In den vergangenen Jahren bekamen wir eine Vielzahl von Frankenstein-Erzählungen serviert – von „Frankenstein“, mit dem sich Monster-Liebhaber Guillermo del Toro einen Kindheitstraum erfüllte, bis zu „The Bride! - Es lebe die Braut“, der sich eher als weibliche Antwort auf den Joker versteht. Doch für den Autor dieses Artikels war es ein anderer Film, der den Vogel abgeschossen hat und für eine einzigartige, lange im Gedächtnis bleibende Kinoerfahrung sorgte – die sich ab sofort im Streaming-Abo nachholen und immer wieder aufs Neue erleben lässt.
Man stelle sich vor, man würde in einer Welt erwachen, deren Regeln man nicht kennt – und auch nicht akzeptieren will. Was würde geschehen, wenn sich ein menschlicher Geist völlig frei entwickeln könnte, fernab von gesellschaftlichen Zwängen und erlernten Hemmungen? Die Antwort auf diese und noch viele, viele weitere Fragen, von denen ihr euch die meisten wahrscheinlich noch nie gestellt habt, bekommt ihr jetzt auf Amazon Prime Video serviert – in „Poor Things“:
Die zum Brüllen komische, zutiefst erschütternde und in faszinierend-farbenfrohe Bilderwelten entführende Feminismus-Parabel wurde mit vier Oscars prämiert (bei elf Nominierungen), spielte über 117 Millionen Dollar an den weltweiten Kinokassen ein – und ist damit zweifelsohne der größte Hit von Radikal-Filmer Yorgos Lanthimos („Bugonia“, „The Favourite“). Der Grieche hat sich in den vergangenen 20 Jahren zum Meister des Surrealen entwickelt, verbindet in seinen Werken meist gesellschaftskritischen Absurdismus mit visueller Extravaganz und greift dabei immer wieder dieselben Themen auf. Etwa die Befreiung des menschlichen Körpers und Geistes, die auch in „Poor Things“ eine zentrale Rolle spielt.
Was einem bei diesem Film am stärksten in Erinnerung bleibt, ist dabei kaum klar zu sagen. Sind es die hybriden Tiere wie etwa ein Hund mit Gänsekopf oder eine Enten-Ziege, ist es das einzigartig-verspielte und opulente Produktionsdesign oder ist es doch Emma Stones Performance für die Ewigkeit – für die die „La La Land“-Hauptdarstellerin völlig verdient mit dem Oscar ausgezeichnet wurde? Am besten ist es, man lässt dieses ebenso grotesk-verstörende wie zum Träumen einladende Märchen einfach auf sich wirken. Im Nachhinein ist immer noch genügend Zeit, sich zu fragen, was zur Hölle man da gerade gesehen hat. Das ist formvollendetes Mindfuck-Kino in seiner schrulligsten Form!
Darum geht's in "Poor Things"
In einer retro-futuristischen Version des viktorianischen London gerät der Leichnam einer jungen Frau (Emma Stone) in die Hände des unkonventionellen Wissenschaftlers Dr. Godwin Baxter (Willem Dafoe) – der etwas ganz Besonderes mit dem weiblichen Körper vorhat. Denn es gelingt ihm, ihr das Gehirn eines Neugeborenen einzusetzen und der jungen Frau damit wieder Leben einzuhauchen. Er tauft seine Schöpfung schließlich Bella – und engagiert den jungen Medizinstudenten Max McCandles (Ramy Youssef), um ihre Entwicklung zu dokumentieren.
Es dauert allerdings nicht lange, da gibt sich Bella nicht mehr mit dem Alltag einer Laborratte zufrieden. Sie will wissen, was es mit der Welt da draußen auf sich hat, will ihre eigenen Erfahrungen machen, ihre Ängste und Lüste kennenlernen – und begibt sich auf eine Selbstfindungsreise, die sie nicht nur über verschiedene Kontinente, sondern auch in die Arme des berechnenden Duncan Wedderburn (Mark Ruffalo) führt…
Welche Filme sich auf Amazon Prime Video außerdem lohnen? Unser Autor Sebastian Daniels hat nachfolgend drei Tipps für euch:
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