Kritik zu Monte Verità – Der Rausch der Freiheit
Was hätte Ida Hofmann wohl dazu gesagt?
Ich habe den Film gesehen –
und war erschüttert.
Nicht vom Inhalt, sondern von dem, was dahinter sichtbar wird:
Eine Geschichte über Freiheit, erzählt von Menschen, die selbst nicht frei sind.
Ich habe mich gefragt:
Was würde Ida Hofmann, Mitgründerin des Monte Verità, wohl schreiben,
wenn sie wüsste, wie dieser Film zustande kam? Was sich bei den Dreharbeiten offenbarte?
Und ich glaube, ich ahne es.
Hier ist der Brief, den sie vielleicht verfasst hätte.
An die Menschen, die sich berufen fühlten, unsere Geschichte zu erzählen
Meine Damen und Herren,
oder wie wir auf dem Monte sagten:
Mitmenschen.
Ich habe vernommen, dass Sie ein Bildnis geschaffen haben –
ein Filmwerk, wie es heute wohl genannt wird –
über jenen Ort, den wir einst Monte Verità nannten.
Sie erzählen darin die Geschichte einer jungen Frau,
die ihrer Zeit entflieht,
um auf dem „Berg der Wahrheit“ ein freieres Leben zu suchen.
Ich habe innegehalten.
Mich gefragt, ob man wirklich begreifen kann,
was es bedeutete, aus freien Stücken
jene Welt zu verlassen,
die sich im Korsett der Konventionen so gut eingerichtet hatte.
Wir gingen nicht, weil wir schönere Bäume suchten.
Wir gingen, weil wir nicht länger lügen wollten.
Weder mit unseren Kleidern,
noch mit unseren Worten,
noch mit unserem Gehorsam.
Wir legten die Schichten ab –
nicht um zu provozieren,
sondern um endlich wieder zu spüren, wer wir sind.
Und nun höre ich,
dass man uns erneut beschworen hat –
unsere Namen, unsere Ideen, unsere Suche.
Und während Sie über Freiheit erzählen wollten,
wussten Sie offenbar nicht einmal,
ob Sie diesen Ort betreten durften.
Ich höre,
dass jene, die an Ihrer Darstellung beteiligt waren,
mit Stoff vor dem Munde über das Gelände gingen,
aus Furcht vor einem unsichtbaren Feind,
dessen Existenz man nicht hinterfragen durfte,
weil es von oberster Stelle verkündet worden war.
Es war nicht die Geschichte, die Sie erzählten,
die mich befremdet –
es ist die Art, wie Sie sie erschufen.
Denn während Sie vom Aufbruch in die Wahrheit sprachen,
unterwarfen Sie sich freiwillig der größten aller Unwahrheiten –
der, dass der Mensch sich nur retten könne,
wenn er sich selbst aufgibt.
Sie gehorchten –
und drehten eine Geschichte über jene,
die genau das verweigert hatten.
Sie leben in einer Zeit,
in der sich der Korporatismus –
jene stille Allianz zwischen Staat, Wirtschaft, Medizin und Meinung –
so tief in das gesellschaftliche Gewebe eingeschrieben hat,
dass kaum jemand mehr wagt,
selbst zu denken, zu fühlen, zu urteilen.
Wir flohen genau davor.
Vor einer Ordnung,
in der man sein Innerstes an der Garderobe der Vernunft abzugeben hatte.
Vor Institutionen,
die sich das Wohl des Menschen auf die Fahne schrieben
und dabei vor allem ihre eigene Macht zu sichern wussten.
Was Sie heute „Sicherheit“ nennen,
hieß bei uns Fremdbestimmung.
Was Sie „Vorsicht“ nennen,
nannte ich geistige Unterwerfung.
Und was Sie „Fürsorge“ nennen,
wirkte auf uns wie ein gut gemeinter Käfig.
Sie mögen sagen: „Die Zeiten sind anders.“
Ich entgegne: Die Mechanismen sind gleich.
Nur die Mittel sind moderner.
Dass Sie ausgerechnet über uns,
die wir für Unabhängigkeit, Erkenntnis und Selbstverantwortung lebten,
eine Erzählung machten,
ohne diesen Kern zu spüren –
das schmerzt mehr als jede falsche Darstellung.
Sie haben unseren Namen verwendet.
Unsere Idee.
Unsere Gesichter.
Aber Sie haben uns nicht verstanden.
Vielleicht, weil Sie nicht hören wollten.
Vielleicht, weil der wahre Ton zu leise für Ihre Welt geworden ist.
Ich kann Ihnen nur wünschen,
dass eines Tages auch Sie
sich wieder an die Wahrheit erinnern,
die nicht auf Leinwänden, sondern im Innersten beginnt.
Ihre Ida Hofmann
Monte Verità,
nicht gedreht,
sondern gelebt.