Beim Begriff „Italo-Western“ denken viele als Erstes an Meilensteine wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ von Sergio Leone oder Sergio Corbuccis „Django“. Mit ihren rauen, wortkargen Protagonisten, der kompromisslosen Gewalt und düsteren Bildsprache entzauberten diese Filme den Mythos vom Wilden Westen. Strahlende, ehrbare Helden im Stile eines John Wayne oder Gary Cooper? Eine simple Rache-Story, in der am Ende immer der Gute gewinnt? All das gab es im „Spaghetti-Western“ nicht.
Stattdessen dominieren Gier, Zynismus und Brutalität eine Welt voller moralischer Grauzonen, in der es einzig ums Überleben geht. Genau davon erzählt auch Tonino Valeriis „Der Tod ritt Dienstags“ (1967). Der Italo-Western-Klassiker ist weniger bekannt als die zu Beginn erwähnten Filme – dennoch zählt er zu den wichtigsten, prägenden Filmen seiner Art. Sogar Regie-Visionär Quentin Tarantino („Kill Bill“) ließ sich für einen seiner Filme überdeutlich von diesem Kultfilm beeinflussen.
Ihr seid neugierig geworden? Dann habt ihr viele Möglichkeiten, euch den Film anzusehen. Falls ihr ein Abo von WOW haben solltet, könnt ihr „Der Tod ritt Dienstags“ ohne Aufpreis streamen. Zudem ist er auf mehreren Plattformen als Leih- und Kauf-VoD verfügbar, etwa bei Amazon Prime Video.
Das ist "Der Tod ritt Dienstags"
Der junge Scott Mary (Giuliano Gemma) fristet in der Gemeinde Clifton, Arizona, als Sohn einer Prostituierten ein Dasein als Geächteter – und bekommt dies aufs Heftigste zu spüren. Scott muss unliebsame Arbeiten ausführen, außerdem sind Demütigungen durch die Bewohner alltäglich.
Eines Tages kommt mit Frank Talby (Lee Van Cleef) ein gefürchteter Revolverheld nach Clifton. Die beiden Außenseiter verstehen sich gut und es dauert nicht lange, bis Talby Scott unter seine Fittiche nimmt und ihn zum gefährlichen Scharfschützen ausbildet. Doch als sich Talby zum Herrscher über Clifton aufschwingt, erkennt Scott dessen wahre Absichten. Es kommt zum Duell zwischen Lehrer und Schüler.
Dem damals 33-jährigen Tonino Valerii gelang mit „Der Tod ritt Dienstags“ der Durchbruch als Filmemacher. Sein Handwerk hatte er beim Großmeister gelernt: Valerii war Regie-Assistent bei Sergio Leone und an der Entstehung der legendären Italo-Western „Für eine Handvoll Dollar“ und „Für ein paar Dollar mehr“ beteiligt.
Der Einfluss Leones auf den jungen Regisseur zeigt sich ganz direkt in „Der Tod ritt Dienstags“. Wie in den Filmen der „Dollar“-Trilogie handeln auch in Valeriis Werk nicht einmal die „Guten“ moralisch einwandfrei. Die Charaktere sind ambivalent und undurchschaubar. Sie sind auf den eigenen Vorteil bedacht, egoistisch und habsüchtig – selbst die zunächst harmlos erscheinenden Dorfbewohner, vom Bankier bis zum Richter.
Daneben setzt Valerii auf unerwartete Gewaltspitzen und Protagonisten, die nicht vor Brutalität zurückschrecken, um ihre Ziele zu erreichen. Erscheint Lee Van Cleefs Figur des stets adrett gekleideten Gentleman-Revolverhelden Frank Talby zunächst noch als (halbwegs) rechtschaffen und integer, offenbart sich sein tatsächlicher Charakter spätestens beim Feuerinferno, das er im örtlichen Saloon entfacht. Van Cleef zeigt in der Rolle des halbseidenen, charismatischen Talby eine der stärksten Performances seiner Karriere.
So huldigt Tarantino dem Klassiker in "Django Unchained"
Ihm in nichts nach steht Giuliano Gemma als Scott Mary, der sich in acht Lektionen von Talby zum gewieften Wild-West-Killer ausbilden lässt. Vom unterwürfigen, gedemütigten Jüngling ohne Selbstbewusstsein entwickelt sich Scott zum eiskalten, präzis vorgehenden Rächer. Kein Geringerer als Italo-Western-Liebhaber Quentin Tarantino ließ sich von dieser Mentor-Schüler-Story inspirieren. Die Beziehung zwischen Dr. King Schultz (Christoph Waltz) und Django (Jamie Foxx) in seinem Erfolgsfilm „Django Unchained“ (2012) spiegelt die Dynamik zwischen Talby und Scott perfekt wider. Der abgebrühte, erfahrene Profi bringt dem unbeholfenen Greenhorn das Töten bei – und die ungeschriebenen Gesetze des Wilden Westens gleich mit.
Constantin Film / Explosive Media
Italo-Western-Fans werden sich darüber hinaus durch die Schauplätze an Leone erinnert fühlen. „Der Tod ritt Dienstags“ entstand u.a. in der südspanischen Provinz Almeria, wie schon die „Dollar“-Trilogie. Einer der wichtigsten Drehorte waren die trockenen Landschaften der andalusischen Tabernas-Wüste. Dort spielt die spektakulärste Action-Szene des Films: Talby und ein Verfolger treten auf ihren Pferden zu einem „Winchester“-Duell an, das an mittelalterliche Ritterturniere erinnert. Ein ikonischer Italo-Western-Moment!
Und dann wäre da noch die eindringliche musikalische Untermalung von Riz Ortolani, der sich allein mit dem Titelthema („Day of Anger“) unsterblich gemacht hat. Das markante, von Bläsern und Western-Gitarren dominierte Stück fängt die dichte Atmosphäre und Melancholie des Films perfekt ein. Die Melodie ist eingängig und regelrecht elektrisierend, während der treibende Rhythmus einen unwiderstehlichen Sog entfaltet und in die Szenerie hineinzieht. Da Tarantino „Day of Anger“ für den Soundtrack von „Django Unchained“ benutzte, erfuhr das Lied einen enormen Popularitätsschub und gewann, 45 Jahre nach Entstehung, zahlreiche neue (junge) Fans hinzu.
Neben Italo-Western wie „Zwei glorreiche Halunken“ und „Der Tod ritt Dienstags“ nennt Tarantinos auch eine legendäre Screwball-Komödie als Inspiration, deren Macher damals den schnellsten Film aller Zeiten drehen wollte:
Auch Quentin Tarantino ließ sich davon inspirieren: Riesiges Videospiel-Universum wird verfilmt – mehrere Filme und Serien geplant