"Manche werfen mir Opportunismus vor": Regisseur Jan Komasa im großen FILMSTARTS-Interview zum Thriller "The Change"
Susanne Gietl
Susanne Gietl
-Freie Autorin
Susanne Gietl ist freie Kulturjournalistin und lebt in Berlin. Sie liebt es, mit Kunstschaffenden in Interviews und Publikumsgesprächen über ihre Arbeit zu sprechen. Sie fühlt sich bei Arthouse-Filmen zu Hause, traut sich dafür aber selten in Horrorfilme.

Es braucht schon Mut, die US-Flagge im von Donald Trump regierten Amerika zu verändern und ihr eine politische Bewegung zuzuschreiben. Der polnische Regisseur Jan Komasa hat den Schritt mit „The Change“ gewagt. Wir haben mit ihm darüber gesprochen.

In „The Change“ trifft die Uni-Professorin Ellen (Diane Lane) an ihrem Hochzeitstag die neue Freundin ihres Sohnes Josh (Dylan O'Brien ). Doch sie kennt Liz (Phoebe Dynevor) bereits. Denn sie ist eine ehemalige Studentin, die einst auf Betreiben von Ellen aufgrund eines „faschistoiden“ Aufsatzes die Uni verlassen musste. Doch jetzt hat Liz mit „The Change“, einem „Leitfaden zur Selbstorganisation“, radikale politische Ideen. Versteckt hinter Mitteln der Demokratie ist es der Versuch, das gespaltene Amerika in ein autokratisches System zu verwandeln.

Über einem Zeitraum von fünf Jahren kann man in Jan Komasas Thriller „The Change“ die Familie wie in einem Versuchslabor bei ihren Handlungen beobachten, während sich das politische Klima verändert. Der Film ist in Deutschland jetzt ausgerechnet kurz nach dem 5. November, dem ersten Jahrestag der Wahl von Donald Trump, gestartet, während er in den USA schon etwas mehr als eine Woche zuvor angelaufen ist. FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl war so auch neugierig, wie die Amerikaner auf die verschobenen Realität reagiert haben. Einer der vielen Gründe, um mit dem polnischen Regisseur Jan Komasa über sein englischsprachiges Debüt zu sprechen.

FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl hat TOBIS Film GmbH
FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl hat "The Change"-Regisseur Jan Komasa in Berlin zum Interview getroffen.

FILMSTARTS: „The Change“ charakterisiert eine Gesellschaft, die unzufrieden ist mit der Politik. Die Bewegung, die Liz kreiert hat, stellt laut Selbstdefinition den Menschen wieder über die Politik, indem die Menschen selbst den Wandel bewirken können und damit Demokratie leben. Letztlich schafft „The Change“ die Demokratie ab. Warum hast du dich für diese Geschichte entschieden?

Jan Komasa: Ich habe mich schon bei der Vorbereitung auf meinen Film „The Hater“ intensiv mit der Weimarer Republik der 30er-Jahre auseinandergesetzt und mich gefragt, wie es wäre, 1932, 33, 34, 35, 36, 37 in Deutschland zu leben. Wie es aussähe, wenn wir ohne jeglichen Kontext einfach die Veränderungen in einer Familie Jahr für Jahr miterleben würden? Später war Berlin durch die Mauer geteilt. In derselben Stadt herrschten zwei unterschiedliche Ideologien. Auch in Polen haben wir so viel erlebt, dass wir jeglicher Art von Ideologie misstrauen, trotzdem gibt es immer wieder Leute, die sie uns als wunderschöne Utopie anpreisen wollen, aber am Ende entpuppt sie sich immer als Apokalypse.

"The Change" ist keine Reaktion auf Donald Trump

FILMSTARTS: Kurz nach dem ersten Jahrestag von Trumps Wahl kommt der Film in Deutschland in die Kinos. In Amerika hingegen ist der Film schon Ende Oktober gestartet. Stehen diese Entscheidungen in Zusammenhang mit Trumps Regentschaft?

Jan Komasa: „The Change“ war einige Monate vor den Wahlen 2024 fertiggestellt. Das Drehbuch entstand 2019, also lange vor der Pandemie, dem 6. Januar, dem Ausbruch zweier großer Kriege und den Wahlsiegen von Biden und Trump. Seitdem scheint sich die Welt mehrfach auf den Kopf gestellt zu haben. Als letztes Jahr die US-Wahlen stattgefunden haben, war der Film bereit für die Veröffentlichung, aber dann kam der überraschende Sieg von Präsident Trump, der ziemlich beispiellos war.

Ich erinnere mich, dass die Verwirrung unter den Leuten in der amerikanischen Filmindustrie riesig war. Unser Verleiher Lionsgate war eines von vielen großen Unternehmen, die dann beschlossen haben, die meisten ihrer Projekte auf Eis zu legen, um abzuwarten, wie sich die Lage entwickeln würde. Die Angst vor dem Unbekannten und unsere Vorsicht führten dazu, dass der Film ein Jahr lang zurückgehalten wurde. Weil niemand wusste, was passieren würde. Nach einigen Monaten kam man zu dem Schluss, dass Halloween der beste Zeitpunkt für „The Change“ wäre, da der Film wie eine Horrorgeschichte wirkt.

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"The Change" auch viel von einer Horrorgeschichte.

FILMSTARTS: Die Premiere fand im New Yorker Metrograph statt. Wie haben die Leute in Amerika auf den Film reagiert?

Jan Komasa: Ich war überwältigt von den intensiven Reaktionen des New Yorker Publikums. Als Ellen Liz im Film eine Ohrfeige gibt, haben die Leute im Kino geklatscht. In der Szene, in der Liz erzählt, dass sie als Gastdozentin an die Georgetown eingeladen wurde und sich an ihre ehemalige Professorin richtet, damit sie sie als ehemalige Schülerin offiziell vorstellt, hat man die Leute förmlich sagen hören: „Oh Gott, tu es nicht!“ Zwei Tage später waren die Reaktionen in Los Angeles dieselben. Das ist ein völlig anderes Kinoerlebnis als in Europa.

Eine US-Flagge, die vertraut, aber doch ungewohnt wirkt

FILMSTARTS: Die Flagge auf dem deutschen Kinoplakat sieht der amerikanischen Flagge sehr ähnlich. Wie kam es dazu?

Jan Komasa: Weil ich von außerhalb komme, haben mich die Produzenten gebeten, eine bestimmte visuelle Darstellung für „The Change“ zu entwickeln. Ich dachte dann darüber nach, ob das vielleicht ein Swastika (Anm.: das religiöses Glückssymbol, das die Nazis als ihr Emblem, das Hakenkreuz, übernommen haben) sein könnte und dann dachte ich, dass es vielleicht besser wäre, einfach die Flagge ein klein wenig zu verändern. Das Muster von „The Change“ ist symmetrischer. Sie sieht vertraut und fremd zugleich. Es gibt die so genannte Akzeptanzlücke, das „Uncanny Valley“-Syndrom, die besagt, dass etwas, das der Realität ähnelt, aber nicht real ist, uns Angst macht. Diese kleinen Veränderungen sind manchmal furchterregender als große.

Auf dem deutschen Poster ist eine Flagge, die stark an die amerikanische erinnert. TOBIS Film GmbH
Auf dem deutschen Poster ist eine Flagge, die stark an die amerikanische erinnert.

FILMSTARTS: Auf dem amerikanischen Filmposter sind nur die Streifen der Flagge abgebildet, die Sterne sieht man nicht. Niemand weiß also, dass sich die amerikanische Flagge für „The Change“ geändert hat. Warum hast du dich dafür entschieden, das in den USA zu verschweigen?

Jan Komasa: Mich berührt es nicht so sehr, dass die Flagge der amerikanischen ähnlich sieht. Für mich persönlich ist es einfach eine Flagge, nichts weiter. Ich kann mir aber vorstellen, dass es für einen Amerikaner verstörend sein kann, sie auf einem Poster zu sehen, da sie fast identisch wie die eigene Flagge aussieht. Vielleicht wollen manche Leute den Film deshalb nicht sehen, weil es provokant wirkt und provokant in Amerika schnell mit „unangenehm“ gleichgesetzt wird.

Das ist in Europa anders. Ist ein Film provokativ, dann wollen die Leute ihn ansehen. Die amerikanische Kultur hingegen ist eher auf Unterhaltung ausgerichtet, Familiendramen mit weniger politischen Elementen zu inszenieren. Der Film selbst bleibt gleich, aber das Marketing rund um den Film ist unterschiedlich.

Darum wurde dieser so amerikanische Film in Irland gedreht

FILMSTARTS: Gedreht wurde nicht in Amerika, sondern in Dublin. Hatte das politische Gründe?

Jan Komasa: Nein, überhaupt nicht. Da ging es nur ums Geld. Wir wollten den Film in Washington D.C. drehen, aber die Kosten beliefen sich dort auf etwa 18 Millionen Dollar, in Massachusetts immerhin auf 15 Millionen Dollar. Also zogen wir weiter nach Vancouver, Kanada und nach Montréal, dort waren es immer noch 13 Millionen Dollar. Also verlegten wir das Projekt nach Dublin und kamen dort auf elf Millionen Dollar.

FILMSTARTS: Welche Herausforderungen habt ihr gemeistert, um ein gewisses amerikanisches Lebensgefühl in Dublin zu erzeugen?

Jan Komasa: Die größte Herausforderung bestand für uns darin, dass wir im Film eine wohlhabende Familie haben, die in einer vornehmen Gegend lebt. Würde man so ein Haus mieten, dann kann man es sich wahrscheinlich nicht mal zwei Monate leisten. Wir haben dann bei einem ehemaligen irischen Model gedreht, die den Film nicht des Geldes wegen machen wollte, sondern für Diane Lane, weil sie ein großer Fan von ihr ist. Also das ist eher eine symbolische Geste. Das Model ist in „The Change“ sogar bei der Jubiläumsfeier zu sehen.

Literaturprofessorin Ellen (Diane Lane) und ihr Mann Paul (Kyle Chandler) bei einer ihrer Jubiläumsfeiern. TOBIS Film GmbH
Literaturprofessorin Ellen (Diane Lane) und ihr Mann Paul (Kyle Chandler) bei einer ihrer Jubiläumsfeiern.

FILMSTARTS: Liz, die selbst Einzelkind und Kind geschiedener Eltern ist, heiratet in eine heile Familie ein. Sie wirkt unwirklich, nahezu perfekt. Fast wie eine Heilige. Eine der drei Schwestern bemerkt, dass sie nie blinzelt. Gab es für Liz reale Vorbilder?

Jan Komasa: Ich habe mich an mehreren Persönlichkeiten orientiert. Eine davon war Elizabeth Holmes, die das US-amerikanische Gesundheitsunternehmen Theranos in Kalifornien gegründet hatte und als weiblicher Steve Jobs bezeichnet wurde. Weil auch sie nicht blinzelt, habe ich Liz nach ihr benannt.

FILMSTARTS: Elizabeth Holmes versprach Anfang der 2000er, dass man mit einem Blutstropfen eine Vielzahl von Tests durchführen könne. Dass allerdings die Tests ungenau waren, verschwieg sie. Sie wurde CEO einer Milliardendollarfirma und später wegen Betrugs zu elf Jahren Haft verurteilt. Bis dahin hielt sie den perfekten Schein aufrecht. Auch hier spielt also Perfektion eine Rolle. Wer hat dich noch inspiriert?

Jan Komasa: Die andere Person war Tara Westover, die Autorin von „Befreit. Wie Bildung mir die Welt erschloss“. Westover wurde von Mormonen erzogen, hat sich aber von der Glaubensgemeinschaft Schritt für Schritt entfernt und sie später verlassen. Mit 19 oder 20 Jahren, als Tara Westover an der Harvard-Universität aufgenommen wurde, entdeckte sie erst das Internet. Wir dachten, wenn sie so eine ungewöhnliche Kindheit hatte, dann sehnt sie sich wahrscheinlich nach einer normalen, neuen Familie. Wir wollten mit Liz eine Art Virus erschaffen. Sie möchte so sehr Teil dieser Familie sein, dass sie am liebsten ihre DNA mit der ihrer ehemaligen Professorin Ellen vermischen möchte.

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"Eine Art Virus": Phoebe Dynevor als Liz.

FILMSTARTS: Der Gedanke erinnert an „Saltburn“, wo sich Oliver in ihre soziale Struktur frisst und sie dadurch zerstört. Bei Liz wirkt das ähnlich…

Jan Komasa: Genau, aber das passiert ganz langsam. Das spiegelt sich auch in der Wahl der Kleiderfarben von Liz und Ellen wider, die am Ende umgekehrt werden. Das Virus dringt in die Zelle ein und übernimmt die Kontrolle über sie. Nimmt sie ein.

FILMSTARTS: „The Change“ endet mit einer Spiegelung von René Magrittes „Die Liebenden“…

Jan Komasa: Ich wollte, dass wir dieses zärtliche und gleichzeitig auch brutale Gemälde in der Realität nachstellen. Die beiden Köpfe der Liebenden sind sich auf dem Bild ganz nah, aber ein Stück Stoff trennt sie voneinander. Es sieht aus wie eine mittelalterliche Bestrafungsmethode, hat aber auch einen realistischen Aspekt. Während der Pandemie hat man den Leuten in Polen bei Verhaftungen so genannte Spuckhauben („Spitbags“), Säcke aus Spuck- oder Bissschutzstoff, übergezogen. Im Film wird das Bild „Der Liebenden“ vom Virus durchspült. Liz beobachtet das Paar, hat es und ihre Liebe zueinander einverleibt. So dass nichts anderes mehr übrigbleibt als das Virus selbst.

Dieser Film soll nicht die Realität wiedergeben!

FILMSTARTS: Die Mechanismen einer Machtübernahme bleiben trotzdem vage. Warum erzählst du die Geschichte nicht konkreter?

Jan Komasa: Alle loben die schauspielerischen Leistungen, die Struktur und das Tempo des Films, manche werfen mir Opportunismus vor. Sie sehen Dystopien als eine Art Flucht vor der Realität, erwarten, dass ich viel direkter, bissiger und entschiedener Stellung beziehe und den Mut habe, Dinge beim Namen zu nennen – zum Beispiel in Bezug auf die politische Ausrichtung. Das wollte ich nie.

Ich wollte unbedingt einen Science-Fiction-, Dystopie-, Sozialhorrorfilm machen, der niemals der Realität zu nah kommen sollte. Würde ich den Film heute machen, dann würde ich am Ende mehr in die Vollen gehen. Ich würde ihn dystopischer, wahrscheinlich technologischer, KI-lastiger, einfach anders – wahrscheinlich auch verrückter - gestalten. Damit die Leute den Film nicht mit der Realität verwechseln.

Die Familienfeste in TOBIS Film GmbH
Die Familienfeste in "The Change" werden immer schmerzvoller.

FILMSTARTS: Bei einer Vorlesung an der Universität in Georgetown zitiert Ellen Taylor den russischen Schriftsteller Anton Pawlowitsch Tschechow: „Ich bin weder liberal noch konservativ. Ich ziehe es vor, ein freier Künstler zu sein.“ Dann bist du also Ellen!

Jan Komasa: Am wohlsten fühle ich mich als Filmemacher, wenn ich in meinem kleinen Haus auf dem Hügel sitze, alles um mich herum beobachte und einfach einen kleinen Film darüber drehe, was die Leute meiner Meinung nach tun, ohne sie zu verurteilen. Ellen sagt im Grunde: „Es ist nicht meine Aufgabe, Propaganda zu verbreiten und irgendjemandem vorzuschreiben, was er zu denken hat. Meine Aufgabe ist es, die Menschen zu beobachten, mich außen vor zu lassen und die Mechanismen zu verstehen.“

Man sollte Kunst nicht als Vehikel für politische Meinungen betrachten, den Menschen in der Rolle eines Schöpfers, Künstlers oder Regisseurs vorschreiben, was sie denken oder wie sie wählen sollen. Vielmehr sehe ich die Aufgabe darin, bestimmte Aspekte zwischen uns hervorzuheben und zu unterstreichen. Ich mache Filme für alle, weil ich möchte, dass die Menschen sehen, was passiert, wenn man sich nicht im Norden oder Süden, links oder rechts einordnet, sondern ein Strom ist.

The Change“ läuft seit dem 6. November 2025 in den deutschen Kinos. Nachfolgend haben wir noch den englischen Originaltrailer für euch:

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