Absurder Pessimismus getarnt als Realismus
Enthält Spoiler.
In Interviews erklärte die Regisseurin, dass sie den Hof während der Pandemie erstmals besuchte und dort Urlaub machte. Sie schildert, wie sie in einer ruhigen Ecke des Hauses saß und fasziniert war von der Vorstellung, dass an genau diesem Ort „vor 100 Jahren, vor 80 Jahren wilde Dinge passiert sind“ — dass „Dramatisches und Banales an derselben Stelle geschehen“ sei.
Während ihrer Recherchen stieß sie nach eigener Aussage vor allem auf ein „idyllisches Bild“ des Lebens auf dem Hof. Diesem konnte sie aber nicht glauben — warum eigentlich, bleibt unklar. Dann entdeckte sie einen Satz in den Archiven:
„Die Magd muss für den Mann ungefährlich gemacht werden.“
In Interviews gibt sie offen zu, dass ihre weiteren Recherchen ins Leere liefen, was dieser Satz jetzt eigentlich bedeutet. Also beschloss sie, den Satz „halluzinatorisch“ (nach eigener Aussage) weiterzudenken:
Sie stellte sich vor, dass die Magd zwangssterilisiert wurde.
Danach, so ihre Fantasie, sei sie jede Nacht von den Männern des Hofes missbraucht worden.
Das alles ist nicht durch Quellen belegt. Es ist eine freie Erfindung. Und es wirkt absurd. Was für ein krankes Weltbild muss man eigentlich haben, damit das wie die plausibelste Erklärung wirkt?
Historisch viel naheliegender wäre die Deutung, dass es hier um moralische Kontrolle ging: sittsame Kleidung, räumliche Trennung, das Vermeiden von Versuchung, die Bewahrung von „Anstand“. Doch die Regisseurin entschied sich für das genaue Gegenteil — und dieser Ansatz prägt den gesamten Ton des Films.
Was folgt, ist eine über vier Generationen gespannte Erzählung, die in einer Atmosphäre von Unheil, Missbrauch und Verzweiflung ertränkt wird.
Der Film beginnt mit einer Szene, in der ein tyrannischer Hausherr eine Magd ohrfeigt.
Nach dem Krieg laufen mehrere Frauen angeblich mit Steinen in den Taschen in den Fluss, um Übergriffen durch die Besatzung zu entgehen — eine kollektive Verzweiflungstat, die historisch kaum plausibel wirkt.
Ein Elternpaar jagt sogar den eigenen Sohn, um ihm mit einer Sichel den Arm abzuhacken, damit er nicht eingezogen wird — anstatt ihn zu verstecken oder andere Wege zu finden.
Fast jede Szene wird von dröhnenden, unheilvollen Klängen unterlegt, jede Einstellung wirkt von einer negativen Grundstimmung durchzogen. Sogar eine einfache Heuwagenfahrt wird zu einem Albtraum und endet im Tod.
Dabei hatte die Regisseurin in ihren Recherchen Hinweise auf Idylle und Normalität gefunden. Im Film aber ist davon nichts mehr übrig: Das dargestellte Bild ist einseitig grau, gewaltvoll und bedrückend — ein Albtraum, der als Historie inszeniert wird.
Bei der Premiere in Cannes erzählte Hauptdarstellerin Lena Urzendowsky, dass ein Mann nach der Vorstellung zu ihr gesagt habe:
„Nachdem ich den Film gesehen habe, habe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben dafür geschämt, ein Mann zu sein.“
Die Schauspielerin nahm das als Bestätigung, und auch die Regisseurin zeigte sich damit zufrieden — als wäre kollektive Schuld irgendeine positive künstlerische Leistung, lmao.
Wir haben den Film mit vier Frauen gesehen. Keine von uns konnte sich mit den Figuren identifizieren oder deren Handlungen nachvollziehen.
Am Ende wirkt der Film wie eine verwässerte Version von Lars von Triers „Melancholia“: übermäßig melodramatisch, ohne die notwendigen Kontraste, verzweifelt auf Gravitas aus.
Es fehlte eigentlich nur noch, dass irgendein Bauer ein Schwein missbraucht, um die Stimmung endgültig ins Extreme zu treiben.
Das Ergebnis ist ein verzerrtes, pessimistisches Zerrbild der Vergangenheit:
Anschuldigungen ohne Belege, Trauma ohne Zwischentöne, Leid ohne Hoffnung.
Und dennoch: Die handwerkliche Qualität ist unbestreitbar.
Beeindruckende Kameraarbeit, präzises Color Grading, meisterhafte Kostüme.
All das jedoch verschwendet an eine Erzählung, die in sich selbst verloren wirkt, die so besessen ist vom eigenen Pessimismus. Das im Feuilleton viel besprochene "sich kollektiv darin wiederfinden" ist mehr manufactured consent als wahre Identifikation...
Fazit
Ein visuell herausragender, aber inhaltlich fehlgeleiteter Film.
Eine ausufernde Unheils-Fantasie, die historische Realität durch düsteren Pessimismus ersetzt.
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