Als „Beef“ im April 2023 auf Netflix startete, war schnell klar, dass die Serie hielt, was der Titel versprach: In zehn Folgen wurde mit zunehmender Feindseligkeit eine Fehde ausgetragen, die auf ungeahnte Weise immer weiter eskalierte. Doch wovon „Beef“ auf einer tieferen Ebene eigentlich handelt, ist schon schwieriger zu erklären. Der anfängliche Affront zwischen Danny (Steven Yeun) und Amy (Ali Wong) im Straßenverkehr ist nicht nur die Initialzündung für den Konflikt, sondern zwingt die beiden zum Blick in ihre persönlichen Abgründe.
In vielen aufschlussreichen und äußerst unterhaltsamen Wendungen, Flashbacks und Offenbarungen schälte die Serie schließlich heraus, was die beiden Feinde nicht wahrhaben wollten: Sie haben mehr gemeinsam als gedacht und der Hass auf den anderen entspringt zu großen Teilen einer nach außen projizierten Selbstverachtung.
Rage, Verzweiflung, Selbstverlust
All dies erzählte Showrunner Lee Sung-Jin auf berauschend frische Weise, die bis ins letzte Detail durchdacht war: So bespielte er die Existenzkrise seiner Hauptfiguren mit einem perfekt abgestimmten Millennial-Soundtrack, blendete zwischendurch Artwork ein, das die thematischen Motive von „Beef“ – Rage, Verzweiflung, Materialismus, Selbstverlust – unterstrich und band den Plot schließlich mit einem versöhnlichen und kraftvollen Ende ab.
Publikum und Kritik feierten den Einfallsreichtum und es folgten einige Auszeichnungen (darunter acht Emmys und drei Golden Globes). Zugleich äußerte Lee Sung-Jin in einem Rolling Stone-Interview die Hoffnung, den Plot von „Beef“ fortsetzen zu können: „Ich denke, sollten wir das Glück haben, eine zweite Staffel zu bekommen, gibt es viele Möglichkeiten, wie es mit Danny und Amy weitergehen könnte.“
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Neues Setting, neuer Cast, anderer Beef
Wie wir jetzt wissen, dreht sich die zweite Staffel von „Beef“ aber eben nicht mehr um die ursprünglichen Protagonisten, sondern wird mit einem anderen Setting und neuen Charakteren nun zu einer Anthologie. Handlungsort ist ein exklusiver kalifornischer Country Club, in dem die Reichen und Berühmten (Schwimmer Michael Phelps und Billie Eilishs Bruder Finneas lassen sich neben anderen kurz blicken) relaxen.
Geführt wird der Club seit sechs Jahren vom General Manager Josh (Oscar Isaac), wobei ihm seine Ehefrau Lindsay (Carey Mulligan) als Innenausstatterin und Event-Planerin zur Seite steht. Nach außen gibt sich das Paar niveauvoll, relaxed und strahlend, doch hinter dieser Fassade brodelt es, wie gleich in der ersten Episode klar wird. Nach einer Charity-Veranstaltung im Club fliegen daheim die Fetzen zwischen den beiden und sie werfen sich ungehemmt alles an den Kopf, was sich im Laufe ihrer Ehe an Frust angestaut hat.
Dabei werden zwei junge Angestellte unfreiwillig Zeugen: Ashley (Cailee Spaeny) und ihr Verlobter Austin (Charles Melton) – beide in ihren 20ern, geringfügig und ohne Krankenversicherung beschäftigt, aber schwer ineinander verliebt – sind schockiert von dem, was sie sehen und vermuten einen klassischen Fall häuslicher Gewalt. Doch der Sorge um Lindsay mischt sich zugleich die Angst um ihre Jobs bei und schließlich, als ihre finanziellen und gesundheitlichen Sorgen wachsen, Kalkül. Es ist der Anfang einer Fehde zwischen den Paaren, die aber auch die Dynamik innerhalb ihrer Beziehungen gehörig verändern wird.
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Ein "White Lotus"-Abklatsch?
Ein Luxus-Resort, Klassenkonflikte und persönliche Feindseligkeiten – das kennen wir doch zur Genüge aus Mike Whites meisterlicher Anthologie-Serie „The White Lotus“. Tatsächlich hat auch der Trailer zur zweiten Staffel von „Beef“ sogleich die Befürchtung geschürt, dass sich „Beef“ nun in einen Abklatsch der HBO-Produktion verwandelt. Doch die Sorge ist unberechtigt: Die reichen Mitglieder des Country Clubs sind in „Beef“ nur Beiwerk, während sich diese Staffel ganz der Ursprungsidee folgend darauf konzentriert, den Kern des Konflikts zwischen den beiden Paaren zu umkreisen und schließlich in seiner komplexen Gesamtheit zu offenbaren.
Einerseits scheint dieser Zwist auf einen Generationenkonflikt hinauszulaufen: Josh und Lindsay sind alternde Millennials, deren einstige Lebensträume sich trotz eines Plans und einiger Arbeit nicht erfüllt haben. Um sich das nicht eingestehen zu müssen, blicken sie auf Ashley und Austin als naive, dümmliche und anmaßende Gen Z-Repräsentanten herab, die sich wiederum Josh und Lindsay moralisch überlegen fühlen.
Dieses explosive und satirisch zugespitzte Spannungsverhältnis wird getragen von wirklich grandiosen Performances, allen voran von Oscar Isaac und Carey Mulligan, die schon für „Inside Llewyn Davis“ gemeinsam vor der Kamera standen: Ihr Gezanke untereinander ist erbittert, aber gleichzeitig von solcher Komik, dass das Zuschauen enormen Spaß macht.
Trotz der vielen schwarzhumorigen Momente kommt die Tragik in „Beef“ erneut und auch vertieft zum Tragen: Keines der Paare ist in Wahrheit überlegen oder miteinander für dauerhaftes Glück bestimmt, sondern vielmehr eine Spiegelung der Vergangenheit beziehungsweise Zukunft voneinander. Dies wird auch formal mit ausgefeilten visuellen Drehs vermittelt, etwa wenn sich die Figuren plötzlich unvermittelt in anderen reflektiert sehen.
Substanzielles über Liebe, Lebensträume und Macht
Schließlich erreicht „Beef“ eine weitere interessante Ebene, als Park (Yuh-jung Youn), die südkoreanische Milliardärin und Besitzerin des Country Clubs, aufs Parkett tritt. Als wahrhaft mächtige Frau lässt sie beide Paare ihre jeweilige Wehrlosigkeit gegen die Härten des Lebens spüren und legt zum furiosen Ende der Staffel dar, wie sich Beziehungen ihrer Erfahrung nach in einer kapitalistischen Welt verhalten.
Das Ergebnis ist bitter, pointiert und liefert viel Gesprächsstoff. Ebenso zeigt „Beef“ mit dieser zweiten Staffel auf, dass Lee Sung-Jin noch einiges an Substanz über psychologische und strukturelle Ursachen persönlicher Konflikte zu erzählen hat und man so nur auf weitere Staffeln hoffen kann.
Fazit: Die zweite Staffel von „Beef“ überzeugt mit pointierten Reflexionen über Generationen-, Klassen- und Beziehungskonflikte, einem grandiosen Cast und versierten Ausweitungen der thematischen Kampfzone – und kann damit der starken ersten Season definitiv das Wasser reichen. Der Sprung ins Anthologische ist geglückt!
Was euch neben den neuen Folgen von „Beef“ im April noch alles an Neuheiten auf Netflix erwarten, erfahrt ihr derweil in unserer großen Monatsübersicht:
Neu auf Netflix im April 2026: Das erste "Stranger Things"-Spin-off, Hai-Horror & Überlebenskampf mit Charlize TheronFILMSTARTS bietet dir täglich die neuesten Nachrichten über Kino, Serien und Fernsehen. Abonniere FILMSTARTS hier bei Google Discover um auch unsere Kritiken, Interviews, Streaming- und TV-Tipps sowie die besten und interessantesten Geschichten über deine Lieblingsfilme und -serien nicht zu verpassen.