„Time is the thing. Time is the essential piece of interpretation.!
Regisseur Todd Field hat gerade mal drei Filme in seiner Karriere gemacht. Einer davon war „Little Children“, den ich sehr mochte. Der kam 2006 in die Kinos, seitdem hat Field keinen Film mehr gedreht… bis jetzt. 2022 brachte er „Tár“ heraus mit Cate Blanchett in der Hauptrolle. „Tár“ erhielt positive Kritiken, unzählige Preise, darunter sechs Oscar-Nominierungen (inkl. Bester Film). Hat der Film diese Resonanz verdient? In meinen Augen ja. Absolut und vollkommen! „Tár“ ist ohne Zweifel einer der besten Filme des Jahres für mich. Das bedeutet aber nicht, dass Fields Film für jeden geeignet ist.
Die fiktive Dirigentin Lydia Tár ist eine von den ganz Großen. Sie arbeitete mit unzähligen populären Menschen in der Industrie zusammen, hat eine Frau, ein Kind und steht vor ihrem neusten Konzert: Gustav Mahlers fünfte Sinfonie. Doch alles ändert sich als sie eine furchtbare Nachricht von einer ehemaligen Studentin erhält…
„Tár“ beginnt sehr langsam und das sollte man vorher wissen. Zudem taucht der Film immer wieder tief in die Musikgeschichte ein, auch hier könnte der Film einige Zuschauer abschrecken oder vielleicht langweilen. Wer mit klassischer Musik nicht viel anfangen kann, wird hier seine Schwierigkeiten haben, auch wenn der Film sich vor allem um die Protagonistin dreht. Auch die Länge des Films schreckt vielleicht einige ab. Knapp 160 Minuten sind eine ordentliche Laufzeit. Aber für mich zumindest war das kein Problem. „Tár“ ist nämlich nie langweilig. Der Fokus liegt auf Lydia, der Hauptfigur. Und sie ist wirklich faszinierend. Egal ob auf Proben oder im privaten Leben, ihre Figur ist spannend und facettenreich.
Der Film ist zum größten Teil sehr authentisch und realistisch inszeniert. „Tár“ spielt in der heutigen Zeit und baut sogar die Pandemie mit ein. Manchmal wirkt das Ganze fast wie eine Dokumentation, so real kommt einem das Ganze vor. Und trotzdem schafft es Regisseur Field auch metaphorische und symbolische Momente zu kreieren. Das Ganze ist relativ subtil, aber vor allem wenn der Film in eine Art Horror rutscht, dann nimmt sich das Werk auch die kreative Freiheit. Und genau hier wird es spannend: Was ist echt und was nicht? Das ist nicht immer klar und macht den Film so faszinierend, gerade wenn man ihn mehrmals sieht. „Tár“ ist einer dieser Filme, die einem viel Input geben, aber eben auch gezielt einiges weglassen. Man sollte das Ganze also sehr konzentriert und aufmerksam verfolgen, da es im Hintergrund immer wieder Dinge gibt, die den Film und die Protagonistin besser entschlüsseln.
Auch das Element der Zeit spielt eine tragende Rolle. Der Film startet, wie schon erwähnt, sehr langsam, aber das ist nicht immer so. Lydia sagt relativ früh über die Musik, dass das Wichtigste das Tempo ist. Es macht einen Unterschied, ob man ein Stück langsam oder schnell spielt. Und genau so spielt auch Regisseur Field mit dem Tempo der Story. Einige Szenen nehmen sich Zeit und andere scheinen fast zu kurz. Doch genau das liebe ich an dem Film. Dieses Element gibt dem Film eine zusätzliche, spannende Ebene, die sich auf verschiedene Arten interpretieren lässt.
Im Zentrum steht die große Cate Blanchett, die eine ihrer faszinierendsten Rollen spielt. Unfassbar, wie nuanciert ihr Spiel ist, obendrein hat sie auch das Orchester hier und da tatsächlich dirigiert. Aber ich möchte auch den Rest des Casts loben, denn alle geben eine tolle Performance. Die deutsche Nina Hoss zum Beispiel gefiel mir sehr und auch Noémie Merlant ist klasse. Daneben gibt es Mark Strong und Julian Glover zu sehen und Sophie Kauer kann mit ihren Cello-Künsten brillieren. Im Deutschen sind einige Synchronstimmen der Statisten etwas mau, was mich aber nicht gestört hat. Im Gegenteil, sie haben in meinen Augen sogar zum Realismus beigetragen, da auch die Dialoge sehr ehrlich und real wirkten. Todd Field schrieb übrigens auch das fantastische Drehbuch zum Film!
Die fantastische Kamera hat der Film tatsächlich einem Deutschen zu verdanken: Florian Hoffmeister. Beeindruckend! Der Film ist optisch zwar sehr subtil, aber dennoch kraftvoll und interessant gefilmt. Es wurde übrigens auch (passend zur Story) viel in Berlin und Dresden gefilmt.
Sprechen wir noch über die Musik: Hildur Guðnadóttir komponierte einige Stücke zum Film, aber das meiste ist real existierende, klassische Musik von Mahler oder Bach. Interessant ist, dass der Film keine wirkliche Filmmusik hat, nur wenn sie im Film selbst auch zu hören ist. Wobei ich das Gefühl hatte, dass in manchen (eher düsteren) Szenen ein leiser Ton zumindest zu hören war. Aber auch das macht „Tár“ so spannend in meinen Augen und lädt dazu ein den Film wieder und wieder zu schauen.
Fazit: „Tár“ ist ein großartiger Film, der mich noch lange beschäftigen wird. Ein faszinierendes Portrait über eine fiktive Figur in der echten Welt. Mitreißend gespielt, stark gefilmt und fantastisch inszeniert von Regisseur Todd Field!