Was für ein wilder Trip! Emma Stone ist einfach unfassbar gut! Ihre Wandlung von einem Neugeborenen, das kaum laufen und nicht sprechen kann zu einer gewissermaßen erwachsenen, intelligenten Frau ist so ausdrucksstark und toll gespielt, allein das ist schon absolut sehenswert! Hinzu kommt aber eine erstaunlich wendungsreiche und abenteuerliche Story, eine im wahrsten Sinne des Wortes fantastische Welt und großartige Schauspieler in den Nebenrollen.
Besonders herausragend ist natürlich Mark Ruffalo, der hier eine seiner besten Performances überhaupt abliefert. Je weiter der Film voranschreitet, desto irrer wird seine Figur des hoffnungslos Verliebten. Willem Dafoe hat nur relativ wenig Screentime, nutzt diese aber sehr souverän für seine Figur des wahnsinnigen Wissenschaftlers. Aber all diese großartigen Schauspieler werden von Emma Stone gnadenlos an die Wand gespielt, ihre Wandlungsfähigkeit und ihre emotionale Darstellung einer nahezu emotionslosen Frankenstein-Version ist schlichtweg grandios und wurde zu Recht mit einem Oscar gewürdigt. Noch intensiver ist das Erlebnis in der Originalversion, die deutsche Synchronisation ist zwar sehr bemüht und auch wirklich nicht schlecht, Emma Stones feine Nuancen in der Sprache und Sprechweise gehen dann jedoch verloren.
Die Welt, durch die Bella reist, ist ebenfalls großartig designed. Eine abgefahrene Steampunk-Szenerie mit tausenden aberwitzigen, skurrilen und irren Einfällen, die man alle gar nicht beim ersten Mal anschauen erfassen kann. Dabei ist alles extrem farbenfroh und bunt, ein heftiger Kontrast zu dem Beginn des Films, der in Schwarz-Weiß gehalten ist und eine gänzlich andere Stimmung transportiert. Die Kameraarbeit ist ebenfalls bemerkenswert, ein Großteil des Films ist mit einem starken Weitwinkelobjektiv gefilmt, die Verzerrungen am Rand sind manchmal gar so stark, dass es fast so wie eine klassische Fischaugen-Optik wirkt. Einzelne (bedeutsame!) Szenen sind gar als nur kleiner kreisrunder Ausschnitt gefilmt. Der Score ist genau so abwechslungsreich wie die Geschichte, passt aber immer zur Szenerie, mal romantisch, mal verstörend, mal bedrohlich, auf jeden Fall eine echte Bereicherung für den Film.
“Poor Things” ist streckenweise sehr dialoglastig, dabei sind die Texte stets sehr pointiert, direkt und intelligent. Selbst zu Beginn, als Bella noch nicht so recht die Sprache und Grammatik beherrscht, bringt sie die Thematiken ohne Umschweife und konkret auf den Tisch. Im weiteren Verlauf werden ihre Bemerkungen immer intelligenter. Ein essenzieller Bestandteil ist die Sexualität, Bella zeigt sich da sehr abenteuerlustig, ja fast schon hypersexuell, was die Herren um sie herum ein ums andere Mal in mehr oder weniger große Krisen stürzt. Immer wieder gibt es auch relativ freizügige Sexszenen, die allerdings selten sinnlich erotisch, sondern meist als verschwitzten tierischen Akt dargestellt werden. Da könnte man sich schon fragen, ob das unbedingt so sein muss und inwieweit das dem Vorankommen der Story wirklich dienlich ist, aber das ist eine müßige Diskussion.
Überhaupt ist der Film mit über zwei Stunden sehr lang geraten, für mein Gefühl auch zu lang. Es gibt zwar keine echten Längen im Film, man wird durchgehend gut unterhalten, aber eine Kürzung an einigen Stellen wäre vielleicht doch ganz gut gewesen, wobei es mir spontan schwer fallen würde, konkrete Szenen zu benennen, die verzichtbar wären. Das spricht dann trotz der langen Spielzeit doch ganz klar für den Film!
FAZIT: Ein atemberaubender, wilder Trip, den man so schnell nicht wieder vergisst! Ein grandioses Steampunkt-Setdesign, eine wendungsreiche Story, intelligente und herausfordernde Dialoge sowie ein überragendes Schauspieler-Ensemble mit einer unfassbar starken Emma Stone machen diesen Film zu einem wahren Erlebnis für alle Sinne! Wunderbar, wunderschön, bewegend und zum Diskutieren anregend. So muss Kino sein!!!! Uneingeschränkte Empfehlung!