Eindringliches, intensives und ja, auch ein bisschen zu langes Drama um eine junge Frau, die auf bittere Art und Weise einige Wahrheiten des Lebens lernen muss. Hier wird ja oft der Vergleich mit "Pretty Woman" gezogen, ein Stück weit ist das auch gar nicht so verkehrt, letztlich geht der Film dann aber in eine völlig andere Richtung.
Die erste Hälfte wird dominiert von ausschweifenden Partys mit Alkohol, Drogen und Sex, es gibt nichts anderes in dem Leben von Wanja, naja, vielleicht noch die Playstation, aber mehr dann auch nicht. Er ist der Prototyp eines verwöhnten kindischen Bengels, der nie etwas anderes als dieses dekadente Luxusleben erlebt hat. Und na klar, dann gehtÄs mit ihm durch, erst kauft er sich eine Freundin für eine Woche (wobei sie am Ende ja kaum mehr als eine Sexgespielin ist) und heiratet sie dann, ja klar. Diese erste Hälfte ist aber zu lang geraten. Insgesamt geht der Film ja über zwei Stunden, es wird zwar ziemlich gut der Spirit dieses maximal dekadenten überbordenden, ausschweifenden Exzess-Party-Lebens, als ob es kein morgen gäbe, eingefangen, das stimmt schon, man bekommt ein gutes Gefühl für die Lebenswelt von Wanja. Aber eine Straffung um vielleicht 20 Minuten hätte dem Film am Ende eher geholfen.
Wier auch immer, Anora geht da anfänglich auch ziemlich naiv ran, ihre Lektion lernt sie erst im Verlauf der letzten 30 Minuten des Films und alles kulminiert in einer sehr eindringlichen und emotional sehr heftigen Schlussszene. Wo zu Beginn ein ständig wummernder Soundtrack dominiert, kommt das letzte Kapitel des Films vollständig ohne Musik aus, was dem ganzen dann natürlich nochmal eine sehr tragische, emotionale Komponente einbringt.
Sprechen müssen wir auf jeden Fall über die Performance von Mikey Madison. Ich kannte sie ehrlich gesagt vorher gar nicht, bin aber sehr beeindruckt von ihrer Leistung. Wie sie zunächst das kleine, naive, ja "Pretty Woman"-Mädchen spielt, die sich voller Überschwang in diese abartige Welt von Konsum und Party wirft und komplett ihren gesunden Menschenverstand ausschaltet, sich nur dem Rausch hingibt, ist schon stark. Ihre Wandlung dann (oder vielleicht ihre wahre Seite) zur BadAss-Arschtritt-Frau kommt zwar relativ plötzlich, ist aber so glaubhaft und toll gespielt, dass einem das gar nicht auffällt, dass dieser Turn auch vom Drehbuch kaum vorbereitet wurde. Aber es ist schon stark, wie sie fluchend und schreiend (wie oft benutzt sie den Ausdruck "Motherfucker"?) sich gegen diese rücksichtslosen Unterdrücker zur Wehr setzt, sprichwörtlich mit Händen und Füßen, ist schon eindrucksvoll. Und dann am Ende doch umsonst, als sie die Wahrheit erkennt, dass Rausch und Machtmissbrauch mit Liebe verwechselt wurde.
FAZIT: Eindringlich und emotional berührendes Drama mit einer tollen Schauspielerin, die unter die Räder in einer rücksichtslosen, perfide dekadenten Parallelwelt gerät und so auf bittere Weise etwas über das Leben erfährt. Opulente bebildert, aber in der Laufzeit am Ende zu lang. Dennoch absolut sehenswert!