist ein abartiger, grotesker Alptraum von einem Film, der seinen beiden Protagonisten und vor allem Isabella Adjani absolut alles abverlangt. Aber auch dem Zuschauer wird hier so Einiges zugemutet, es gibt mehrere maximal verstörende Szenen und zum Ende hin schießt sich der Film selbst komplett in den Wahnsinn und drüber hinaus. Ein Film, den man nicht anschaut, sondern überlebt. Insofern absolut sehenswert und ein einzigartiges Erlebnis, dass man garantiert so schnell nicht mehr vergisst. Krass!
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