Mehr als nur ein Film über Rassismus!
„Wer die Nachtigall stört“ (im Original „To Kill a Mockingbird“) gilt als eines der wichtigsten Bücher in der amerikanischen Literatur. Das Werk der Autorin Harper Lee hat bis heute einen großen Einfluss und wird als Klassiker angesehen. In der Mitte des 20. Jahrhunderts war es gar nicht so unüblich, dass derartige Bücher nach kurzer Zeit verfilmt werden. Im Fall von „Wer die Nachtigall stört“ vergingen sogar nur zwei Jahre. Das Buch erschien 1960 und der Film kam 1962 in die Kinos. Obwohl viele Produzenten in Hollywood dem Stoff nur wenig Vertrauen entgegen brachten, verfilmte Robert Mulligan das Ganze mit großem Erfolg. Der Film war an den Kinokassen erfolgreich, erhielt drei Oscars (darunter das beste Drehbuch und die Trophäe für den besten Hauptdarsteller) und wird auch nach über 60 (!) Jahren von Kritikern und Publikum hoch geschätzt. Doch hat der amerikanische Klassiker auch heute noch das Zeug zu einem guten, unterhaltsamen Streifen? Und behandelt der Film das Thema Rassismus wirklich so gut?
Die Geschichte spielt in den 30ern, Alabama: In der fiktiven Kleinstadt Maycomb lebt der Anwalt Atticus Finch mit seinen beiden Kindern, der kleinen Scout und dem älteren Jem. Während der Vater die Verteidigung für den schwarzen Arbeiter Tom Robinson übernimmt, streunen die Kids nachts herum, um einen Blick auf den verwahrlosten Nachbarsjungen Boo Radley zu werfen, um den sich die kuriosesten Gerüchte sammeln. Doch als die Bewohner der Stadt anfangen sich gegen Atticus zu stellen, da er in ihren Augen „unmoralisch“ handelt, entsteht für die kleine Familie eine wirkliche Bedrohung…
„Wer die Nachtigall stört“ wurde vor allem durch seine Rassismus-Thematik bekannt. Aus heutiger Sicht sind einige Momente im Film natürlich nicht mehr so gut gealtert, wie etwa die häufige Verwendung des N-Wortes, auch wenn das historisch gesehen sicherlich akkurat ist. Am negativsten dürfte aber das Klischee des „weißen Retters“ anmuten, welches hier stellenweise zelebriert wird. Das alles sind Dinge, die man kritisieren kann und auch sollte. Aber haben sie den Film wirklich geschwächt? Nicht wirklich, zumindest in meinen Augen. Denn auch wenn der Rassismus-Aspekt stark im Fokus der Story steht, so ist die Message doch etwas vielschichtiger.
Die Geschichte wird quasi aus der Sicht der Kinder erzählt. Jem und Scout erleben vor allem im ersten Teil des Films die meisten Zwischenfälle, sind später dann aber vor allem Zuschauer und Zuschauerin. Und es ist nicht nur die Geschichte um Tom Robinson, sondern auch die um den Nachbarsjungen Boo. Und der Film und natürlich auch die Story des Buches zeigen hier viel Mitgefühl für alle Minderheiten. Denn Atticus selbst sagt es: „Um jemand anderen zu verstehen, muss man seine Haut tragen.“ Und dieser Lektion versuchen die Kinder, vor allem Scout, zu folgen. Sie haben Mitgefühl für die schwächeren in ihrer Gesellschaft. Dass sie dabei auf viel Gegenwind stoßen, ja sogar Hass und Gewalt, ist nicht verwunderlich, wenn man die Zeit bedenkt, in der das Ganze spielt.
Auch wenn das Ende dahingehend versucht eine Brücke zu schlagen, so ist es für mich doch einer der schwächsten Aspekte des Films, denn hier wird etwas zu forciert eine Art „Happy End“ gebaut. Die Aussage des Films ist eine schöne und wichtige, doch sie geht am Ende etwas im Kitsch unter. Dabei hätte der Film gut 15 Minuten früher ein wirklich bewegendes und kraftvolles Ende haben können…
Schauspielerisch ist das Werk wirklich beeindruckend. Die älteren Darsteller*innen sind allesamt sehr toll, allen voran natürlich Gregory Peck in seiner wohl größten Rollen. Auch Brock Peters als Tom Robinson ist klasse in den wenigen Szenen, in denen er zu sehen ist. Am meisten haben mich jedoch die wunderbaren Kinderdarsteller*innen überzeugt. Phillip Alford als Jem, der süße John Megna als kleiner Dill und besonders Mary Badham als freche und rebellische Scout haben mich begeistert mit ihrem natürlichen und sympathischen Spiel. Umso erstaunlicher, dass alle drei vorher keine Schauspielerfahrungen hatten und ebenso schade, dass alle drei danach keine wirkliche Karriere mehr im Business hatte…
Der Film ist sehr solide gefilmt und besticht durch einen emotionalen Score von Elmer Bernstein. Mir fiel nur auf, dass in manchen Momenten im Gerichtssaal ganz leise Musik zu hören war, die jedoch überhaupt nicht gepasst hat und immer wieder abrupt endete. Ob das an der Blu-Ray liegt oder am Film selbst kann ich jedoch nicht sagen…
Fazit: „Wer die Nachtigall stört“ ist auch heute noch ein ergreifender Film, der trotz seiner schweren Thematik mit viel Herz und etwas Humor aufwarten kann. Die Message ist heute so wichtig, wie damals. Vielleicht heute sogar umso mehr… Dabei geht es nicht nur um Rassismus, sondern um die generelle Gefahr, die von Hass und Angst ausgeht. In meinen Augen gibt es in diesem Bereich zwar stärkere Filme, aber „Wer die Nachtigall stört“ ist trotzdem kraftvoll und wichtig!