"Unser Set wäre fast weggespült worden": Die Arbeit am Survival-Thriller "Eden" brachte nicht nur Regisseur Ron Howard an seine Grenzen
Susanne Gietl
Susanne Gietl
-Freie Autorin
Susanne Gietl ist freie Kulturjournalistin und lebt in Berlin. Sie liebt es, mit Kunstschaffenden in Interviews und Publikumsgesprächen über ihre Arbeit zu sprechen. Sie fühlt sich bei Arthouse-Filmen zu Hause, traut sich dafür aber selten in Horrorfilme.

„Eden“ ist das neue Werk von Hollywood-Legende Ron Howard, der seit dem 3. April auch in den deutschen Kinos zu sehen ist. Wir konnten den Filmemacher in Berlin zum FILMSTARTS-Interview treffen.

LEONINE

Achtung! Der Filmtitel führt in die Irre! Ron Howards neuester Film „Eden“ zeigt keine paradiesischen Zustände, sondern offenbart menschliche Abgründe fernab von Zivilisation. In “Eden” treffen acht Charaktere gegen Ende der 20er auf der 173 km² umfassenden Galápagos-Insel Floreana in Ecuador aufeinander: Arzt und Philosoph (Dr. Friedrich Ritter, gespielt von Jude Law) mit prophylaktisch gewähltem Eisengebiss und seine Geliebte (Vanessa Kirby), ein Weltkriegsveteran und seine schwangere Frau (Daniel Brühl und Sydney Sweeney) und ihr Sohn (Jonathan Tittel) sowie die intrigante Baroness (Ana de Armas) mitsamt ihren Liebhabern (Toby Wallace, Felix Kammerer). Nur wenige von ihnen werden auf der Insel überleben. All das ist wirklich passiert. Bis heute sind die mutmaßlichen Morde auf Floreana nicht aufgeklärt worden.

Vor dem Regisseur wagten sich nur Daniel Geller und Dayna Goldfine mit der Doku „Die Galápagos Affäre: Satan kam nach Eden“ (2013) an diesen Stoff, Regisseur Werner Herzog scheiterte an der Planung des Spielfilms. Ron Howard selbst brauchte 15 Jahre, bis er das wilde Survival-Drama umsetzen konnte. Warum das so war, und wie er fast das Set verloren hätte, erklärt der Filmemacher Autorin Susanne Gietl im Interview.

Ron Howard im Gespräch mit FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl Privat
Ron Howard im Gespräch mit FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl

FILMSTARTS: „Eden“ handelt von Sex, Mord und einer Utopie in den 30er-Jahren. Wie zeitgemäß ist die Geschichte?

Ron Howard: In „Eden“ fliehen alle Beteiligten vor einem Alltag, der so instabil und entmutigend war, dass sie sich neu erfinden wollten. Auch heutzutage wird „Off the Grid“ (vom Netz abgekoppelt, autark leben) oft gegoogelt und eines der meistdiskutierten Themen. Ich habe das Gefühl, dass dieser Gedanke, sich von der Gesellschaft lösen zu wollen, heute umso präsenter ist. Viele sind neugierig auf diese Art von Geschichten - über Menschen, die bereit sind, kühne Entscheidungen zu treffen und die eigene Zukunft auf so extreme Weise aufs Spiel zu setzen - manchmal aus egoistischen, manchmal aus sehr noblen Gründen.

FILMSTARTS: Dr. Friedrich Ritter (Jude Law) und seine Geliebte Dore Strauch (Vanessa Kirby) bauten sich als Erstes aus dem Nichts auf Floreana ein neues Zuhause auf. Ritter schrieb an einem philosophischen Manifest, das ihn – mag man dem Film glauben – schier wahnsinnig gemacht hat. Das Zusammenspiel von Jude Law und Vanessa Kirby ist sehr intensiv. Warum ist ihr Spiel so einzigartig?

Ron Howard: Jude und Vanessa sind beide sehr ehrgeizige, intellektuell versierte Menschen. Durch ihre Recherchen haben sie sich tief in die Psyche ihrer Figuren und in ihre Glaubenssysteme hineingearbeitet. So wurde zum Beispiel der Sex zwischen Dr. Friedrich Ritter und Dore Strauch weniger zu einem rein körperlichen Akt als vielmehr eine Übung in Disziplin und Aufmerksamkeitsfokussierung. Ihr Zusammenspiel am Set entwickelte sich auf eine sehr kraftvolle Weise – intellektuell, thematisch und sexuell.

FILMSTARTS: Ana de Armas verkörpert mit der Baroness eine Flapper-Figur, also eine hedonistische Rebellin, die Haar und Kleid für die damalige Zeit zu kurz trug, Jazz hörte und die freie Liebe zelebrierte. De Armas hat bei einem Filmgespräch erwähnt, dass sie zwar richtig viel Lust auf die Rolle der Baroness hatte, weil die Arbeit nach viel Spaß ausgesehen hatte, aber auch, dass sie Angst hatte, dass der Film ihrer Karriere schaden könnte. Wie war es, mit ihr zu arbeiten?

Ron Howard: Ana de Armas war sehr zurückhaltend, als es darum ging, diese Rolle zu übernehmen, weil sie der Baroness gar nicht ähnlich ist. Ana beschäftigte sich mit den Frauen aus den 20ern und 30ern, die aus der Flapper-Kultur und den frühen Stummfilmstars hervorgegangen sind. Als sie damit begonnen hatte, sich mit ihnen und ihren Gesten auseinanderzusetzen und damit, wie sich die Baroness auf dieser Insel verhält, wurde sie mutiger und ging für ihre Rolle enorme Risiken ein. Für Sydney Sweeney und Daniel Brühl hingegen war es vor allem unglaublich harte Arbeit. Das macht auch ihre Figuren aus. Ihre Rollen wurden weitaus körperlicher, als sie es erwartet hatten – oder sogar ich, als ich den Film geplant habe.

Inselparadies oder Hölle auf Erden? LEONINE
Inselparadies oder Hölle auf Erden?

FILMSTARTS: Sydney Sweeney drehte eine schockierend-intensive Geburtsszene. Während sie in ihrer Rolle der Margret Wittmer das erste Insel-Kind gebärt, schleichen Wildhunde, die vom Geruch der Geburt und des Blutes angelockt wurden, hungrig um ihre offene Behausung...

Ron Howard: Die Geburtsszene ist der echten Margret Wittmer wirklich passiert! Sie brachte ihr Kind tatsächlich in einer Höhle zur Welt. Margret Wittmer war zu Beginn der Geburt völlig allein, in der Nähe lauerten hungrige Wildhunde auf ihr Kind. All das hat sie in ihrem Buch „Postlagernd Floreana“ beschrieben und das war so extrem, dass wir es nachgestellt haben. Der Dreh stellte für uns eine ziemliche Herausforderung dar. Die Hunde waren zwar dressiert, also bestand keine wirkliche Gefahr, dass sie sie angreifen, aber es war schwierig, die Hunde zu koordinieren. An den Tagen, an denen wir die Szene gedreht haben, war es unheimlich heiß. Eine Hebamme hat uns beraten, wie sich Sydney zu verhalten hat und ihre Beschreibungen waren dabei richtig heftig. Für Sydney waren es lange, schwierige und körperlich sehr anstrengende Tage in der Hitze. Die Szene schockiert sicherlich einige Leute, aber ich denke, sie spiegelt etwas von dem wider, was die echte Margret Wittmer durchgemacht hat. Darauf bin ich sehr stolz.

FILMSTARTS: Es wurde 40 Tage in Queensland (Australien) gedreht. War das einfacher, als die Galápagos-Inseln zu nutzen?

Ron Howard: Wir konnten die Schauspieler nicht auf die Galápagos-Inseln bringen, weil das ein Naturschutzgebiet ist. Es ist restriktiv und teuer. Also haben wir dort nur ein paar Wochen gedreht, um Tiere, Landschaften, Elemente und das Gefühl für die Natur und die raue Welt mit der Kamera einzufangen. In Australien haben wir einen Bereich gefunden, der den Galápagos-Inseln sehr ähnlich war. Wir dachten dann, dass der Dreh dort sehr komfortabel sein wird. Natürlich übernachtete der Cast an der Gold Coast in schönen Hotels direkt am Strand, aber die Drehtage selbst waren einfach brutal, weil sie den Elementen der Natur ausgesetzt waren. In Australien sind, anders als auf den Galápagos-Inseln, viele Tiere giftig. Es wurde niemand gebissen oder verletzt, aber wir waren ständig auf der Hut vor gefährlichen Spinnen und Schlangen. Es gab vor Ort Leute, deren Aufgabe es war, auf uns aufzupassen und die gefährlichen Tiere zu fangen und an einen sicheren, meilenweit entfernten Ort zu bringen. Der Dreh war nicht einfach für die Schauspieler, aber sie waren so begeistert, dass sie immer wieder sagten: „Das ist gut für uns, das hilft uns bei der Darstellung der Charaktere und erinnert uns daran, dass wir uns auf einer einsamen Insel befinden.“

"Es gab immer wieder Gewitter, Blitzeinschläge in der Nähe und kurze Überschwemmungen"

FILMSTARTS: … als wäre das nicht genug, kamen noch glühende Hitze, Gewitter und Starkregen hinzu…

Ron Howard: Wir haben nicht in einem Studio oder in einem Gebäude gedreht und wir waren bei jeder Szene dem verrückten Wetter ausgesetzt. Da wir nur ein kleines Budget hatten, mussten wir einfach weiterdrehen oder auch mal abwarten, wenn es mal blitzt, weil unsere gesamte Ausrüstung Blitze angezogen hätte. Es gab immer wieder Gewitter, Blitzeinschläge in der Nähe und kurze Überschwemmungen. Es gab zwar keine Sturzflut, aber unser Set wäre einmal fast weggespült worden. All das mit unserem kleinen Budget! Das zehrte wirklich an den Nerven. Aber die Schauspieler wussten, dass wir einen Weg finden würden, um die Elemente so gut wie möglich für uns zu nutzen und tauchten jeden Tag am Set auf.

FILMSTARTS: Das Set ist also fast verloren gegangen?

Ron Howard: Es passierte zum Glück nicht während der Dreharbeiten, sondern kurz vor Drehbeginn. Wir hatten einen heftigen Sturm und nur ein kleines Haus und einen Teil einer Höhle gebaut – und das an einem Hang! Also haben Leute angefangen, Gräben auszuheben, damit das Wasser abfließen konnte, aber der Sturm hat trotzdem einige Schäden verursacht. In der ersten Woche der Dreharbeiten haben wir dann in derselben Höhle gedreht, als ein ähnliches Unwetter aufgezogen ist. Wir wurden wieder einmal vom Wetter davon abgehalten, zu drehen. Zum Glück hatten wir schon Gräben ausgehoben, so waren die Schäden nicht zu verheerend.

FILMSTARTS: Warum hat die Umsetzung des Films so lange gedauert? Die Idee für “Eden” entstand bereits vor 15 Jahren bei einem Familienurlaub…

Ron Howard: …so bin ich überhaupt erst auf diese Geschichte gestoßen. Sie ist auf den Galápagos-Inseln sehr bekannt, in der ganzen Welt eher weniger. Allerdings habe ich festgestellt, dass viele Filmemacher in den letzten 50 Jahren versucht haben, diese Geschichte zu erzählen, weil sie durch das Aufeinandertreffen von Persönlichkeiten so viel natürliches Drama enthält, das relevant, aber auch unterhaltsam, sexy und überraschend ist. Die Geschichte hat mich nicht losgelassen. Sie fühlte sich sehr persönlich an, weil die Atmosphäre so speziell ist und man viel Feinfühligkeit sowie emotionale Tiefe braucht. Ich musste erst weiter reifen und ein wenig kreativen Mut entwickeln, um bereit zu sein, diesen Film zu machen.

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