„Martin liest den Koran“ - oder wie man in 104 Minuten lernen kann, dass man vielleicht doch nicht so toll ist, wie man dachte
Über diesen Film - und was er mit einem anstellt - zu schreiben, ohne zu spoilern, ist ein kleiner Kraftakt, aber nichts im Vergleich zu dem Kraftakt, den es braucht, ihn auszuhalten und erst recht nichts im Vergleich zu der Stärke, die man aufbringen muss, um sich danach nicht ggf. für die eigene Einfältigkeit zu schämen. Oder über die eigene Herrlichkeit nicht abzuheben. So oder so: beides muss man sich hier erarbeiten. Aber nur die Harten kommen in‘n Garten, was uns nicht umbringt, macht uns nur stärker, etc. pp., zwei Taler ins Phrasenschwein und jetze geht‘s rein:
Technik, die Wissen vor lauter Fühlen vergessen lässt …
Dass hier so viele Rezensenten auf die Technik des Regisseurs eingehen, ist wahrscheinlich kein Zufall. Es trägt vielmehr seiner Leistung Rechnung, die Inhalt-Bild-Schere sehr dicht geschlossen zu halten. Was passiert, ist was man sieht und was man sieht, wird was man fühlt. Was an einem strahlend hellen Sommertag beginnt, endet in einem düsteren Kammerspiel. Unterwegs dorthin gibt es keine bildlichen oder erzählerisch falschen Fährten - der Verlauf der Geschichte, die mentale Verfassung der beiden Protagonisten, die Wahl der Kulissen, die Art der Kameraführung, die Einstellungsgrößen, die Bildsprache, das Licht, das Tempo - alles ist fein miteinander verwoben, alles trägt sich gegenseitig und ist dabei bisweilen unerträglich. Weil es das auch sein soll. Der Regisseur verzichtet in seiner Bildsprache, Technik und Erzählweise auf Beschönigung oder Atempause. Bekommt dabei aber gleichzeitig den Kunstgriff hin, das Hässliche manchmal ästhetisch zu zeigen und die fehlende Atempause gut zu machen, wenn man einen langen Atem mitbringt. Ich gestehe: Der Film hat mich gestört und zwar nicht nur der Plot, sondern seine Machart, die mich hat Unbehagen fühlen lassen. Saule hat uns sehr lange da sitzen und herumirren lassen, auf diesen mal unendlich langen, mal sehr beengten, düsteren, hässlichen Fluren der Silberlaube. Ich konnte die alten Bodenbeläge noch riechen, es waren die selben, wie vor 20, ach was, wahrscheinlich 50 Jahren. Bestimmt kleben unter diesen Holzklapptischen in den Vorlesungsräumen immer noch die selben Kaugummis, riecht die Kantine immer noch nach Chlor, Menschenschweiß und Systemgastronomie. Man guckt und fragt sich: Warum sieht es da immer noch so aus, warum muss da so ein gebrochener muslimische Mann mit seiner kaputten Schulter so lange auf eine Audienz bei diesem deutschen Experten für Islamwissenschaften warten, wieso geht er nicht einfach nach Hause, sein Kaffeebecher ist längst leer, wieso gehe ich eigentlich nicht nach Hause, mein Bier ist schon viel längsterer leer (ja, ja, die Steigerung gibts nicht, beruhige dich, Linguistik-Lisa, weiss ich selbst. Und an alle Lisas, die Linguistik studieren: ihr seid nicht gemeint, ich kenne euch nicht, es war nur eine komische Alliteration)? Nein, ich kann nicht nach Hause, wenn der Typ am Ende eskaliert und hier irgendein AfD-Sympathisant sitzt, der was Unpassendes sagt, will ich dem etwas Passendes antworten. Ok, entspann dich, atme mal ganz tief durch die Hose, es sind noch keine 50 Sätze gefallen, wieso sinnierst du jetzt schon über so etwas, wieso sollten hier überhaupt Rechte im Kino sitzen? Nazis zahlen keinen Eintritt, um Ausländer doof zu finden, die gucken NIUS, hören ihre einschlägigen Podcasts und machen TikTok. Ruhig Blut. Warum so viel Emotionsbeitrag in einem Abschnitt über Technik und Regie? Weil: Ich hab mal mitteldoll gelernt, wie man Bild, ob Bewegt- oder Momentaufnahme, analysiert. Technik-Wirkung-Licht-Wirkung-Einstellung-Wirkung-Kamerafahrt-Wirkung-Kulisse-Wirkung-Winkel-Wirkung-Stille-Wirkung-Ton-Wirkung-Störung-Wirkung-Tempo-Wirkung- … wir konsumieren die ganze Zeit wie selbstverständlich eine Komposition aus Stil- und Technikmitteln, zigmal aufgenommen, geschnitten, postproduziert, ohne bewusst zu merken, dass jede Sequenz Ressourcen wie Arbeit, Zeit, Geld, Handwerk, Geduld und manchmal auch Mut kostet. Am Ende zahlen wir ein paar müde Mark für jahrelange Arbeit. Wie aufwändig die ist, kann ich eigentlich konsekutiv sehen. Ich observiere Filme gerne beim ersten Gucken, erst beim zweiten, dritten, x-ten Mal kommt das Fühlen richtig dazu. Nach der Aufführung im Babylon hab ich erst ein paar Stunden später kapiert, warum ich diesmal nicht so viel observiert, sondern mehr gefühlt habe und zwar nichts Gutes: Weil das Drehbuch genau das vorgesehen und der Regisseur es genau so umgesetzt hat. Ich hab vergessen, was ich weiss, weil ich zu beschäftigt damit war, zu fühlen, was ich sah.
… und sonst so?
Ich dachte aber zumindest, dass ich den Aufbau genau erkenne: Mein knapp 40-jähriges Ich hat mit der Selbstgefälligkeit meines 19-jährigen Ichs, das im Deutsch-LK gelernt hat, wie ein klassisches Drama aufgebaut ist, einen knapp zweistündigen Film geguckt: Exposition - Check, erregendes Moment - Check, Konflikt-Eskalation - Check, Höhe- und Wendepunkt - Check, retardierendes Moment - ja, da isses, das in der unausweichlichen Katastrophe enden wird - kommt gleich, und Punkt. Oh little did I know. Es war komplett andersherum. Mein in Wahrheit 40-jähriges, muslimisch gelesenes, tatsächlich aber nur migrantisches Ich hat den Plot durch meine „lebens- und berufserfahrene, sehr gebildete, politisierte, Rassismus, Islamismus, jeden -ismus, außer den Humanismus, ablehnende“-Brille geguckt und eingeordnet. Ich und ich, wir beide saßen da und dachten, wir kennen das Ende des Films, nach nicht einmal seiner Hälfte. Gott, oder wer auch immer, schütze unser selbstbewusstes Herz. Der Mann wird eskalieren. Das tragische Ende halt. Die „Klugen“ werden dann fragen „Warum hat er das gemacht? Warum wird das so geframed, warum wird ein gebrochener, einzelner Muslim, egal ob Konvertit oder nicht, der eine Gräueltat begeht, automatisch als ein islamistischer Terrorist, Mitglied einer Zelle womöglich, wahrgenommen? Aber ein deutscher rechtsextremistischer Attentäter ist ein verwirrter, schuldunfähiger Einzeltäter?“, die Rechten werden sagen „Na seht ihr, genau das haben wir uns hier reingeholt!“ und im Februar bestenfalls Schwarz, schlimmstenfalls Blau wählen (damals war noch Ende 2024). Weil es keine Filme über den Islam gibt, die - egal, wie differenziert sie sein mögen - nicht irgendwem dazu taugen, sie als Beleg für seine islamophobe, rassistische Weltsicht zu missbrauchen. Auch der hier wird von einem falschen Publikum falsch verstanden werden, so dachte ich. Und das, obwohl der Zuschauer zu keinem Zeitpunkt „auf eine falsche Fährte“ gelockt wird, die Wahrheit sogar „offen daliegt“. Und einem trotzdem erst in den letzten Minuten wie Schuppen von den Augen fällt. Ich hab das Kino im Abspann verlassen. Weil ich nicht mehr wusste, was ich einem blöden Kommentar entgegnen sollte, der von jemandem kommen könnte, der womöglich den selben letzten Akt erwartet hätte, wie ich, aber ihn halt anders eingeordnet hätte. Wie man am Ende etwas einordnet, sagt wohl „nur“ etwas über die eigene Perspektive aus („Kluge“ vs. „Rechte“ und so…). Aber vor jedem Ende steht ein Anfang. Und dazwischen liegt ein Weg. Welches Ende man schon am Anfang absieht und bis zum Finale erwartet, sagt viel mehr über eine der vielen Schubladen aus, in denen man sich so tummelt, ohne es zu merken. Über die gedanklichen Wege, die man vielleicht neben Leuten herläuft, die man eigentlich zum Weglaufen findet.
Wenn Sie glauben, Sie sind rechtschaffen, weil Sie links denken, handeln, wählen und/oder von Rassismus selbst betroffen sind und/oder gegen Rassismus, Antisemitismus und jede andere Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit aufstehen, dann gucken Sie diesen Film. Halten Sie ihn aus. Er ist eine unbehagliche Räuberleiter auf eine Mauer, die Sie nicht besteigen müssen, weil Sie nicht einfach so auf Ihrem Weg auftauchen wird. Aber jetzt, da Sie schon mal davon wissen, gehen Sie hin und trauen Sie sich. Wenn Sie dann oben stehen und runtergucken, springen Sie einfach mutig voran, indem Sie Ihr Selbstbewusstsein von vor 104 Minuten mit Ihrem Bewusstsein über sich selbst nach jenen 104 Minuten abgleichen. Landen Sie weich, stehen auf und alles ist noch gleich stabil? Oder sind Sie ein bisschen ungemütlicher gelandet, als Sie gedacht hätten? Glückwunsch, wenn alles paletti ist, keine Schande, wenn nicht. Wir sind alle hier, um einander - und vor allem uns selbst - kennenzulernen. Beides endet hoffentlich erst, wenn der Sargdeckel klappt. Noch‘n paar Taler ins Phrasenschwein - und fein.