Grandios inszeniert & schockierend brutal – ab sofort gibt's einen der besten Filme von Ryan Gosling im Streaming-Abo
Pascal Reis
Pascal Reis
-Redakteur
Pascal liebt das Kino von „Vertigo“ bis „Daniel, der Zauberer“. Allergisch reagiert er allerdings auf Jump Scares, Popcornraschler und den Irrglauben, „Joker“ wäre gelungen.

Nachdem „Drive“ einhellig zum Klassiker erhoben wurde, sollte es Nicolas Winding Refns Nachfolgewerk „Only God Forgives“ deutlich schwerer haben. Schlecht ist das Rache-Kunstwerk, das ihr jetzt bei Paramount+ streamen könnt, aber definitiv nicht!

Die Kamera gleitet langsam über das nächtliche Los Angeles und fängt die von Mythen und Legenden durchdrungene Metropole Südkaliforniens als scheinbar endloses Lichtermeer ein, während darüber Kavinskys Synthpop-Hymne „Nightcall“ erklingt. Als diese mittlerweile ikonische Sequenz in „Drive“ unmittelbar nach der adrenalingeladenen Eröffnung über die Leinwand flimmerte, konnte man sich nahezu sicher sein, Zeuge eines modernen Meisterwerks des Stimmungskinos zu werden – ein Eindruck, den der weitere Verlauf des Films eindrucksvoll bestätigte.

Entsprechend hoch waren 2013 die Erwartungen an Nicolas Winding Refns Nachfolgewerk „Only God Forgives“, in dem wie schon in „Drive“ erneut „Der Astronaut - Project Hail Mary“-Star Ryan Gosling die Hauptrolle übernehmen sollte. Die Reaktionen auf das düstere Rache-Drama fielen jedoch beinahe diametral zur Euphorie aus, die „Drive“ begleitet hatte. Kritiker sprachen von prätentiösem Kunstkino, dem man zudem eine fragwürdige Faszination für Gewalt vorwarf.

Der Autor dieser Zahlen kann diese Vorwürfe jedoch keineswegs nachvollziehen – und hält „Only God Forgives“ für einen Film, der qualitativ nur knapp hinter „Drive“ zurückbleibt. Ihr habt „Only God Forgives“ bislang noch nicht gesehen? Dann könnt ihr ihn ab sofort im Abo von Paramount+ streamen:

Darum geht's in "Only God Forgives"

Zehn Jahre sind vergangen, seit Julian (Ryan Gosling) einen Mann getötet hat. Seither lebt er im Exil in Bangkok, wo er gemeinsam mit seinem Bruder Billy (Tom Burke) einen Thai-Box-Club betreibt, der allerdings lediglich als Tarnung für ihre Drogengeschäfte dient. Die Fäden zieht dabei ihre ebenso unnahbare wie erbarmungslose Mutter Crystal (Kristin Scott Thomas).

Als Billy ein junges Mädchen ermordet, wird er von Chang (Vithaya Pansringarm) getötet. Der rätselhafte Vollstrecker hat es sich zur Aufgabe gemacht, in den Straßen Bangkoks auf seine ganz eigene Weise für Gerechtigkeit zu sorgen. Nach dem Tod ihres Sohnes reist Crystal nach Thailand und drängt Julian zunehmend dazu, blutige Rache an Chang zu nehmen...

Ein neonfarbener Albtraum

Lange Einstellungen, streng komponierte, symmetrische Bildwelten und Figuren, die nur wenige Worte verlieren, dafür aber umso mehr durch Blicke und Gesten kommunizieren – genau diese Merkmale prägen Nicolas Winding Refns Stil seit seinem karrieredefinierenden „Drive“. Dort wurden sie jedoch noch vergleichsweise zugänglich und publikumsnah eingesetzt. „Only God Forgives“ treibt diese ästhetischen Prinzipien hingegen konsequent auf die Spitze. So sehr sogar, dass der Film in seiner minutiös durchkomponierten Langsamkeit bisweilen den Eindruck erweckt, als würde er jeden Moment vollkommen zum Stillstand kommen.

Doch nicht nur die Figuren bewegen sich in einer beinahe elegischen Entschleunigung durch die Handlung. Auch die Gewaltausbrüche entfalten sich mit einer derart konzentrierten Intensität, dass „Only God Forgives“ auf nahezu jeder Ebene eine eigentümliche meditative Ruhe ausstrahlt. Man kann diese Herangehensweise durchaus als kunsthandwerklich überhöht oder gar als zelebrierte Gewaltästhetik wahrnehmen. Für mich jedoch stellt der Film vielmehr einen bewussten Gegenentwurf zum auf Schauwerte, Katharsis und Spektakel ausgerichteten Rachekino dar – und damit zugleich die Antithese zu einem ganzen Subgenre, das seit Jahrzehnten auf die immer gleichen Bildmuster, Archetypen und Erzählmechanismen zurückgreift.

Only God Forgives
Only God Forgives
Starttermin 18. Juli 2013 | 1 Std. 30 Min.
Von Nicolas Winding Refn
Mit Ryan Gosling, Kristin Scott Thomas, Vithaya Pansringarm
Pressekritiken
3,1
User-Wertung
2,9
Filmstarts
4,0

„Only God Forgives“ ist zweifellos Kunstkino, aber niemals jenes selbstverliebte Ausstellungskino, das seine eigene inszenatorische Virtuosität permanent vor sich spazieren trägt. Stattdessen erhebt Refn Bangkok zu einer von grellen Neonfarben durchfluteten Albtraumlandschaft, in der die Mythen von Göttern, Helden und Vergeltung mit unerbittlicher Konsequenz und ohne jede augenzwinkernde Ironisierung dekonstruiert werden. Je weiter der Film voranschreitet, desto deutlicher wird, dass seine kompromisslose Ästhetik weit mehr ist als bloße Stilübung: Sie offenbart sich als surreale, hypnotische und zugleich bemerkenswert stilsicher orchestrierte Abrechnung mit den Traditionen des Genre-Kinos selbst.

Im Abo von Paramount+ findet ihr aktuell auch noch ein anderes Highlight von Nicolas Winding Refn – und zwar mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle! Um welchen Film es sich handelt erfahrt ihr im nachfolgenden Artikel:

Neu im Streaming-Abo: Ein brutales & bildgewaltiges Wikinger-Abenteuer

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