Dass Fortsetzungen besser als ihre Vorgänger sind, ist gewiss nicht der Regelfall. Aber Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel – und das offenbar besonders gerne im Superhelden-Genre: „Spider-Man 2“, „Blade 2“ oder „The Return Of The First Avenger“ sind nur einige Beispiele für Sequels, die ihren Vorgängern nicht nur ebenbürtig sind, sondern diese in mancher Hinsicht sogar übertreffen. Dies gilt auch für „X-Men 2“.
Bryan Singers Fortsetzung ist nicht bloß eine würdige Weiterführung des bereits sehenswerten „X-Men“, sondern erweist sich in nahezu jeder Hinsicht als der reifere, komplexere und emotional eindringlichere Film. Ihr habt „X-Men 2“ bislang noch nicht gesehen? Im Abo von Disney+ könnt ihr den Marvel-Blockbuster jederzeit nachholen. Es lohnt sich.
Darum geht's in "X-Men 2"
Nachdem der Mutant Nightcrawler (Alan Cumming) einen Anschlag auf den US-Präsidenten verübt hat, werden Mutanten endgültig als Bedrohung für die amerikanische Gesellschaft gebrandmarkt. Unter der Leitung des Militärs nimmt Colonel William Stryker (Brian Cox) die Schule von Professor Xavier (Patrick Stewart) ins Visier. Sein Ziel ist es, die Mutanten endgültig auszuschalten. Während Professor Xavier gefangen genommen wird, müssen sich die X-Men auf der Flucht vor Strykers Truppen neu formieren.
Dabei stößt Wolverine (Hugh Jackman) auf immer konkretere Hinweise zu seiner geheimnisvollen Vergangenheit. In Strykers Labor wird er schließlich mit einer Wahrheit konfrontiert, die seine bisherige Geschichte in ein neues Licht rückt: Stryker spielte eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Wolverines Kräften und dem Verlust seiner Erinnerungen. Um Strykers Pläne zu vereiteln, gehen die X-Men schließlich ein ungewöhnliches Bündnis mit ihrem früheren Gegner Magneto (Ian McKellen) ein...
Ein Superhelden-Blockbuster nach Maß
„X-Men“ war nicht nur dafür verantwortlich, das Superhelden-Genre um die Jahrtausendwende wieder aus der Taufe zu heben und ihm einen festen Platz im zeitgenössischen Blockbuster-Kino zu sichern. Die von Bryan Singer („Die üblichen Verdächtigen“) inszenierte Comic-Verfilmung verstand es auch, ihr angenehm klassisches Spektakel auf ein Fundament aus Themen wie Ausgrenzung, Identität und Vorurteilen zu stellen. Zugleich konnte sich der Film auf ein herausragendes Ensemble rund um Hugh Jackman, Patrick Stewart und Ian McKellen verlassen.
Auch „X-Men 2“ entfesselt diese Stärken, besitzt dabei jedoch einen entscheidenden Vorteil: Die Figuren müssen nicht mehr ausführlich vorgestellt werden. Dadurch kommt nicht nur die Geschichte schneller ins Rollen, auch der Film selbst gewinnt Raum, sich stärker auf seine Themen, seine Figuren und vor allem auf seine düstere Stimmung zu konzentrieren.
„X-Men 2“ erzählt einmal mehr vom Schrecken einer gleichförmigen Gesellschaft, die alles, was sie nicht versteht, kontrollieren, ausgrenzen oder assimilieren möchte. Dieses gesellschaftliche Klima manifestiert sich in der Figur des Mutantenhassers William Stryker, der seine persönliche Abneigung gegen die Mutanten mit einer vermeintlich höheren moralischen und politischen Mission rechtfertigt. Gerade darin liegt eine der großen Stärken des Films: Singer erzählt nicht einfach von Helden auf der einen und Schurken auf der anderen Seite, sondern von Menschen, die von Angst, Verletzungen und ideologischen Überzeugungen getrieben werden.
Disney und seine verbundenen Unternehmen
„X-Men 2“ begnügt sich deshalb nicht damit, einfache Schwarz-Weiß-Zeichnungen zu präsentieren. Stattdessen versucht der Film, seine zentralen Motive vor allem emotional erfahrbar zu machen. Besonders deutlich wird das am Handlungsstrang um Wolverine, der an den Ort seiner Erschaffung zurückkehrt und dort mit den verdrängten Kapiteln seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Ausgerechnet in dem Moment, in dem er Antworten auf seine eigene Geschichte erhält, wird ihm zugleich bewusst, wie wenig Kontrolle er über das hatte, was aus ihm gemacht wurde. Dass Wolverine sich gegen diese Fremdbestimmung auflehnt, macht seine Geschichte zu einem besonders eindringlichen Ausdruck des zentralen Gedankens der „X-Men“-Reihe: Mutanten haben nicht nur ein Recht zu leben, sondern auch das Recht, für dieses Leben einzustehen, wenn es ihnen von außen abgesprochen wird.
Auch William Stryker ist wesentlich komplexer angelegt, als es die klassische Rollenverteilung zunächst vermuten lässt. Er kommt nicht einfach als eindimensionales, faschistisches Böse daher, sondern wird nach und nach als zutiefst verstörter Vater sichtbar, dessen persönliche Wut und Verbitterung eng mit seinem eigenen Versagen verbunden sind. Durch solche Handlungsstränge gelingt es „X-Men 2“, tiefer zu gehen als sein Vorgänger. Der Film sucht Ambivalenzen, statt seine Figuren auf eindeutige moralische Positionen festzulegen und entwickelt daraus eine gewisse Grundmelancholie.
Es gibt genügend Spektakel!
Darüber hinaus ist „X-Men 2“ natürlich auch ein spektakulärer Blockbuster. Allein Wolverines Angriff auf Strykers Soldaten, die Xaviers Schule stürmen, ist legendär. Die Szene verbindet rohe körperliche Gewalt mit einer fast schon klassischen Heldenästhetik und zeigt zugleich, warum Hugh Jackman in dieser Rolle so prägend für das moderne Superheldenkino geworden ist.
Ebenso eindrucksvoll ist die Eröffnung mit Nightcrawler, der in Gestalt eines schwarzen Nebels durch das Weiße Haus teleportiert und versucht, den US-Präsidenten zu erreichen. Nightcrawler (der demnächst ein Comeback in „Avengers: Doomday“ feiern wird) ist nicht nur eine visuell faszinierende Bereicherung für das Franchise, sondern auch als Charakter eine der interessantesten neuen Figuren des Films: verletzlich, religiös, von Selbstzweifeln geplagt und zugleich zu erstaunlicher Gewalt fähig.
Genau in dieser Verbindung liegt die besondere Qualität von „X-Men 2“. Der Film versteht sich als großer, unterhaltsamer Superhelden-Blockbuster, nimmt seine Figuren und seine Themen aber gleichzeitig ernst. Ein spektakulärer Superheldenfilm, der sich nicht im Spektakel verliert und dadurch sowohl seine Muskeln spielen lassen kann, aber dennoch Herz und Hirn besitzt.
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