Bisher war dieser Skandalfilm um 15 (!) Minuten gekürzt: Im Heimkino feiert der kontroverse Kultfilm deutsche Uncut-Premiere
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Er ist frivol, durchgeknallt, provokant, surreal und wird überaus kontrovers diskutiert: „Sweet Movie“ ist entweder eine abgedrehte, schonungslose Satire auf Schönheitswettbewerbe, die Konsumgesellschaft und Kultismus – oder einfach abartig.

Obwohl Dušan Makavejev für seine experimentelle Satire „Sweet Movie“ auf Gelder aus Frankreich, Kanada und Deutschland zurückgriff, schauten deutsche Filminteressierte mit Komplettionsdrang jahrzehntelang in die Röhre: Die internationale Koproduktion des serbischen Regisseurs kam in Deutschland trotz einer FSK-Freigabe ab 18 Jahren bloß um 15 Minuten gekürzt in die Kinos.

Auch im TV lief der surrealistische Mischmasch aus provokanter Erotikkomödie und experimenteller Satire nie in voller Länge. Erst jetzt, nach Dekaden hitziger Debatten über den (Un-)Wert des Films, kommt er so nach Deutschland, wie Makavejev es sich gedacht hat: Am 9. September 2026 feiert „Sweet Movie“ seine deutsche Uncut-Premiere im Heimkino – und die ist zugleich sein hiesiges 4K-Debüt!

Das 2-Disc-Set enthält den Film auf 4K-Scheibe und auf Blu-ray und ist auf 666 Exemplare limitiert. Parallel zum obig verlinkten Mediabook sind auch inhaltlich identische Editionen mit alternativem Cover erschienen. Cover B* etwa ist auf 500 Stück limitiert.

Auch Amazon hat „Sweet Movie“ gelistet, allerdings sind Cover A*, Cover B* und die nicht via JPC verfügbare Variante mit Cover C* (begrenzt auf 333 Exemplare) dort aktuell nicht verfügbar. Möglich, dass der US-Konzernriese noch Nachschub erhält, wer aber auf Nummer sicher gehen will, sollte nicht darauf zocken.

Als Bonusmaterial enthalten die Mediabooks ein Booklet mit Begleittext vom Filmmemacher Paul Poet, ein Video-Essay von Filmhistoriker Daniel Bird, Interviews und die alternative TV-Fassung von „Sweet Movie“ in SD-Qualität.

Darum geht es in "Sweet Movie"

Bei einem Schönheitswettbewerb wird unsere Heldin (Carole Laure) als jungfräulichste Teilnehmerin prämiert und gewinnt somit eine Hochzeit mit einem Milchbaron. Der hat jedoch so erdrückend-konventionelle Vorstellungen von Sex, dass seine neu gewonnene Frau durchdreht. Nur durch die Hilfe eines Bodyguards kann sie entkommen und lernt am Eiffelturm den heißblütigen Sänger El Macho (Sami Frey) kennenlernt und prompt Sex mit ihm hat.

Danach wird sie von einer Künstlerkommune adoptiert, deren Anführer (Otto Mühl) ihr beibringt, keine Furcht vor den unterschiedlichsten Flüssigkeiten zu haben, die sich aus den verschiedensten Körperöffnungen ihren Weg bahnen. Unterdessen lockt die Revoluzzerin Anna Planeta (Anna Prucnal) mit Süßigkeiten lüsterne Matrosen und unschuldige Kinder auf ihr mit einem Pappmaché-Kopf von Karl Marx verzierten Kutter, der durch die Kanäle Amsterdams schippert...

Der Titel lügt: Das hier ist wahrlich kein appetitlicher Film

Dass in „Sweet Movie“ der Aktionskünstler, Kommunengründer und 1991 verurteilte Sexualstraftäter Otto Mühl mitspielt, der sich vom Film distanzierte, weil er ihn als „absoluten Kitsch“ empfand, dürfte Bände sprechen. Ebenso wie der Umstand, dass Carole Laure nach Dreh der Szene in Mühls Kommune hinschmiss, weshalb Makavejev grob die Hälfte des Films komplett neu entwickeln musste. Erst daraufhin entstand der Handlungsfaden rund um Schifffahrtskapitänin Anna Planeta.

Deren Darstellerin Anna Prucnal sollte ihre Beteiligung am Film schnell bereuen: Die polnische Darstellerin, die später in Fellinis „Stadt der Frauen“ mitspielte, wurde aufgrund von „Sweet Movie“ aus ihrem Heimatland verbannt, nicht zuletzt weil im Film Aufnahmen der realen Überbleibsel der Opfer des Massaker von Katyn zu sehen ist. Erst sieben Jahre später wurde ihre Zwangsexilierung aufgehoben.

"Extrem widerwärtig" oder "klug, raffiniert und komplex"?

Nicht nur in Polen reagierte man schockiert auf den Film: In den meisten europäischen Ländern kam er nur stark gekürzt in die Kinos, in Großbritannien erfolgte der Kinostart außerdem erst mit mehreren Jahren Verspätung und nach intensiven politischen Debatten. Auch heute erregt „Sweet Movie“ die Gemüter, so nennt ihn Time Out „einen der skandalträchtigsten Filme, die je gemacht wurden […] und schlecht gealtert.“ Zudem bezeichnete Alper Turfan von „Cinema Strikes Back“ den Experimentalfilm im Podcast „Wovor gruselt sich eigentlich... ?“ aufgrund seiner Inhalte sowie Drehbedingungen als „extrem widerwärtig“ und einen der wenigen Filme, von denen er komplett abraten würde.

Gleichwohl hat diese filmische Ansammlung an Kot, Urin, Gewalt, Belästigung, Sex, Aggression, drastischer Konsumkritik und manischem Kommunismusabgesang ihre Fans. So wird der Film, der sich als Mischung aus „Pink Flamingos“, Jean-Luc Godards „Weekend“ und „Salo – Die 120 Tage von Sodom“ sowie als „'Poor Things' für 68er“ bezeichnen lässt, von Filmkritiker David Sterritt als „wahrhaftig bahnbrechend“ sowie „klug, raffiniert und komplex“ gelobt.

Auch im „Lexikon des internationalen Films“ gibt es Lob, selbst wenn es zugleich als Warnung verstanden werden kann: Dort wird die Attacke auf „die weltweite Unterdrückung der Sinnlichkeit“ als „eine wüste, respektlose, programmatisch betriebene Tabuverletzung“ beschrieben, „die gleichermaßen schockiert wie amüsiert.“ Und sehr bald könnt ihr euch ja ganz leicht selbst ein Bild davon machen, wo ihr euch in dieser Debatte einreiht. Wenn das noch nicht genug ist: Einen weiteren Meilenstein des Skandalkinos stellen wir euch im folgenden Artikel vor...

Er war lange Zeit verboten: Einer der verstörendsten Skandalfilme der Kinogeschichte erscheint erstmals komplett ungekürzt in 4K

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Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.
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