Sozialthriller, Horror- und Actionfilm: Wir sprechen mit der Regisseurin von "Heldin" über ihren eindrucksvollen Berlinale-Hit
Susanne Gietl
Susanne Gietl
-Freie Autorin
Susanne Gietl ist freie Kulturjournalistin und lebt in Berlin. Sie liebt es, mit Kunstschaffenden in Interviews und Publikumsgesprächen über ihre Arbeit zu sprechen. Sie fühlt sich bei Arthouse-Filmen zu Hause, traut sich dafür aber selten in Horrorfilme.

Auf der Berlinale hat „Heldin“ bereits für Aufmerksamkeit gesorgt, denn die Premiere nutzten auch Pflegekräfte, um auf die teils miserablen Zustände im Gesundheitssektor aufmerksam zu machen. Wir hatten die Regisseurin Petra Volpe im Gespräch.

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Pflegenotstand ist ein Krimi und das Verbrechen sind die Umstände, unter denen Pflegende arbeiten müssen. Mit großer Wucht spielt Leonie Benesch („September 5“, „Das Lehrerzimmer“) in „Heldin“, der am 27. Februar 2025 in den deutschen Kinos gestartet ist, eine Pflegekraft, die in ihrer Schicht unter großen Druck gerät, als ihr ein Fehler unterläuft.

Spannungsreich setzt Regisseurin und Drehbuchautorin Petra Volpe das trockene Thema des Pflegenotstands um, bei der die geringste Unaufmerksamkeit Leben kosten kann, erzählt aber auch vom Spagat zwischen Gefühl und Routine. Dass sich Volpe sogar beim Horrorfilm bedient hat, erklärt die Regisseurin im FILMSTARTS-Interview mit Susanne Gietl auf der 75. Berlinale, wo „Heldin“ mit zahlreichenden Pflegekräften Premiere feierte.

Nach dem Klatschen

FILMSTARTS: Warum liegt Dir das Thema Pflege so sehr am Herzen?

Petra Volpe: Weil sie uns alle angeht. Zu Covidzeiten haben alle gesagt: Das Pflegepersonal ist systemrelevant, deshalb klatschen wir jetzt. Nach der Pandemie war’s das dann. Aber diese Leute sind immer systemrelevant! Leider wird es oft als für selbstverständlich angesehen, dass sie diese irre Arbeit machen. Dabei steckt so viel dahinter: Die emotionale Belastung dieses Berufs, das technische und das anspruchsvolle, was auch auf einer handwerklichen Ebene passiert, aber auch dieser ganze psychologische Aspekt! Natürlich habe ich auch in den Medien mitgekriegt, dass der Pflegenotstand immer schlimmer wird. Bei „Heldin“ kam einfach viel zusammen, was mich als Mensch und Filmemacherin interessiert: Es ist auch ein politisches Thema und ein Frauenthema. 80% der Pflegenden sind schließlich Frauen.

FILMSTARTS: Während des Grundstudiums hast Du als Pflegerin in einer Lungenklinik gearbeitet. Was hast Du aus der Zeit mitgenommen?

Petra Volpe: Ich kam frisch aus der Schule und es hat mich schwer beschäftigt und auch durchgeschüttelt, was ich dort erlebt habe. Ich habe dort zum ersten Mal beobachtet, wie sich Leute einkoten und wie das weggeputzt wird. Es gab dort auch eine Geriatrie, wo ich meinen ersten toten Menschen gesehen habe. Ich habe dort gelernt, dass diese Arbeit so nah am Leben und am Tod dran ist. Aber wenn man diesen Beruf macht, hat man das jeden Tag, und das ist so eine Gratwanderung zwischen Berührbarkeit und sich berühren lassen. Gleichzeitig müssen die Pflegenden komplett professionell sein und können nicht zusammenbrechen. Diese Gratwanderung finde ich schon sehr beeindruckend.

Wer kann sich in dieser Drucksituation noch ein Lächeln abringen? TOBIS Film GmbH
Wer kann sich in dieser Drucksituation noch ein Lächeln abringen?

FILMSTARTS: Du hattest aber auch privat Berührungspunkte…

Petra Volpe: Meine Mutter hat ganz lange als Arztsekretärin gearbeitet und mein Vater hat sich im Spital um den Müll gekümmert. Da habe ich auch viel mitgekriegt. Ich habe auch lange mit einer Pflegefachkraft zusammengewohnt. Ich habe mich mit meinem zweiten Akt rumgequält, währenddessen hat sie Menschen gepflegt, die in einer absoluten Krise sind. Wenn man versteht, was ihr im Job auf täglicher Basis begegnet, dann kommt einem alles andere banal vor.

FILMSTARTS: Der Film beruht lose auf Madeleine Winters Roman „Unser Beruf ist nicht das Problem, es sind die Umstände“. Was hättest Du eigentlich gerne noch thematisiert?

"Die Spitäler sind oft in einem schlechten Zustand"

Petra Volpe: Es ist eher andersrum, ich musste was weglassen. Das Buch hat mich zur Form inspiriert, nach der Lektüre habe ich ganz viele Interviews mit Pflegefachkräften geführt, das Drehbuch ist dann so langsam daraus entstanden. Die Pflegenden haben sich mit vielem auseinanderzusetzen. Man könnte noch vieles erzählen. Die Spitäler sind oft in einem schlechten Zustand, die Technik veraltet oder funktioniert nicht oder es fehlen einfach Betten, um mehr Patient*innen aufzunehmen. Ich wollte nicht, dass das Spital an sich, die Räumlichkeiten oder die Technik auch noch als Antagonist auftaucht. Mein Fokus liegt in „Heldin“ auf dem Zeitfaktor und was es bedeutet, wenn man nicht genügend Fachkräfte auf einer Abteilung hat.

FILMSTARTS: Floria Lind (Leonie Benesch) macht ihre Handgriffe routiniert, andererseits redet sie total ruhig. Normalerweise hört man das eigene Tempo auch in der Stimme, bei Leonie Bensch nicht. In den Pausen hat sie getanzt. Vielleicht hat das geholfen, um in der Stimme ruhig zu bleiben?

Petra Volpe: Auf jeden Fall. Ich sehe die Pflegekräfte wie Athleten. Auch bei uns gab es ein Warm Up. Wir haben uns oft morgens versammelt, um gemeinsam ein Bodywork zu machen, wo man beispielsweise Hand und Fuß koordinieren muss. Ich wollte, dass alle aus dem Körper heraus spielen und nicht mit dem Kopf. Gerade bei so einer Rolle, die total unpsychologisch ist, ist das Spiel aus dem Körper heraus viel authentischer. Floria hat keine Agenda, sie hat keine versteckten Absichten, sie ist immer präsent und angetrieben davon, einen guten Job zu machen. Für uns war es eine große Herausforderung, dass alles selbstverständlich wirken musste, obwohl es hergestellt ist. Im Drehbuch habe ich deshalb jeden Handgriff genau beschrieben.

FILMSTARTS: Das klingt fast wie eine Gebrauchsanleitung. Wie kann man den recht sachlichen Beschreibungen Leben einhauchen?

Petra Volpe: Das ist genau der Prozess! Man muss im Drehbuch präzise sein und trotzdem reduzieren. Sobald die ganzen Räume, Bewegungen, Schauspielenden dazukommen, explodiert wieder alles und man muss alles wieder kanalisieren. Der Film ist eigentlich ein Actionfilm. Gleichzeitig hat er eine sehr spezifische Dramaturgie und einen sehr spezifischen Rhythmus. Das musste alles ganz genau erarbeitet werden.

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In "Heldin" bleibt für die Protagonistin kaum Zeit zum Durchschnaufen

FILMSTARTS: Wie verlief die Zusammenarbeit mit Leonie Benesch?

Petra Volpe: Leonie hat sich mit absoluter Disziplin und Sportsgeist auf diese Aufgabe gestürzt. Nadja Habicht, die 25 Jahre in der Intensivpflege gearbeitet hat, war eigentlich wie ein Eisschnelllauf-Coach für sie, der mit ihr diese ganzen Handlungen so lange geübt hat, bis sie sie im Schlaf konnte. Leonie hat sogar zu Hause weitergeübt. Bei der Inszenierung war wichtig, wie wir den Flow der Szene halten oder wie diese unterschiedlichen Tempi zusammenkommen. Gott sei Dank hat Leonie eine fantastische Intuition und ein gutes Rhythmus-Gefühl. Schlussendlich musste ich dann nur noch mal die Szenen anpassen.

FILMSTARTS: Inwiefern?

Petra Volpe: Im Drehbuch stand in einem Satz, dass Floria etwas zusammensetzt und vorm Dreh habe ich gemerkt, dass das eine Dreiviertelstunde dauert! Wir haben uns dann gefragt, wie man den Prozess verkürzt, so dass er weiterhin authentisch wirkt. Eine wichtige Rolle spielt auch die Geschwindigkeit des Dialogs und die Pausen! Wir erzählen acht Stunden in 90 Minuten. Trotzdem soll man das Gefühl haben, dass man eine Schicht mit Floria erlebt hat. Das war minutiöse Arbeit von Drehbuch, Inszenierung, Leonie, Kamera und dem Schnitt von Hansjörg Weißbrich.

FILMSTARTS: Nadja Habicht hat Euch beraten. Hat das mit dem Team und Nadja Habicht gut funktioniert?

Petra Volpe: Es war auch ein lustiges Clash of Cultures von Filmteam und Intensivpflege. Nadja hat jeden Handgriff auf seine Richtigkeit überprüft. Bei der Umsetzung, wie alle medizinischen Geräte funktionieren und für die ganzen Abläufe brauchten wir Nadja. Sie musste sich manchmal echt an den Kopf fassen. Beim Dreh gab es einen Moment, in dem Nadja gerufen hat: „Wenn wir so arbeiten würden, wären schon längst alle tot!“ Dann haben alle kurz gelacht, aber sie hatte ja Recht! Wir sind ein Filmteam, bei uns stirbt niemand, aber wenn Pflegekräfte Fehler machen, dann stehen Leben auf dem Spiel.

"Die Frauen ziehen sich vor ihrer Schicht um, als würden sie einen Marathon laufen"

FILMSTARTS: Als Floria aus einer Plastikflasche trinkt, wirkt sie wie eine Marathonläuferin…

Petra Volpe: Das ist sehr inspiriert von meiner Recherche. Die Frauen ziehen sich vor ihrer Schicht um, als würden sie einen Marathon laufen oder den Kilimanjaro besteigen. Was in den Spitälern geleistet wird, ist für mich mentaler und physischer Hochleistungssport. Die Idee von der Szenografin Beatrice Schulz war, den Boden wie eine Kunsteisbahn zu machen, deshalb ist der Boden weiß und spiegelt ein bisschen. Mit dem Bild von einer Eisschnellläuferin, die im Training ist, konnte man das ganze Team auf den Groove, das Tempo, das Gefühl einstimmen, was wir herstellen wollen. Wir haben uns zum Beispiel auch gefragt, wie sich das Kostüm am Körper bewegt.

Regisseurin Petra Volpe im Gespräch mit FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl privat
Regisseurin Petra Volpe im Gespräch mit FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl

FILMSTARTS: Welches Konzept steht hinter Musik (Emilie Levienaise-Farrouch) und dem Sound Design (Gina Keller)?

Petra Volpe: Eine Schicht, die so alltäglich wie bei Floria beginnt, wird zur Horrorschicht, wenn der Druck auf der Abteilung zu groß wird. Je länger Florias Schicht dauert, desto mehr wird „Heldin“ zum Thriller und Horrorfilm. Da geht die Musik auch hin. Gerade gibt es einen großen Trend für Horrorfilme als eskapistisches Genre, aber ich finde den Horror, den wir in der Realität erleben, viel spannender.

FILMSTARTS: In die Musik, die motivisch eingesetzt wird, wurden alle möglichen Klinikgeräusche eingebaut. Mal klingt der Sound wie ein Infusion, ein Herzschlag oder sogar Herzstillstand. Welcher Geräusche bedient sich „Heldin“?

Petra Volpe: Da kommt da alles zusammen, was auf so einer Abteilung zu hören ist: das ewig klingelnde Telefon, das Piepen der Geräte, die Stimmen der Menschen, die Alarmglocken aus den Zimmern etc., in der Reanimation haben wir auch Florias Herzklopfen mit dazu genommen, damit geht noch eine Ebene in ihre Wahrnehmung auf. In den Zimmern ist es stiller und intimer. Emilys Musik und das Sound Design (das auch von der Pflegefachkraftberatung auf seine Richtigkeit überprüft wurde) wurden ganz minutiös aufeinander abgestimmt. Emily hat die Musik damit verschränkend komponiert. Damit alles wie aus einem Guss ist.

FILMSTARTS: Am Ende wird man mit Anohni „Hope There‘s Someone“ aus der Nacht entlassen…

Petra Volpe: Ich wollte, dass der Film noch mal abhebt und dass man emotional ankommt. Anohni singt, wer wird sich um mich kümmern. Ich finde, das ist genau die große Frage, die man sich stellen sollte. Außerdem hat der Song auch etwas sehr Zärtliches, Emotionales und Wertschätzendes für die Leute, die diese pflegerische Arbeit täglich machen. Nach diesem filmischen Ritt durch Florias Schicht braucht man diesen Moment, um emotional alles zu verdauen.

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