Tár
Durchschnitts-Wertung
3,7
77 Wertungen

14 User-Kritiken

5
5 Kritiken
4
4 Kritiken
3
1 Kritik
2
3 Kritiken
1
1 Kritik
0
0 Kritik
Sortieren nach:
Die hilfreichsten Kritiken Neueste Kritiken User mit den meisten Kritiken User mit den meisten Followern
FILMGENUSS
FILMGENUSS

1.000 Follower 963 Kritiken User folgen

2,5
Veröffentlicht am 3. März 2023
AUS DEM TAKT GERATEN
von Michael Grünwald / filmgenuss.com

Wann geht’s denn endlich los? Eine Frage, die sich nach einer gefühlten halben Stunde Podiumsdiskussion mit Cate Blanchett als Dirigentin Lydia Tár durchaus stellen lässt. Wir haben das nach Abspann aussehende Intro gesehen und folgen nun fachkundigen Fragen, die mit Sicherheit das musikaffine Publikum, insbesondere für Klassik, interessieren wird. Mahler hin, Mahler her, es fallen diverse Namen wie Claudio Abbado, Karajan, Bernstein und Furtwängler. Die Virtuosin zeigt sich gesprächsbereit und engagiert. Ist freundlich, aber bestimmt. Ein Star der Musikszene eben. Ganz oben am Zenit des Schaffens, inklusive Autobiographie und allen wichtigen Preisen, die man nur so abräumen kann – so jemand nennt sich EGOT. Tár ist ein Mensch, der sich dadurch definiert, für die Kunst zu leben und Teil der Kunst zu sein. Über eine halbe Existenz hinweg errichtet sie ihr eigenes strenges, prinzipientreues, fast schon dogmatisches Königreich. Genau so geht klassischer Ruhm.

Nach dem Abarbeiten von Társ künstlerischem Lebenslauf und Verweisen zu möglichen Vorbildern geht Todd Fields Beobachtung ihres Alltags weiter. Und langsam formt sich der Charakter einer selbstbewussten Größe, die ihrem streng durchgetakteten Terminkalender folgt, den ihre persönliche Assistentin Francesca (Noémie Merlant, grandios in Portrait einer jungen Frau in Flammen) schon im Schlaf herunterrasseln kann. Ohne Francesca wäre Tár selbstredend aufgeschmissen, doch im Idealfall soll sich ein Künstler nur auf seine Kunst konzentrieren. Vergessen darf er dabei nicht, auch sozial integer zu bleiben. Tár versucht es, was sich manchmal besser, manchmal schwieriger gestaltet. Es sind die Opfer, die eine Weltberühmtheit bringen muss – es ist der Fokus auf das Perfektionieren schwieriger Stücke vorzugsweise von Mahler oder Beethoven. Das Ensemble des Orchesters ist da nur Werkzeug. Ein liebgewonnenes Werkzeug. Und Tár tut, was sie kann. Vermeidet eklige Arroganz, vergisst manchmal, die ihr zu Diensten Stehenden entsprechend zu würdigen, hat nur das Ziel der Vollendung ihres Schaffens im Blick. Wer sich darauf einlässt, muss scheinbar wissen, wie so jemand tickt.

Und dann passiert das, was Promis manchmal passiert: Tár gerät in Misskredit. Zu Recht oder nicht, wen juckt das schon. Jedenfalls gerät ihre Welt aus den Fugen, nachdem Tár beschuldigt wird, mit dem Suizid einer ehemaligen Musikerin aus ihrem Mentoring-Programm Accordion Fellowships etwas zu tun zu haben. Sexuelle Ausbeutung? Machtmissbrauch? Alles nur Vermutungen, Andeutungen und vage What if-Konstrukte, denen sich Tár nun ausgesetzt sieht. Mit diesem Dilemma unterliegt bald auch ihre Wahrnehmung einer Verzerrung, die Wirklichkeit hat kaum mehr gute Erklärungen parat. Ihr soziales Umfeld zeigt ihr die kalte Schulter, Mentoren und Kollegen üben sich im Schuldspruch aufgrund eines Verdachts, der sich niemals erhärtet. Klar ist der Stern Társ daraufhin auf Sinkflug. Doch eine, die schon alles gehabt hat, muss sich nicht zwingend an einen Zustand klammern, der längst in einen Erfolgstrott verfallen ist.

Der für 6 Oscars nominierte Streifen und nach Little Children Todd Fields erste Regiearbeit nach 16 Jahren ist Arthouse-Kino, welches sich in seiner eigenen Themenwolke – nämlich in der Welt der Klassik und jener, die sie interpretieren – zu sehr bequem macht, um heraustreten zu wollen. Der Schritt in ein anderes Genre als das des Künstlerdramas ist zu zögerlich, um ihn letztendlich getan zu haben. Das Schauspiel von Cate Blanchett hätte es wohl nicht verändert, denn sie genügt sich und dem Publikum vollkommen. Es gelingt ihr, eine Figur mit Biografie zu erschaffen, und noch dazu eine, die man weder verurteilen noch anhimmeln kann – bewundern vielleicht schon, ob ihres Könnens und ihrer Tatkraft. Zu so einer Figur gehören Manierismen und Verhaltensweisen, die aber nichts Pathologisches an sich haben und später auch nicht haben werden. Nehmen wir mal Natalie Portman in Black Swan. Darren Aronofsky hat da viel energischer mit anderen Genres kokettiert, sein Ballettthriller wurde zum polanski’schen Horror, Portman zur Furie. Tár mag zwar auch manchmal austicken, doch richtig manisch wird sie nie. Insofern bleibt Todd mit seiner Halbgöttin im Hosenanzug auf dem Boden, schickt sie vielleicht manchmal durch entrische Gänge, die im Dunklen liegen, will sie aber letztendlich nirgendwo einordnen. Weder als Soziopathin noch als Opfer des Ruhms. Was zur Folge hat, dass bis auf Blanchetts Figur alle anderen Charaktere schemenhaft herumspuken. Genauso vage bleibt die mysteriöse Vergangenheit einer Dreiecksbeziehung und der Stein des Anstoßes, der Problemfall selbst, um welchen sich Társ Schicksal rankt. Reduziert auf Erwähnungen im Gespräch, die man leicht überhören kann, bleibt der Kern des Plots zu volatil, um jene Gewichtigkeit zu erlangen, die er hätte haben sollen. Tár als Film gefällt sich zu sehr in seiner Fachsimpelei und verlässt sich fast ausschließlich auf den Inhalt seiner Dialoge. Todd widersteht dem Versuch, Társ Charakter aus ihrer Reaktion auf die Umstände zu zeichnen, sondern formt sie bereits außerhalb der Geschichte, was dieser viel zu viel Zeit abringt. Das, was interessant ist, kommt als beiläufige Andeutung eines möglichen Skandals zu kurz. Obwohl überall hoch gelobt, empfinde ich Tár als ein Werk, das sich in seinen Prioritäten verpeilt.
___________________________________________________
Mehr Reviews und Analysen gibt's auf filmgenuss.com!
beco
beco

83 Follower 449 Kritiken User folgen

4,5
Veröffentlicht am 28. Februar 2023
Zweieinhalb Stunden, dafür braucht es schon eine Menge Stoff .....
Kein Problem für Tár, die Zeit wird niemals lang, Stoff gibt es in Hülle und Vülle, viele Aspekte werden nur angedeutet und bleiben (leider?) unerzählt.
Was für Geschichten über Macht(missbrauch), über Vertrauen und Verrat, Verletzungen und Intrigen, aber nicht auch zuletzt über Musik.
Kate Blanchett, aber auch Nina Hoss, als stille, aber selbstbewusste Partnerin, geben dem Spiel schauspielerische Brillanz.
Herausragend.
Kino:
Anonymer User
5,0
Veröffentlicht am 25. Dezember 2022
Verwirrend ,muß man mindestens 2mal gucken.
Mega Film
Cate Blanchett und Nina Hoss einfach fantastisch.
Breite Masse im Hintergrund
Breite Masse im Hintergrund

12 Follower 89 Kritiken User folgen

4,5
Veröffentlicht am 20. Oktober 2022
"Tar" ist eine grandios geschriebene Geschichte über den tiefen Fall einer großen, künstlerischen Persönlichkeit, welche die Frage aufwirft, ob man das Werk der Künstlerin von ihren privaten Fehltritten trennen sollte oder ob diese Verfehlungen konsequent dazu führen müssen, die Person und damit auch deren Kunst komplett aus der Öffentlichkeit zu löschen, unabhängig davon, wie einzigartig das bisherige Schaffen war und welcher Verlust damit einhergeht.

Lydia Tár ist auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Sie besitzt EGOT-Status, wird auf der ganzen Welt geschätzt, respektiert, von ihren Kolleg*innen bewundert und steht kurz davor, ihr persönliches Ziel, den kompletten Zyklus von Gustav Mahler aufzuführen, zu vollenden. Auch privat scheint ihr Leben makellos zu sein, auch wenn ihr die Karriere viel Zeit abfordert. Dunkle Wolken ziehen jedoch herauf, als die Öffentlichkeit mitbekommt, dass sich "Tár" scheinbar in den vergangenen Jahren in gewisser Regelmäßigkeit weibliche Protegés angeeignet und diesen gegen sexuelle Gefälligkeiten große Aufstiegschancen versprochen hat.

Nach der Sichtung von "Tár" kam mir sofort ein Name in den Sinn: Kevin Spacey. Das Kevin Spaceys private Machenschaften aufs Schärfste zu verurteilen sind, ist unbestreitbar. Genauso ist es jedoch unbestreitbar, dass Kevin Spacey zu den besten Schauspielern gehört hat, die jemals auf der Leinwand zu sehen waren. Diese Leistungen nicht mehr erleben zu dürfen ist ein großer Verlust, nicht nur für den Film, sondern sogar für die Kunst an sich. Die Frage, ob man die Person von ihrer Kunst separat betrachten sollte, wird im Film sogar in einer Szene ausführlich am Beispiel Bach und seinen 20 Kindern diskutiert. Während dem Studenten Bachs Lebensweise aufgrund der zahlreichen Nachkommen nicht zusagt und er sich deswegen nicht mit Bachs Kompositionen beschäftigt, ist für Tár lediglich das Schaffen Bachs interessant, außergewöhnlich und damit auch zu beachten. Es sind Szenen wie diese, welche die gesamte Thematik rund um die s.g. Cancel Culture hervorragend aufgreifen, ohne dem Publikum eine Meinung zu diktieren. Beide Standpunkte sind zulässig und beide Standpunkte sind richtig.

Cate Blanchett's Leistung ist ebenso außergewöhnlich. Mit "Tár" darf sie nun völlig zurecht auf ihren dritten Oscar schielen, und mir fällt auch keine Leistung einer anderen Darstellerin ein, die sie übertrifft (auch nicht die von Ana de Armas). Man kauft ihr zu jeder Sekunde ab, dass dort eine herausragende Komponistin auf der Leinwand zu sehen ist, die ihr Handwerk nicht nur perfektioniert, sondern diesem sogar was Neues hinzugefügt hat. Man sollte sich den Film auch unbedingt in der Originalversion anschauen, da Blanchett dadurch, dass der Film zu großen Teilen in Berlin spielt, ständig zwischen der deutschen und der englischen Sprache hin und her wechselt, aber eben so authentisch, dass man tatsächlich daran zweifelt, dass sie hier nur eine Rolle spielt. Einfach großartig.

Tár ist eine absolute Empfehlung. Mit 158 Minuten vielleicht ein wenig zu lang geraten, aber dennoch ein Pflichtbesuch im Arthousekino
Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
  • Die neuesten FILMSTARTS-Kritiken
  • Die besten Filme