"The Shards" basiert auf der Jugend des "American Psycho"-Autors, doch wieviel von dem Serienmörder-Thriller ist real?

Auf Disney+ läuft seit dieser Woche die Serie „The Shards“, in der Privatschüler*innen von einem Killer gejagt werden. Schriftsteller Bret Easton Ellis verarbeitet mit dem Stoff seine eigene Jugend – doch wieviel davon beruht auf wahren Erlebnissen?

Jede Generation braucht ihr „O.C. California”, ihr „Gossip Girl” – eine Jugendserie, die das Leben der Reichen und Schönen für die Allgemeinheit inszeniert. So fern der glamouröse Alltag der Figuren den meisten auch sein mag, ihre Sehnsüchte und Ängste treffen oft genau den Nerv ihrer Zeit. Vielleicht liegt ein gewisser Trost darin, zu sehen, dass ein Leben im Überfluss nicht vor den Unsicherheiten des Erwachsenwerdens schützt. 

Die neue Disney+-Serie „The Shards” spielt zwar irgendwo mit vertrauten Mustern dieses Genres, unterläuft sie jedoch zugleich. Statt in der Gegenwart ist die Handlung in den frühen 1980er-Jahren angesiedelt, einer dem Zielpublikum völlig fremden Zeit. Neben den üblichen Konflikten rund um die Wahl zur Ballkönigin, hat es in der Ryan-Murphy-Produktion ein sadistischer Serienmörder auf die Protagonist*innen abgesehen. (Glücklicherweise) dürften die wenigsten Zuschauer*innen diese Erfahrung aus eigener Perspektive kennen.

Bei der Serie handelt es sich um die Adaption eines von „American Psycho”-Autor Bret Easton Ellis geschriebenen autofiktiven Romans. Aber was genau bedeutet das?

Wieviel Wahrheit steckt in "The Shards"?

Dass ihn seine Jugend im überreizten Los Angeles der 80er-Jahre prägte, geht bereits aus Bret Easton Ellis’ Debütroman „Unter Null” hervor, bei dem es um die Party- und Drogenexzesse seines Umfelds geht und der die zugrundeliegende Apathie dieser privilegierten Gesellschaftsschicht hinterfragt.

Mit der Arbeit an dem 2023 veröffentlichten Thriller „The Shards” habe er bereits zur selben Zeit begonnen, jedoch, so heißt es auf dessen ersten Seiten, gab es immer gewisse Erinnerungen, denen er sich nicht stellen konnte. Ein Versuch habe in einer Panikattacke mit anschließendem Krankenhausaufenthalt geendet. Bereits diese überspitzte Erzählung zeigt, dass der Autor seine eigenen Erfahrungen nicht bloß dokumentiert, sondern sie für die Wirkung der Geschichte bewusst inszeniert.

In diesem Kontext bleibt auch festzuhalten: Obwohl die Romanvorlage aus der Ich-Perspektive erzählt wird und die Hauptfigur dem Autor so weit nachempfunden ist, dass sie sogar dessen Namen trägt, handelt es sich dabei nicht (!) um eine Autobiografie.

Zwischen Erinnerung und Fiktion

In einem Interview mit dem britischen Kulturmagazin i-D erzählte Ellis zum Erscheinen des Romans von seiner Entstehung, die er seit 1982 aufschob. Während der Corona-Pandemie hatte er plötzlich den Drang herauszufinden, was aus seinen Schulkamerad*innen geworden war. Ich ging online und begann, nach ehemaligen Mitschülern zu suchen, an die ich in letzter Zeit denken musste, aber ich konnte sie nicht finden. Dann begann ich, über das letzte Jahr der Highschool nachzudenken, fing an, all die Musik aus dieser Zeit zu hören.”

Als er Orte aufsuchen wollte, an denen sie als Jugendliche „herumgehangen” hatten, musste er feststellen, dass sie alle verschwunden waren. Diese Welle der Nostalgie beflügelte ihn, das Buch letztlich zu schreiben.

Die Privatschule, an der die Serie spielt, die Buckley School existiert tatsächlich. Sie befindet sich im Stadtteil Sherman Oaks und wird von vielen Kindern aus Hollywood-Kreisen besucht. Gedreht wurde allerdings am Occidental College, das bereits als Kulisse für Filme wie „Clueless” diente.

Derselbe Drehort wie Paramount Pictures
Derselbe Drehort wie "The Shards" – in "Clueless"jedoch ohne Killer

The Shards” verbindet eine reale Grundlage, die durch persönliche Details wie die Entwicklung von Unter Null” verankert wird, mit frei erfundenen Ereignissen. Das wird besonders an den Thriller-Handlungssträngen deutlich. Die Sekte, die in der zweiten Folge vorgestellt wird und sich Riders of the Afterlife nennt, existierte in dieser Form nicht. Allerdings inspirierten die Verbrechen der Manson-Familie auch in der Realität Nachahmungstäter.

Auch der maskierte Serienkiller namens The Trawler”, der zuerst die Haustiere seiner auserwählten Opfer entführt und tötet, bevor er sich deren Besitzer*innen zuwendet, ist eine Erfindung von Bret Easton Ellis.

Die echte Angst hinter der erfundenen Bedrohung

Dennoch war die Atmosphäre einer allgegenwärtig lauernden Gefahr, auf die sich der Serien-Bret (gespielt von Igby Rigney) in seinem Voiceover mehrmals bezieht, eine reale Stimmungslage jener Zeit. Die 1970er und -80er-Jahre galten als goldene Ära” der Serienmörder in den USA, mit den meisten dokumentierten Fällen in Kalifornien.

In der Folge „Homecoming” diskutieren die Ermittler, ob es sich bei dem Täter, den sie suchen, um den „Night Stalker” handeln könnte. Diesen gab es wirklich: Richard Ramirez drang nachts in Häuser im Großraum Los Angeles ein und überfiel die oft schlafenden Bewohner*innen. Die Angst vor einem möglichen Angriff führte dazu, dass viele Menschen selbst während einer Hitzewelle ihre Fenster geschlossen hielten.

Indem die Serie auf den „Night Stalker” verweist, schafft sie einen Bezug zu einem realhistorischen Klima der Angst. Allerdings stimmt die chronologische Einordnung nicht: während die Serie 1981 spielt, war Ramirez eigentlich erst ab dem Jahr 1984 aktiv, bzw. sogar erst ab 1985 auf dem Radar der Behörden. Genau diese Ungenauigkeiten machen schlussendlich deutlich, dass es sich hierbei keinesfalls um eine genaue Rekonstruktion handelt, sondern „The Shards“ trotz realer Versatzstücke letzten Endes eine fiktive Serie bleibt.

Wer sich für ungewöhnliche Serienmörder-Geschichten interessiert, sollte neben „The Shards” übrigens auch diesen Netflix-Neustart nicht verpassen:

Neu auf Netflix: Einer der bildgewaltigsten Serienkiller-Thriller aller Zeiten

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Selina Sondermann
Selina Sondermann
-Freie Autorin
Als Fan von Widersprüchen und Extremen fühlt sich Selina Sondermann vor allem im Horrorgenre und in Romantic Comedies zuhause. Am liebsten besucht sie Filmfestivals von Cannes bis Toronto, wo sie versucht, so viele Filme wie möglich an einem Tag zu sehen.
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