„The Rip“, „Apex“, „Ladies First“ und wie sie alle heißen: Netflix brachte im Jahr 2026 bereits eine ganze Reihe von Eigenproduktionen an den Start, die sich auf den ersten Blick nicht gerade ähneln, auf den zweiten aber doch einiges gemeinsam haben. Denn ausgestattet mit üppigen Budgets und großen Stars, eroberten sie die Charts auf der Streamingplattform im Sturm. Mich konnten sie allesamt allerdings nicht gerade überzeugen – und gerade nur so gut unterhalten, dass ich es irgendwie bis zum Abspann geschafft habe.
Zugleich landeten in der jüngeren Vergangenheit aber auch immer wieder exklusiv bei Netflix gestartete Filme weit oben in meinen Jahresbestenlisten, die vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhielten. Begeisterten mich 2025 so etwa das famos fotografierte Tagelöhner-Drama „Train Dreams“ sowie der zu Herzen gehende „How To Make Millions Before Grandma Dies“, traf in diesem bei mir auch schon der indonesische Film „A Letter To My Youth“ einen Nerv. Dementsprechend musste ich auch „Color Book“ direkt von meiner Watchlist streichen, als ich von seiner Existenz erfuhr. Denn der passt schlichtweg perfekt in das Profil eines Netflix-Films, wie er ganz nach meinem Geschmack ist.
"Color Book": Ein Kritikerliebling, den kaum jemand kennt
Regisseur und Drehbuchautor David Fortune wurde bei seiner Arbeit als Betreuer in einem Ferienlager für Jugendliche mit Down-Syndrom zu seinem Spielfilmdebüt inspiriert – und bekam von Netflix die Gelegenheit (und das nötige Kleingeld), daraus schließlich die Geschichte eines Vaters und seines Sohnes mit Down-Syndrom zu spinnen, die nach einem herben Verlust versuchen, ihren gemeinsamen Alltag irgendwie zu bewältigen. Im Zentrum des Films steht aber vor allem ein Baseballspiel, das sie unbedingt besuchen wollen – doch auf dem Weg dorthin werden ihnen so manche Steine in den Weg gelegt…
Von Austin über Chicago und Denver bis New Orleans: „Color Book“ legte 2024 und 2025 einen beeindruckenden Festival Run hin, vor allem David Fortune und Kameramann Nikolaus Summerer wurden dabei mit Preisen überhäuft – und auch die Zahlen auf diversen Kritikenplattformen sind ziemlich eindeutig. In mehrerlei Hinsicht.
Denn von 13 abgegebenen Bewertungen bei Rotten Tomatoes sind 100 Prozent positiv, zudem gibt es in beiden Reviews bei Metacritic herausragende 90/100 – von renommierten Outlets wie Variety und der New York Times, die damit nicht weniger als einen der besten Netflix-Filme der jüngeren Vergangenheit versprechen. Aus diesen Werten gehen allerdings zwei Erkenntnisse klar hervor: Wer „Color Book“ kennt, ist begeistert – doch kaum jemand kennt ihn!
Diese Filme machen Netflix so großartig!
Während Netflix reihenweise Großproduktionen auf den Weg bringt, die ich für mich in der Regel irgendwo zwischen „uninteressant“ und „unnötig“ einordne, ist „Color Book“ eines der vielen Paradebeispiele für die Art Film, die es ohne Netflix vielleicht nie gegeben hätte. Denn auch wenn man nicht alles gut finden muss, was der Streaming-Riese fabriziert: Er gibt immer wieder jungen, aufstrebenden Filmschaffenden eine Stimme, ermöglicht ihnen, ihre Visionen zu realisieren – und diese einem breiten Publikum zugänglich macht. Auch wenn die Werbetrommel dabei oftmals nur sehr zaghaft gerührt wird… oder gar nicht.
Wie gut einem der Film am Ende gefällt, ist dabei in Wahrheit nebensächlich – und hängt natürlich stets vom eigenen Geschmack ab. Oder von der Stimmung, in der man sich gerade befindet. Deswegen will ich an dieser Stelle auch eine unbedingte Empfehlung aussprechen, obwohl mich „Color Book“ am Ende nur bedingt erreichen konnte.
Holt die Taschentücher raus… oder auch nicht.
Denn ja, die beiden Hauptdarsteller William Catlett (Vater) und Jeremiah Alexander Daniels (Sohn) machen ihre Sache fantastisch – und handwerklich kann sich das Ganze ebenfalls sehen lassen. Jede Szene verdeutlicht, dass hier viele talentierte Menschen am Werk waren. Als jemand, der vor kurzem selbst Vater geworden ist und seitdem besonders empfänglich für derartige Stoffe ist, hätte ich bei „Color Book“ nur zu gerne Rotz und Wasser geheult. Leider gelang es David Fortune aber nie so ganz, mich voll und ganz in die Gefühlswelt seiner Figuren zu entführen.
Im Gegensatz zum Gros der Kritiker und Fans ließ mich die die herzzerreißende Geschichte so am Ende leider ziemlich kalt. Die Kluft zwischen Protagonisten und Publikum, die er einfach nicht zu überwinden schafft, führte letztlich dazu, dass mich „Color Book“ nicht etwa zu Tränen rührte, sondern mir mit seinen depressiv-ästhetischen Schwarz-Weiß-Bildern eher als Holzhammer-Tearjerker in Erinnerung bleibt, der auf Biegen und Brechen versucht, eine emotionale Reaktion auszulösen. Doch das muss keineswegs heißen, dass es euch dabei nicht völlig anders gehen kann!
Ein anderer Schwarz-Weiß-Film von Netflix konnte mich indes völlig von den Socken hauen und nachhaltig bewegen. Auch FILMSTARTS-Redakteur Julius Vietzen zeigte sich begeistert. Warum, könnt ihr an anderer Stelle nachlesen:
Streaming-Tipp: Dieses erschütternde Netflix-Highlight wurde völlig zu Recht mit drei Oscars ausgezeichnet