Martin liest den Koran
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Banu_St
Banu_St

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5,0
Veröffentlicht am 7. Juni 2025
„Martin liest den Koran“ - oder wie man in 104 Minuten lernen kann, dass man vielleicht doch nicht so toll ist, wie man dachte

Über diesen Film - und was er mit einem anstellt - zu schreiben, ohne zu spoilern, ist ein kleiner Kraftakt, aber nichts im Vergleich zu dem Kraftakt, den es braucht, ihn auszuhalten und erst recht nichts im Vergleich zu der StĂ€rke, die man aufbringen muss, um sich danach nicht ggf. fĂŒr die eigene EinfĂ€ltigkeit zu schĂ€men. Oder ĂŒber die eigene Herrlichkeit nicht abzuheben. So oder so: beides muss man sich hier erarbeiten. Aber nur die Harten kommen in‘n Garten, was uns nicht umbringt, macht uns nur stĂ€rker, etc. pp., zwei Taler ins Phrasenschwein und jetze geht‘s rein:


Technik, die Wissen vor lauter FĂŒhlen vergessen lĂ€sst 


Dass hier so viele Rezensenten auf die Technik des Regisseurs eingehen, ist wahrscheinlich kein Zufall. Es trĂ€gt vielmehr seiner Leistung Rechnung, die Inhalt-Bild-Schere sehr dicht geschlossen zu halten. Was passiert, ist was man sieht und was man sieht, wird was man fĂŒhlt. Was an einem strahlend hellen Sommertag beginnt, endet in einem dĂŒsteren Kammerspiel. Unterwegs dorthin gibt es keine bildlichen oder erzĂ€hlerisch falschen FĂ€hrten - der Verlauf der Geschichte, die mentale Verfassung der beiden Protagonisten, die Wahl der Kulissen, die Art der KamerafĂŒhrung, die EinstellungsgrĂ¶ĂŸen, die Bildsprache, das Licht, das Tempo - alles ist fein miteinander verwoben, alles trĂ€gt sich gegenseitig und ist dabei bisweilen unertrĂ€glich. Weil es das auch sein soll. Der Regisseur verzichtet in seiner Bildsprache, Technik und ErzĂ€hlweise auf Beschönigung oder Atempause. Bekommt dabei aber gleichzeitig den Kunstgriff hin, das HĂ€ssliche manchmal Ă€sthetisch zu zeigen und die fehlende Atempause gut zu machen, wenn man einen langen Atem mitbringt. Ich gestehe: Der Film hat mich gestört und zwar nicht nur der Plot, sondern seine Machart, die mich hat Unbehagen fĂŒhlen lassen. Saule hat uns sehr lange da sitzen und herumirren lassen, auf diesen mal unendlich langen, mal sehr beengten, dĂŒsteren, hĂ€sslichen Fluren der Silberlaube. Ich konnte die alten BodenbelĂ€ge noch riechen, es waren die selben, wie vor 20, ach was, wahrscheinlich 50 Jahren. Bestimmt kleben unter diesen Holzklapptischen in den VorlesungsrĂ€umen immer noch die selben Kaugummis, riecht die Kantine immer noch nach Chlor, Menschenschweiß und Systemgastronomie. Man guckt und fragt sich: Warum sieht es da immer noch so aus, warum muss da so ein gebrochener muslimische Mann mit seiner kaputten Schulter so lange auf eine Audienz bei diesem deutschen Experten fĂŒr Islamwissenschaften warten, wieso geht er nicht einfach nach Hause, sein Kaffeebecher ist lĂ€ngst leer, wieso gehe ich eigentlich nicht nach Hause, mein Bier ist schon viel lĂ€ngsterer leer (ja, ja, die Steigerung gibts nicht, beruhige dich, Linguistik-Lisa, weiss ich selbst. Und an alle Lisas, die Linguistik studieren: ihr seid nicht gemeint, ich kenne euch nicht, es war nur eine komische Alliteration)? Nein, ich kann nicht nach Hause, wenn der Typ am Ende eskaliert und hier irgendein AfD-Sympathisant sitzt, der was Unpassendes sagt, will ich dem etwas Passendes antworten. Ok, entspann dich, atme mal ganz tief durch die Hose, es sind noch keine 50 SĂ€tze gefallen, wieso sinnierst du jetzt schon ĂŒber so etwas, wieso sollten hier ĂŒberhaupt Rechte im Kino sitzen? Nazis zahlen keinen Eintritt, um AuslĂ€nder doof zu finden, die gucken NIUS, hören ihre einschlĂ€gigen Podcasts und machen TikTok. Ruhig Blut. Warum so viel Emotionsbeitrag in einem Abschnitt ĂŒber Technik und Regie? Weil: Ich hab mal mitteldoll gelernt, wie man Bild, ob Bewegt- oder Momentaufnahme, analysiert. Technik-Wirkung-Licht-Wirkung-Einstellung-Wirkung-Kamerafahrt-Wirkung-Kulisse-Wirkung-Winkel-Wirkung-Stille-Wirkung-Ton-Wirkung-Störung-Wirkung-Tempo-Wirkung- 
 wir konsumieren die ganze Zeit wie selbstverstĂ€ndlich eine Komposition aus Stil- und Technikmitteln, zigmal aufgenommen, geschnitten, postproduziert, ohne bewusst zu merken, dass jede Sequenz Ressourcen wie Arbeit, Zeit, Geld, Handwerk, Geduld und manchmal auch Mut kostet. Am Ende zahlen wir ein paar mĂŒde Mark fĂŒr jahrelange Arbeit. Wie aufwĂ€ndig die ist, kann ich eigentlich konsekutiv sehen. Ich observiere Filme gerne beim ersten Gucken, erst beim zweiten, dritten, x-ten Mal kommt das FĂŒhlen richtig dazu. Nach der AuffĂŒhrung im Babylon hab ich erst ein paar Stunden spĂ€ter kapiert, warum ich diesmal nicht so viel observiert, sondern mehr gefĂŒhlt habe und zwar nichts Gutes: Weil das Drehbuch genau das vorgesehen und der Regisseur es genau so umgesetzt hat. Ich hab vergessen, was ich weiss, weil ich zu beschĂ€ftigt damit war, zu fĂŒhlen, was ich sah.



 und sonst so?

Ich dachte aber zumindest, dass ich den Aufbau genau erkenne: Mein knapp 40-jĂ€hriges Ich hat mit der SelbstgefĂ€lligkeit meines 19-jĂ€hrigen Ichs, das im Deutsch-LK gelernt hat, wie ein klassisches Drama aufgebaut ist, einen knapp zweistĂŒndigen Film geguckt: Exposition - Check, erregendes Moment - Check, Konflikt-Eskalation - Check, Höhe- und Wendepunkt - Check, retardierendes Moment - ja, da isses, das in der unausweichlichen Katastrophe enden wird - kommt gleich, und Punkt. Oh little did I know. Es war komplett andersherum. Mein in Wahrheit 40-jĂ€hriges, muslimisch gelesenes, tatsĂ€chlich aber nur migrantisches Ich hat den Plot durch meine „lebens- und berufserfahrene, sehr gebildete, politisierte, Rassismus, Islamismus, jeden -ismus, außer den Humanismus, ablehnende“-Brille geguckt und eingeordnet. Ich und ich, wir beide saßen da und dachten, wir kennen das Ende des Films, nach nicht einmal seiner HĂ€lfte. Gott, oder wer auch immer, schĂŒtze unser selbstbewusstes Herz. Der Mann wird eskalieren. Das tragische Ende halt. Die „Klugen“ werden dann fragen „Warum hat er das gemacht? Warum wird das so geframed, warum wird ein gebrochener, einzelner Muslim, egal ob Konvertit oder nicht, der eine GrĂ€ueltat begeht, automatisch als ein islamistischer Terrorist, Mitglied einer Zelle womöglich, wahrgenommen? Aber ein deutscher rechtsextremistischer AttentĂ€ter ist ein verwirrter, schuldunfĂ€higer EinzeltĂ€ter?“, die Rechten werden sagen „Na seht ihr, genau das haben wir uns hier reingeholt!“ und im Februar bestenfalls Schwarz, schlimmstenfalls Blau wĂ€hlen (damals war noch Ende 2024). Weil es keine Filme ĂŒber den Islam gibt, die - egal, wie differenziert sie sein mögen - nicht irgendwem dazu taugen, sie als Beleg fĂŒr seine islamophobe, rassistische Weltsicht zu missbrauchen. Auch der hier wird von einem falschen Publikum falsch verstanden werden, so dachte ich. Und das, obwohl der Zuschauer zu keinem Zeitpunkt „auf eine falsche FĂ€hrte“ gelockt wird, die Wahrheit sogar „offen daliegt“. Und einem trotzdem erst in den letzten Minuten wie Schuppen von den Augen fĂ€llt. Ich hab das Kino im Abspann verlassen. Weil ich nicht mehr wusste, was ich einem blöden Kommentar entgegnen sollte, der von jemandem kommen könnte, der womöglich den selben letzten Akt erwartet hĂ€tte, wie ich, aber ihn halt anders eingeordnet hĂ€tte. Wie man am Ende etwas einordnet, sagt wohl „nur“ etwas ĂŒber die eigene Perspektive aus („Kluge“ vs. „Rechte“ und so
). Aber vor jedem Ende steht ein Anfang. Und dazwischen liegt ein Weg. Welches Ende man schon am Anfang absieht und bis zum Finale erwartet, sagt viel mehr ĂŒber eine der vielen Schubladen aus, in denen man sich so tummelt, ohne es zu merken. Über die gedanklichen Wege, die man vielleicht neben Leuten herlĂ€uft, die man eigentlich zum Weglaufen findet.

Wenn Sie glauben, Sie sind rechtschaffen, weil Sie links denken, handeln, wĂ€hlen und/oder von Rassismus selbst betroffen sind und/oder gegen Rassismus, Antisemitismus und jede andere Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit aufstehen, dann gucken Sie diesen Film. Halten Sie ihn aus. Er ist eine unbehagliche RĂ€uberleiter auf eine Mauer, die Sie nicht besteigen mĂŒssen, weil Sie nicht einfach so auf Ihrem Weg auftauchen wird. Aber jetzt, da Sie schon mal davon wissen, gehen Sie hin und trauen Sie sich. Wenn Sie dann oben stehen und runtergucken, springen Sie einfach mutig voran, indem Sie Ihr Selbstbewusstsein von vor 104 Minuten mit Ihrem Bewusstsein ĂŒber sich selbst nach jenen 104 Minuten abgleichen. Landen Sie weich, stehen auf und alles ist noch gleich stabil? Oder sind Sie ein bisschen ungemĂŒtlicher gelandet, als Sie gedacht hĂ€tten? GlĂŒckwunsch, wenn alles paletti ist, keine Schande, wenn nicht. Wir sind alle hier, um einander - und vor allem uns selbst - kennenzulernen. Beides endet hoffentlich erst, wenn der Sargdeckel klappt. Noch‘n paar Taler ins Phrasenschwein - und fein.
Alexej Stele
Alexej Stele

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5,0
Veröffentlicht am 6. Juni 2025
Ein einzigartiger Film, den man noch eine Weile mitnimmt, nachdem man ihn gesehen hat. Denn die Auseinandersetzung mit der Interpretation des Korans ist nur die erste Ebene. Je mehr ich mich mit dieser Ebene beschÀftigt habe, desto mehr konnte ich das Erfahrene auf viele andere Ebenen, sowohl persönliche, als auch gesellschaftliche, ableiten. Mehr davon bitte.
Maria Golova
Maria Golova

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5,0
Veröffentlicht am 30. Mai 2025
Der Film Martin liest den Koran hat mir sehr gut gefallen. Er behandelt ein hochaktuelles Thema auf eine ehrliche und tiefgrĂŒndige Weise. Besonders beeindruckt hat mich das unerwartete Ende – ein Twist, der zum Nachdenken anregt und die Perspektive auf das Gesehene verĂ€ndert. Der Film zwingt die Zuschauer, kritisch zu reflektieren und eigene Vorurteile zu hinterfragen. Sehr empfehlenswert!
Yvonne B
Yvonne B

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5,0
Veröffentlicht am 25. Mai 2025
„Martin liest den Koran“ gehört zweifellos zu den kraftvollsten BeitrĂ€gen des Festivals. Der Film konfrontiert sein Publikum nicht nur mit einem hochaktuellen Thema, sondern tut dies mit einer erzĂ€hlerischen wie Ă€sthetischen Konsequenz, die nachwirkt. Die Kameraarbeit ist bemerkenswert dynamisch. Schnelle Bewegungen und intensive Bildkompositionen erzeugen eine emotionale Dichte, die den Zuschauer direkt ins Geschehen zieht. Jede Einstellung ist durchdacht und erzĂ€hlt mit – visuell wie atmosphĂ€risch. Besonders hervorzuheben sind die beiden Hauptdarsteller, deren Spiel tief berĂŒhrt. Mit beeindruckender PrĂ€senz und psychologischer Feinzeichnung tragen sie die emotionale Wucht der Geschichte, glaubwĂŒrdig, kraftvoll, authentisch. Regisseur Jurijs Saule gelingt es, ein schwieriges Thema differenziert zu verhandeln, ohne zu vereinfachen. Statt moralischer Zeigefinger, komplexe Figuren und ein Plot, der sich konsequent seiner eigenen Dunkelheit stellt, um am Ende dennoch Hoffnung aufscheinen zu lassen. Ein mutiger Film, formal wie inhaltlich, der nicht nur verstanden, sondern gefĂŒhlt werden will.
Diana Mora8c
Diana Mora8c

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5,0
Veröffentlicht am 14. April 2025
Der Film stellt nicht nur eine Frage, die sich heute kaum noch jemand zu stellen wagt, sondern stellt auch die gesamte Ästhetik und die Trends des deutschen und europĂ€ischen Kinos infrage. Die KamerafĂŒhrung ist absolut neuartig und wird in Zukunft Thema filmwissenschaftlicher Studien sein (leider erkennt die Geldmaschine das nicht – aber die Geldmaschine hat noch nie das Genie eines großen Regisseurs erkannt, also ist es nicht ĂŒberraschend, dass die Industrie diesem Film nicht den Wert beimisst, den er verdient).

Das ist kein gewöhnlicher Film und sollte auch nicht nach den MaßstĂ€ben eines gewöhnlichen Films bewertet werden. Wenn du nach etwas suchst, das wirklich „outside the box“ ist – und nicht irgendeine politische Propagandasache – dann triffst du mit diesem Film die richtige Wahl.

Er wird dich verstören, zum Lachen bringen, zum Weinen, er wird dir Angst machen. Und er wird dich daran erinnern, dass Kunst nicht dazu da ist, das Ego des Publikums oder der Akademie zu streicheln – Kunst ist dazu da, den Menschen herauszufordern, in ihre eigene Dunkelheit zu blicken.
Juulikene
Juulikene

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5,0
Veröffentlicht am 13. April 2025
Was mich an diesem Film besonders beeindruckt hat, war die Kameraarbeit. Sie war mehr als nur ein Mittel zur Bildgestaltung – sie hat das Geschehen mit feinem, oft humorvollem Unterton kommentiert und uns als Zuschauer subtil durch die Handlung gefĂŒhrt. Die KamerafĂŒhrung steckt voller Hinweise, die man beim ersten Mal vielleicht gar nicht alle wahrnimmt. Es lohnt sich definitiv, den Film mehrmals zu sehen, um all die kleinen visuellen Details und Signale zu entschlĂŒsseln.

Was der Regisseur sich hier gedacht hat, ist nicht nur intelligent, sondern auch mutig – ein solches Niveau an visuellem ErzĂ€hlen hat man noch nie im Deutschen Kino gesehen. Die Kamera hilft dabei nicht nur, den sehr dialogreichen Stoff zugĂ€nglicher zu machen, sondern verleiht ihm auch Leichtigkeit und Tiefe.

Gleichzeitig muss man die herausragende Leistung der Schauspieler hervorheben: Mit viel FeingefĂŒhl, Humor und emotionaler PrĂ€zision bringen sie ihre Rollen auf eine kluge, authentische Art zum Leben. Ihre Mimik, ihr Timing – alles sitzt. Das verlangt nicht nur außergewöhnliches schauspielerisches Talent, sondern auch eine Regie, die weiß, wie man solche Leistungen herauskitzelt.

FĂŒr mich eine ganz klare Empfehlung ! Ein Film, der visuell wie inhaltlich begeistert und lange nachwirkt.
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