Erschreckend aktuell, filmisch herausragend und leider etwas zu christlich angehaucht!
Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón ist einer der talentiertesten kreativen Köpfe des 21. Jahrhunderts. Auch wenn er seit 1991 Filme dreht, so wurde er doch vor allem durch seine tolle Verfilmung des dritten „Harry Potter“-Films in 2004 berühmt. Zwei Jahre später adaptierte Cuarón dann das dystopische Buch „Children of Men“ von P. D. James unter gleichem Namen. Und es ist schon irgendwie witzig, wie extrem unterschiedlich „Children of Men“ zu „Harry Potter“ ist: Vom humorvollen Fantasy-Film mit Kindern, die gegen Werwölfe und dergleichen kämpfen, zu einem der düstersten Actionthrillern des Jahrtausends.
„Children of Men“ sorgte für Aufsehen und war unter anderem für drei Oscars nominiert. Und mittlerweile (Stand 2025) ist das Werk fast 20 Jahre alt und hat sich erschreckend gut gehalten, während die religiösen Aspekte im Film dem Ganzen auch Kritik brachte. Doch egal wie positiv oder negativ man diese Dinge bewertet und analysiert: „Children of Men“ ist ein filmisches Erlebnis sondergleichen. Cuarón konnte 2018 mit „Roma“ ein ähnlich mitreißendes Werk abliefern. Doch „Children of Men“ sticht auch heute noch aus dem filmischen Mainstream heraus. Wieso?
Erstmal zur Story: Die Welt steht 2027 am Abgrund. Terror, Epidemien und die Zerstörung der Umwelt haben die Menschheit in eine Art Vorhölle gebracht. Nur England scheint noch stabil zu bleiben. Doch das Schlimmste: Seit 18 Jahren werden keine Kinder mehr geboren. Damit ist es amtlich: Die Menschen werden aussterben. Doch die Hoffnung liegt in der jungen Frau Kee, denn sie ist schwanger. Mithilfe des trinkenden und zynischen Theos soll Kee nun zum sogenannten „Human Project“ gebracht werden. Hier soll durch Kee heraus gefunden werden, wie man das Aussterben der Menschheit aufhalten kann…
Sehr ironisch, dass der Film im Jahre 2027 spielt und damit nun fast die Gegenwart erreicht hat. Im Gegensatz zu „Zurück in die Zukunft II“ jedoch, hat „Children of Men“ die Zukunft recht gut getroffen. Leider zu gut… Von Pandemien bis hin zum Faschismus, ist alles dabei. Und wir, die echte Menschheit, sind leider sehr nah an diesem düsteren Endzeitszenario. Gerade der Umgang mit Flüchtlingen wird hier im Film sehr echt und traumatisch gezeigt und ist dadurch umso wichtiger in der heutigen Zeit.
Die Geschichte ist aber auch ohne aktuellen Bezug sehr politisch aufgeladen, gerade der Umgang mit Kee und ihrem Baby wirft oft die Frage auf: Wie sieht die Zukunft für die Mutter und ihr Kind aus? Da gibt es die radikale Fisher-Gruppe, die das Kind instrumentalisieren wollen, während Theo einfach das ungeborene Baby gesund zur Welt bringen will. Theo spielt dabei eine besondere Rolle, da er als zynischer Mensch die Hoffnung auf eine positive Zukunft aufgegeben hat. Zudem wird er gespielt von Clive Owen, der in den 2000ern durch „Sin City“ oder „Shoot ´Em Up“ zum Actionstar wurde. Hier aber spielt er eine Figur, die nur in den seltensten Fällen selber kämpft und das auch nur aus Notwehr. Ansonsten ist er stets auf der Flucht und versucht sich und Kee zu retten. Innerhalb der ganzen Kriegsschlachten sehen wir in ihm eine Art Menschlichkeit, die versucht zu überleben.
„Children of Men“ ist voll von diesen symbolischen Momenten und gerade die angesprochenen religiösen Aspekte der Story sind immer wieder klar zu erkennen. Ein Kind, welches als Rettung der Menschheit fungiert und den Frieden bringt (sehr präsent in einer Szene gegen Ende). Leider sind es gerade diese Momente, die mir etwas sauer aufgestoßen sind. Ich würde zwar nicht sagen, dass der Film christliche Propaganda betreibt, doch die Parallelen sind schon klar erkennbar. Und für einen Atheisten wie mich, ist so etwas irgendwie immer schwierig anzusehen. Der Film spielt mit der Idee, dass alle Menschen von ihren Sünden früher oder später eingeholt werden, indem die ganze Welt zusammen bricht, wortwörtlich! Am Ende steht hier eine recht konservative Botschaft im Zentrum, da sowohl die linke als auch die rechte Seite als praktisch gleiches Übel dargestellt wird. Und das hat mich leider etwas gestört, was so schade ist, da der restliche Film das Potential hat ein sozialkritisches Meisterwerk zu sein.
Da wären unter anderem die starken Darsteller*innen: Clive Owen gibt hier eine seiner besten Leistungen als Theo und Michael Caine zeigt vielleicht seine beste Rolle überhaupt, was ich wirklich wundervoll fand. Daneben glänzen die noch jungen Chiwetel Ejiofor und Charlie Hunnam, sowie Julianne Moore. Nur Claire-Hope Ashitey als Kee war schauspielerisch etwas blass an manchen Stellen.
Neben einem tollen Score von John Tavener, überzeugt aber vor allem der visuelle Teil: „Children of Men“ ist in Sachen Optik, Production Design und Action auf absolutem Top Niveau. Kameramann Emmanuel Lubezki machte sich mit dem Film nicht umsonst einen Namen, denn die langen One-Takes sind absolut fantastisch und mitreißend. Immer wieder haben wir lange, ungeschnittene Einstellungen, die unfassbar genau choreografiert sind und durch ein perfektes Zusammenspiel aus CGI und echten Locations ikonische Filmmomente schufen. Dazu kommt eine (im wahrsten Sinne) bewegende Kameraführung, die fast ausschließlich mit einer Handkamera gefilmt wurde, um den Zuschauer*innen so einen realistischeren Blick in die Welt zu geben. In den 2000ern war diese Art des Filmens leider überall und wurde viel zu oft falsch benutzt (gerade für Actionszenen), aber Cuarón und sein Team bauten diese Technik absolut sinn- und kraftvoll in ihr Werk mit ein.
Nur das CGI-Baby hat mich etwas verwirrt. Natürlich kann man in großen Actionszenen kein echtes Baby dabei haben, aber es gab viele Einstellungen, in denen man ohne Probleme ein echtes Kind hätte nutzen können. Auch wenn die Technik für 2006 wirklich beachtlich ist, so ist der Uncanny Valley-Effect ziemlich hoch…
Fazit: Trotz all den Problemen, die ich mit dem Film habe, ist „Children of Men“ einer der bewegendsten und gnadenlosesten Filme, die ich seit Langem gesehen habe. Das Werk ist erstaunlich aktuell mit seiner Thematik und rein filmtechnisch unfassbar gut gemacht. Alfonso Cuarón ist zurecht ein begnadeter Filmemacher, der selbst mit einem seiner schwächeren Filme absolut begeistern kann!