„Gran Torino“ (2008) gilt gemeinhin als einer der Höhepunkte im Spätwerk von Clint Eastwood. Der Film, in dem der heute 94-Jährige als verbitterter Kriegsveteran Walt Kowalski selbst in der Hauptrolle zu sehen ist, landete etwa auf dem dritten Platz der besten Filme von Clint Eastwood laut den Bewertungen der FILMSTARTS-Community.
In der berühmten IMDb Top-250 wiederum hat es „Gran Torino“ auf einen respektablen Platz 179 geschafft – das mag auf den ersten Blick nach keiner großen Leistung aussehen, doch wenn man bedenkt, dass es sich hier um eine Auslese der besten Filme aller Zeiten laut Millionen von Filmfans handelt, dann ist das ein ziemlich gutes Ergebnis (zumal Klassiker wie „Blade Runner“, „Ben Hur“ oder „Der weiße Hai“ noch später in der Liste auftauchen).
Kurzum: „Gran Torino“ ist ziemlich beliebt – doch es gibt Ausnahmen! Dazu gehört ausgerechnet Bee Vang, neben Eastwood der zweite Hauptdarsteller des Films, der Thao spielt, einen Hmong-Amerikaner und Nachbarsjungen von Walt. Zunächst begegnet der alte Mann dem Jugendlichen mit rassistischen Vorurteilen, die unter anderem durch seinen Dienst im Koreakrieg erklärt werden. Doch schließlich freunden die beiden sich an, woraufhin Walt seine Einstellung überdenkt. Das titelgebende Automodell spielt dabei eine zentrale Rolle.
In der mit vier von fünf Sternen ansonsten sehr positiven FILMSTARTS-Kritik wird bemängelt, dass „die Grenze zwischen Rassismus-Reflektion und dem schlichten Ausdruck von Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz […] nicht immer klar zu bestimmen“ sei und „gelegentlich ein gewisses Feingefühl“ fehle. Vang hat es – zumal als unmittelbar Betroffener – noch deutlich schärfer formuliert. In einem Artikel des Hmong Studies Journal hat der heute 33-Jährige erklärt, dass er im Grunde schon während des Casting-Prozesses ein schlechtes Gefühl hatte.
„Ich hatte vom Inhalt und den sogenannten Sides – also den Skript-Auszügen für das Vorsprechen – gehört und war ehrlich gesagt abgestoßen von dem, was ich las. Ich versuchte, die Figuren und ihre Dialoge zu verstehen. Aber es gab Dinge an der Beziehung zwischen Walt und den Hmong-Charakteren, die für mich einfach keinen Sinn ergaben.“
Der Schauspieler fährt fort: „Zum Beispiel sagt Thao irgendwann zu Walt: ‚Mach nur. Es macht mir nichts aus, wenn du mich beleidigst oder rassistische Dinge sagst. Weißt du was? Ich halte das aus.‘ Ich konnte nicht begreifen, warum eine Figur wie Thao so etwas sagen würde. Warum sollte er sich nicht wehren, wenn er beleidigt wird? Was bedeutet überhaupt ‚Ich halte das aus‘? Was wollte der Drehbuchautor [Anm.: Nick Schenk, der auch die Drehbücher zu den Eastwood-Filmen ‚The Mule‘ und ‚Cry Macho‘ verfasste] ] damit ausdrücken – oder war das einfach nur schlampig geschrieben?“
Bee Vang wird bis heute vom "Lachen weißer Kinobesucher" verfolgt
Als der anti-asiatische Rasssismus im Zuge der Covid-19-Pandemie plötzlich um sich griff, meldete sich Vang in einem Beitrag für NBC News erneut zu Wort – und machte „Gran Torino“ für diese Entwicklung mitverantwortlich: „Noch besorgniserregender war, wie der Film anti-asiatischen Rassismus salonfähig machte – und das, obwohl er gleichzeitig die Repräsentation von asiatisch-amerikanischen Figuren erhöhte“, schrieb er etwa. „Bis heute verfolgt mich das Lachen weißer Kinobesucher, das laute Johlen, wenn Eastwoods mürrisch-rassistischer Charakter Walt Kowalski eine Beleidigung knurrte.“
Vor 17 Jahren, als der Film ins Kino kam, war es noch lange nicht gang und gäbe, die Betroffenen bestimmter Diskriminierungsformen bei der Entwicklung entsprechender Drehbücher einzubeziehen – sonst wäre möglicherwiese verhindert worden, dass Kowalskis xenophobe Ausfälle teils wie Pointen geschrieben sind und von nicht geringen Teilen des Publikums auch entsprechend rezipiert wurden. Thao sollte übrigens Vangs einzige Kinorolle bleiben. Nach den beschriebenen Erfahrungen hängte er die Schauspielerei an den Nagel und ist seither als Aktivist und Autor tätig.
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