„Beating Hearts“ (-> zur ausführlichen FILMSTARTS-Kritik) ist in seiner französischen Heimat nicht nur ein absoluter Kinohit, sondern ein popkulturelles Phänomen: Das epische Liebesdrama mit Musical-Einlagen und Gangsterfilm-Elementen hat in den Sozialen Medien bereits etliche Trends ausgelöst – und Fans lassen sich sogar Tattoos mit Filmzitaten stechen (mehr dazu haben wir bereits in diesem Artikel zusammengefasst). Kein Wunder also, dass die mehr als zwei Jahrzehnte umfassende Liebesgeschichte von Regisseur Gilles Lellouche weit mehr junge Zuschauer*innen als üblich in die Kinos gelockt hat.
Die weibliche Hauptrolle der Jackie teilen sich „Blau ist eine warme Farbe“-Star Adèle Exarchopoulos und die inzwischen 18-jährige Newcomerin Mallory Wanecque, die dank „Beating Hearts“ nun in Rekordzeit selbst zu einer der bekanntesten Jungschauspielerinnen Frankreichs aufgestiegen ist. Wir erwischen sie per Zoom-Call im Auto auf der Rückfahrt von ihren Großeltern – und sprechen mit ihr wenige Tage vor dem deutschen Kinostart am 27. Märt 2025 über den Film:
FILMSTARTS: Trotz deines jungen Alters ist „Beating Hearts“ bereits dein vierter Film. Für dein Debüt „The Worst Ones“ wurdest du vor deiner Schule entdeckt. Wie war das?
Mallory Wanecque: Ich war in der achten Klasse – und eigentlich ging ich nicht oft in den Unterricht, aber an dem Tag war ich da. Als ich aus der Schule kam, standen gegenüber drei Frauen mit Zettel und Stift, die ich anfangs gar nicht wahrgenommen habe. Ich war mit meinen Freundinnen zusammen, und wir haben laut darüber geredet, was in der Pause passiert war. Ich war ein bisschen genervt, hatte meine kleine Schwester an der Hand und ging ziemlich schnell. Ich glaube, ich war die Einzige, die nicht geschminkt war und deren Haare nicht gemacht waren. Trotzdem haben sie mich gefragt, ob ich an einem Casting für einen Kinofilm teilnehmen möchte. Ich habe ihnen meine Nummer gegeben und sie haben mich tatsächlich kontaktiert. Danach habe ich ein, zwei, drei, vier Castings bei mir in der Gegend gemacht – und im Anschluss haben sie mich für ein finales Vorsprechen nach Paris geholt.
FILMSTARTS: Danach hast du „Like A Prince“ und „The Good Teacher“ gedreht, bevor dann „Beating Hearts“ an der Reihe war. Wie bist du zu der Rolle als Jackie gekommen? War das auch wieder über ein normales Casting?
Mallory Wanecque: Die Casting-Direktorin Elsa Pharaon hatte meinen ersten Film gesehen und mich daher auf dem Zettel. Außerdem hatte ich gerade einen Film mit François Civil gedreht, der in „Beating Hearts“ den älteren Clotaire spielt. Er hat ihr gesagt: „Ich kenne da eine Schauspielerin, die sieht Adèle Exarchopoulos total ähnlich, die musst du casten.“ Zwischenzeitlich hatte mich aber auch Adèle über Instagram angeschrieben und meinte, dass wir uns unbedingt treffen müssten, weil uns alle ständig vergleichen. Für mein allererstes Casting für den Film habe ich dann einen Monat lang ganz viel Text auswendig gelernt, weil mein Agent mir verraten hat, dass das ein riesiges Ding sei und man da extrem gut vorbereitet sein muss. Ich habe mich da selbst gestresst, bin aber im Nachhinein total stolz auf mich, dass ich das gepackt habe.
FILMSTARTS: Der Film deckt eine Zeitspanne von mehr als 20 Jahren ab. Deine Figur Jackie wird dabei von gleich drei Schauspielerinnen verkörpert, u.a. eben von Adèle Exarchopoulos. Logischerweise habt ihr keine gemeinsamen Szenen, aber habt ihr euch im Vorfeld irgendwie abgesprochen, wie ihr die gemeinsame Rolle anlegt?
Mallory Wanecque: Ja, natürlich. Wir haben uns zur Kostümprobe getroffen und darüber diskutiert, ob wir Kontaktlinsen nutzen sollten oder nicht, denn sie hat braune Augen und ich habe blaue Augen. Es war unser erstes Treffen und wir haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden, uns sofort Erlebnisse aus unserem Leben erzählt. Anschließend waren wir zur Vorbereitung in Südfrankreich, wo wir alle zusammen zwei Wochen lang das Tanzen lernen mussten. Das war wirklich der Ort, an dem wir alle eine Beziehung zueinander aufgebaut haben. Wir gingen baden, haben viel miteinander unternommen und aßen ständig zusammen.
Das war auch der Punkt, an dem wir uns fragten, ob wir auf dieselbe Weise rauchen sollten oder ob wir generell versuchen sollten, uns so ähnlich wie möglich zu sein. Aber wir haben uns gesagt, dass das nicht nötig ist, denn es gab eben schon eine körperliche Ähnlichkeit und Menschen entwickeln sich in ihrem Leben ja auch weiter – und es gibt schließlich einen Bruch in der Figur. Sie hat etwas Schockierendes erlebt und ist nicht mehr genau dieselbe Person.
StudioCanal
FILMSTARTS: Gleich in deiner ersten Szene zeigst du als Jackie deiner zukünftigen großen Liebe Clotaire, gespielt von Malik Frikah, wer hier die Hosen anhat. Was glaubst du, warum verliebt sie sich trotz seines arroganten Auftretens in ihn?
Mallory Wanecque: Sie ist ein überaus fleißiges Mädchen, und er ist der Typ, der vor der Schule rumhängt, daher wirken sie so unterschiedlich. Aber auch wenn sie aus unterschiedlichen Welten kommen, haben sie gemeinsame Traumata: Er möchte seinem sozialen Umfeld entfliehen, doch sein Vater redet ihm ein, dass Träumen nichts bringt. Und meine Figur hat immer noch mit dem Verlust der Mutter zu kämpfen. Wir sind zwei Missverstandene, die sich allein fühlen in der Welt. Aber wenn wir zusammen sind, fühlt sich das an, als würde es keine Hindernisse mehr geben. Es ist, als ob man keine Angst mehr vor der Zukunft hat. Ich denke, deshalb fühlen wir uns verbunden. Und Clotaire hat sich vermutlich sogar ein wenig mehr in mich verliebt, weil es das erste Mal war, dass ein Mädchen ihm die Stirn geboten hat. Das ist er nicht gewohnt, denn normalerweise haben alle Angst vor ihm.
Tattoos und allerhand TikTok-Trends
FILMSTARTS: In Frankreich hat der Film unerwartet viele junge Zuschauer*innen in die Kinos gelockt. Auf TikTok sind dazu innerhalb weniger Tage mehr als 5.000 Clips erschienen, in denen es sich auch immer wieder um die Frage drehte, ob man für eine „so große Liebe“ wie im Film nicht besser viel mehr riskieren sollte. Wie hast du das wahrgenommen?
Mallory Wanecque: Für mich ist das eine Bestätigung, dass der Film funktioniert. Und ich freue mich für Gilles Lellouche, der vor allem einen Film gemacht hat, den er sich selbst gern ansehen wollte. Er hatte Lust, den ersten wirklichen Liebesfilm für die Generation Z zu machen – und dass es jetzt diesen Trend gibt, ist dafür eine tolle Bestätigung. Er ist einfach ein toller Typ, der am Set immer gut drauf war. Und dass unter den fünf Millionen Zuschauern in Frankreich so viele Jugendliche waren, freut mich noch viel mehr. Über Instagram haben mich ganz viele Mädchen in meinem Alter angeschrieben, die gesagt haben, dass der Film sie aufgewühlt hat, dass sie noch mal mit ihrem Ex-Freund über bestimmte Dinge geredet haben oder gar ihren Freund verlassen haben. Wenn ein Film so verbinden kann, dann ist das für mich eine tolle Bestätigung als Schauspielerin.
FILMSTARTS: Außerdem tauchen im Netz mehr und mehr Bilder mit Tattoos von Filmzitaten auf, die in eine ähnliche Richtung, also ebenfalls hin zu einem Bekenntnis für die eine große wahre Liebe gehen - darunter „Entweder einen wie Clotaire oder gar keinen“ oder „Gut (alleine) ist nicht genug“. Hast du so etwas im Vorfeld erwartet?
Mallory Wanecque: Der Erfolg eines Films lässt sich natürlich nicht vorhersagen, erst recht nicht, dass sich Menschen deshalb tätowieren lassen. Wir haben mit Gilles zusammen eine Chat-Gruppe –und jedes Mal, wenn sich jemand ein Tattoo stechen lässt, schicken wir es uns gegenseitig, und es immer noch total verrückt. Aber noch einmal: Die Leute machen das nur, weil sie der Film so beeindruckt hat. Dieser Satz hat sie so sehr geprägt, dass sie ihn sich tätowieren lassen und er für immer auf ihrem Körper bleibt. Das ist richtig cool, total bizarr, aber auch beeindruckend.
FILMSTARTS: Dein Part des Films spielt in den 1990er-Jahren, die Du selbst ja gar nicht live miterleben konntest. Wie hast du dich auf die Rolle und die Zeit vorbereitet?
Mallory Wanecque: Ich habe mich auf die Zeit selbst eigentlich gar nicht vorbereitet, sondern sie erst durch die Dreharbeiten selbst entdeckt. Zum Beispiel durch einen Walkman. Ich wusste zwar, dass es so etwas gab, aber dass diese mit Kassetten betrieben wurden, war mir vorher nicht bekannt. Oder Telefonzellen: Es gab bei uns im Ort in Valenciennes zwar eine, aber die war total zerstört und voller Graffiti. Jetzt eine funktionierende und gut erhaltene zu sehen, war komplett neu für mich. Aber auch die Polizeiautos mit den großen Stoßdämpfern, die erst einmal hüpfen, wenn du aussteigst, kannte ich vorher nicht. Wir haben zudem natürlich aufgepasst, dass wir keine Wörter aus der heutigen Zeit benutzen, aber ansonsten habe ich mich nicht weiter vorbereitet.
FILMSTARTS: Es gibt da eine wunderschöne Tanzsequenz mit dir und deinem Partner Malik Frikah im Film. Wie habt ihr euch auf diese Szene vorbereitet?
Mallory Wanecque: Tatsächlich dauert diese Szene sogar noch viel, viel länger, aber Gilles Lellouche hat nur einen Teil davon im Film behalten. Ich habe ein bisschen getanzt, als ich noch sehr klein war, aber mehr im klassischen Sinne. Malik hingegen war Breakdance-Champion, für ihn war die Szene also einfach. Wir waren wie gesagt zwei Wochen in Südfrankreich und haben dort mit dem Kollektiv (LA)HORDE vom Nationalballett von Marseille geprobt. Wir haben gar nicht so wirklich versucht, so etwas wie eine Choreografie auf die Beine zu stellen.
Vielmehr haben sie uns nach unserer Ankunft gesagt, dass wir gar nicht tanzen werden. Sie sagten, dass sie uns Musik auflegen und wir uns einfach dazu bewegen sollten, ganz wie wir wollen. Es ist also nicht wirklich ein Tanz, sondern es geht mehr um Körperbewegungen und darum, sich selbst auszudrücken. Es waren zwei anstrengende Wochen. Die Dreharbeiten für die Szene haben dann drei Tage gedauert und da haben wir noch viel mehr gemacht. Wir sind sogar an Geschirren befestigt durch die Luft geflogen, aber das ist leider nicht mehr im Film gelandet.
StudioCanal
FILMSTARTS: Wenn du jetzt den fertigen Film siehst, ist es dann genau das, was du dir beim Lesen des Drehbuchs vorgestellt hast?
Mallory Wanecque: Dazu muss man wissen, dass das Drehbuch etwa 100 Seiten hatte und die erste Version des Films ganze sechs Stunden lang war. Jetzt ist davon nur noch etwas weniger als die Hälfte übrig. Ganz ehrlich, ich habe das nicht erwartet, bis ich die erste Version kurz vor der Premiere in Cannes gesehen habe. Aber die Version, die in die Kinos gekommen ist, hat sich seitdem auch noch sehr verändert. Es ist im Prinzip schon eine ganz andere Version. Aber die Wahrheit ist: Es ist alles jenseits meiner Erwartungen. Für mich ist Gilles Lellouche ein absolutes Genie. Die Aufnahmen, die Farben, all das hatte ich so überhaupt nicht erwartet und war total überrascht – aber im positiven Sinne.
In Deutschland läuft „Beating Hearts“ seit dem 27. März 2025 in den Kinos – und hier könnt ihr checken, wo er auch bei euch in der Umgebung läuft. Wir haben anlässlich des Kinostarts von „Beating Hearts“ übrigens auch noch eine Podcast-Sonderfolge zu den besten Coming-of-Age-Filmen aufgenommen, die ihr euch hier direkt anhören könnt: