Bei dem unter der Regie von Wim Wenders bereits 1995 entstandenen Werk ,,Die Brüder Skladanowsky“ kann man auch 30 Jahre später beim erneutem Sehen noch immer ins Schwärmen geraten. Sein Film begleitet den Glasmaler und Tüftler Ernst Skladanowsky, welcher gemeinsam mit seinen Brüdern Ernst und Eugen in allerlei abenteuerlichen Experimenten versucht, fotografischen Bildern ein filmisches Leben ein zu hauchen. Wender’s eigene filmische Reminiszenz an diese Zeit hat nichts von seinem Zauber eingebüßt. Die Faszination, welche die experimentellen Anfänge des Mediums Films von der Fotografie über das Daumenkino bis hin zu den laufenden Bildern auf Zelluloid auch heute noch birgt, kommt in Wim Wender’s Film auf liebevolle Weise spürbar zum Ausdruck. Aus technischer Sicht stilecht wurden die Spielszenen unter Verwendung einer antiquierten Kurbelkamera aufgenommen. Die Aufbereitung des Filmmaterials erfolgte mit Hilfe moderner Digitaltechnik, sodass ein visueller Erzählfluss nahezu ohne optische Brüche garantiert war. Seine Authentizität gewann Wender‘ s Werk insbesondere auch in der Implementierung einer Vielzahl musealer Fundstücke und Film- Schnipseln aus der Frühzeit der ,,Silent Movies“. Zur musikalischen Orchestrierung des Filmes kam hier nicht das traditionelle Klavier zum Einsatz, sondern eine spieltaugliche Filmmusik- Orgel aus dem Filmarchiv. Die von Laurent Petigant beigesteuerte Musik- Komposition ist wunderschön zum Hören, begleitet dabei passend die dargebotene Bildästhetik und lädt zum Träumen ein. Auch in der Besetzung der Filmrollen hat Wim Wender eine glückliche Wahl getroffen. So konnte Udo Kier in der Rolle des Max seine schauspielerischen Fähigkeiten durch eine expressive Mimik, ganz Stummfilm- Like, unter Beweis stellen. Erstmalig war auch Nadine Büttner in der Rolle von Max Skladanowsky’ Tochter und kindlicher Erzählerin zu sehen und erfüllt diese Aufgabe mit einer bemerkenswerten Unbefangenheit und Natürlichkeit. Beeindruckend ist auch das in Farbe gedrehte Kernstück des Filmes, in Gestalt eines auch in filmhistorischer Hinsicht wertvollen Interviews mit Lucie Hürgen- Skladanowsky, der realen Tochter des Protagonisten Max. Der Film- Crew gelingt es hier auf eine angenehm behutsame Weise, dieser zur Drehzeit 91- jährigen, gleichsam sachkundigen wie eloquenten Zeitzeugin die verborgenen Geheimnisse der Schatzkiste ihrer Erinnerungen zu entlocken. Auf Stichworte und Bildvorlagen hin vermag sie mit kleinen Anekdoten die Pionierzeit des Kintopps im Berlin der Jahrhundertwende zu neuem Leben zu erwecken. Nicht zuletzt wurde dieses Filmprojekt mit Unterstützung einer Handvoll filmenthusiastischer Studierenden der Filmhochschule München realisiert, welche bei den Interview- Szenen am Set zu sehen sind. Im Ergebnis ist ein kleiner Filmjuwel entstanden, welcher uns von der Kinderstube der Kinematografie erzählt, den tastend- experimentellen Anfängen einer Erzeugung, der in den 1890- Jahren so benannten ,,bioscopischen Lichtbilder“, sowie von der damaligen Konkurrenz des deutschen Trios mit ihrem Pendant in Frankreich, den Brüdern Lumiere, in der Entwicklung der avanciertesten Projektions- Technologie. In diesem Wettlauf versuchte jedes der beiden Brüderpaare sich zuerst in die Position zu bringen, dem ungläubig staunenden Publikum in den Varietees und Biergärten eine zuvor nie gesehene Attraktion bieten zu können. Triumph und Scheitern lagen da dicht beieinander. Gleichwohl ging es im Anno dazumal der Jahrhundertwende natürlich auch um das Ergattern von Patenten mit Blick auf lukrative Vermarktungschancen. Es galt daher auch, sich frühen Formen der Industrie- Spionage in Gestalt einer nicht nur sprichwörtlichen ,,Fensterguckerei“ zu erwehren. Bekanntlich machten später die Brüder Lumiere das Rennen und somit das große Geschäft im Metier der neuen Massenattraktion. Wim Wender’s Film führt uns ganz nah heran an die Wiege des Mediums Film, als die Präsentation der anfänglich kaum mehr als 1 Minute dauernden, mit Leim geklebten, leicht entflammbaren und mit Schuhösen perforierten Zelluloid- Streifen noch im Rahmen der Vorführung von Zaubertricks, Akrobatik und Tanzeinlagen auf der Bühne gezeigt wurden. Zu bewundern gab es Kosaken- Tanzfolklore, französischen Can Can, boxende Kängurus und alles was sonst noch vor die sprichwörtliche Linse lief. Wim Wenders schenkt uns mit seinem Film eine gleichermaßen warmherzige wie sachkundige filmgeschichtliche ,,Klamotte“ im nostalgischen Flair der s/w Flimmer- Projektion, übervoll mit Berliner Herz und Schnauze als Hommage an die ersten Gehversuche auf Uropa‘s visionärem Weg zum Kino.