Bereits seit über 100.000 Jahren spricht der Mensch. Bis heute sind Sprachforscher*innen sich nicht so recht einig, wie Sprache überhaupt zustande kam. Der Entstehung vorausgesetzt wird die Vorstellungskraft – ehe Laute geformt und Dinge mehr oder weniger eindeutig benannt werden konnten, mussten dazugehörige Bilder in den Köpfen der Steinzeitmenschen überhaupt existieren, so die Annahme.
In Vadim Perelmans „Persischstunden” wird die Sprache selbst Mittel zum Zweck, zur Waffe im Kampf ums Überleben gar. Voraussetzung für deren Entstehung sind hier: Vertrauen und das Sehnsuchtsbild Persiens auf der einen, und Verzweiflung, das Bild des sicheren Todes, auf der anderen Seite. Der ungewöhnliche und packende (Anti-)Kriegsfilm basiert auf der Kurzgeschichte „Erfindung einer Sprache” von Wolfgang Kohlhaase, in der ein Holländischer SS-Häftling vorgibt, persisch zu können, um sein Leben zu retten. Diese Geschichte erweiterte Perelman in seiner Adaption zum Spielfilm und besetzte ihn prominent mit Lars Eidinger als NS-Hauptmann.
„Persischstunden” könnt ihr am heutigen 23. April 2025 um 20.15 Uhr auf arte sehen. Eine Wiederholung gibt es am 8. Mai um 23.05 Uhr. Alternativ ist der FSK-12-Titel als Bu-ray, DVD oder kostenpflichtiges Video-on-Demand zu haben.
Das ist "Persischstunden"
Gilles (Nahuel Pérez Biscayart), ein belgischer Jude, wird 1942 von der SS verhaftet und in ein Konzentrationslager deportiert. Durch einen Zufall befindet er sich in Besitz eines persischen Wörterbuches, welches ihn, gemeinsam mit einer Notlüge, das Leben retten soll: Denn der Lageroffizier Klaus Koch (Lars Eidinger) möchte Farsi lernen, um nach dem Krieg ein Restaurant im Iran zu eröffnen.
40 Worte am Tag liefert Gilles ihm also fortan. Wörter, die er sich freilich selbst auch alle merken muss, denn Gilles spricht kein Farsi. Um auf immer neue Worte zu kommen, bedient der junge Mann sich eines einfachen Tricks: Er setzt seine erfundene Sprache aus dem Namensregister der Inhaftierten zusammen.
Ein Trick, der einer gewissen Ironie nicht entbehrt, wenn Koch quasi die Namen seiner eigenen Opfer fabuliert. Das Verwenden dieses Fantasie-Farsi ist für mich gleichwohl originell wie auch komisch – wodurch „Persischstunden” der ständigen Gratwanderung zwischen bitterem Ernst und süßer Komik unterworfen ist. Groß ist bei der Thematik die Gefahr, zu sehr ins Unterhaltsame abzurutschen – doch, dass es funktionieren kann, das bewies damals schon Roberto Benignis „Das Leben ist schön”.
Auch in „Persischstunden” gehen Leichtigkeit und Schwere Hand in Hand – denn die Momente, in welchen die erfundene Sprache die Handlung ins Schelmische ziehen, werden aufgebrochen durch die Darstellung des Lageralltags. Gerüchte über die Penisgröße eines Kommandanten treffen hier auf aufgeschlitzte Kehlen, auf abgemagerte und immer wechselnde Häftlinge. Während andere ermordet werden, hält Koch an „seinem” Perser fest – es scheint beinahe eine Freundschaft zu entstehen, die am Ende jedoch nicht mehr als ein Machtgefälle aus Abhängig- und Gefälligkeit ist.
Say Their Names
Getragen wird der Film dabei von seinen starken schauspielerischen Leistungen: Nahuel Pérez Biscayart überzeugt als Gilles mit Zurückhaltung und verwässertem Blick. Und Lars Eidinger, der als Vorzeige-Deutscher in „Alles Licht, das wir nicht sehen” bereits seinen inneren Christopher Waltz channeln durfte, gibt den Kapo mit einer Inbrunst, die gelegentlich an Overacting grenzt – deswegen aber nicht weniger mitreißend anzusehen ist. Ein Höhepunkt des Films ist für mich, wenn Eidingers Gesicht sich in einem Tobsuchtsanfall eruptiv zur Fratze verzerrt und all seine Wut sich mit Wucht entlädt.
So ist sein Charakter bis zum Schluss ambivalent – wir sehen hier nicht das Abziehbildchen des NS-Monsters, wir sehen den freundlichen Menschen, den Träumer. Daher tut er einem am Ende fast auch ein bisschen leid. Ein Gefühl, das schnell revidiert wird, wenn Gilles beginnt, all die Namen zu nennen, die er durch seine erfundene Sprache im Gedächtnis behielt. Und man spürt, dass Aussprechen, Erinnern und das Unsagbare eng verzahnt sind, wenn es um den Holocaust geht.
Auch 2024 war Lars Eidinger mit einem interessanten Projekt im Kino vertreten. Den Film könnt ihr aktuell im Rahmen eures Flatrate-Abos bei Amazon Prime Video sehen:
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Dies ist eine aktualisierte Wiederveröffentlichung eines bereits auf FILMSTARTS erschienenen Artikels.