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    Kritik zur 2. Staffel "GLOW": Eine der besten Netflix-Serien
    Von Christian Fußy — 28.06.2018 um 20:00
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    Am 29. Juni startet auf Netflix die zweite Staffel der Wrestling-Dramedy „GLOW“ mit Betty Gilpin und Alison Brie. Wir haben alle zehn Episoden vorab gesehen und sind ihrem Charme erlegen.

    Netflix

    Mit köstlich käsigem 80er-Kitsch, einem engagierten Ensemble und vor allem jeder Menge roher positiver Energie zählt die Sport-Dramedy-Serie „GLOW“ um die „Gorgeous Ladies Of Wrestling“ zum Besten, was Netflix zu bieten hat und ist aktuell mindestens die zweitbeste Show des Streaming-Giganten mit Alison Brie in einer Hauptrolle. In der zweiten Staffel zeigt sich nun, dass sich die Kreativköpfe um Liz Flahive und Carly Mensch („Nurse Jackie“, „Captain Marvel“) nicht auf ihren Lorbeeren ausgeruht haben und die furiosen Frauen um „Liberty Belle“, „Junkchain“ und Co. auch im Rematch überzeugen können.

    Energiebündel Ruth Wilder (Alison Brie, „Community“) hat jeden Grund, gut drauf zu sein: Die vermeintlich gescheiterte Schauspielerin hat in der Wrestlingshow „GLOW“ als „Zoya The Destroyer“ endlich ihre Traumrolle gefunden, die Moral und Kameradschaft zwischen ihren Arbeitskolleginnen ist auf einem absoluten Höhepunkt und auch die Beziehung mit ihrer ehemaligen besten Freundin Debbie (Betty Gilpin, „Nurse Jackie“) scheint nicht mehr so irreparabel wie anfangs angenommen. Leider ist dieses Glück nur von kurzer Dauer: Weil Ruth sich einmal zu oft über Sams (Marc Maron) Willen hinwegsetzt, setzt der ein deutliches Zeichen und stellt ein für alle Mal klar, dass jede der Athletinnen ersetzbar ist. Jetzt gilt es für die Frauen, die Ellenbogen auszufahren und sich möglichst gekonnt bei den Senderchefs einzuschleimen...

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    Die „GLOW“-Mädels mit Neuzugang Yolanda (Shakira Barrera, vorne rechts)

    Drama im Ring und außerhalb

    Auch in Staffel zwei muss man auf toll choreografierte Wrestling-Einlagen und genretypische Trainingsmontagen natürlich nicht verzichten, trotzdem stehen vor allem in den ersten Episoden eher die individuellen Ambitionen und Privatangelegenheiten der GLOW-Truppe im Vordergrund der Handlung. Das ist insofern erfreulich, als dass endlich auch bisher vernachlässigte Mitglieder des massiven Ensembles eine Chance bekommen, ihre echten und komödiantischen Muskeln spielen zu lassen und ihren Figuren etwas mehr Persönlichkeit zu verleihen. Leider haben nur wenige dieser Nebenhandlungen wirklich einen nachhaltigen Einfluss auf den Hauptplot und wirken daher, wenn auch unbestreitbar unterhaltsam, teilweise etwas belanglos. In einer Episode lernen wir so beispielsweise die Familie von „Welfare Queen“ Tammé Dawson (Kia Stevens) kennen, in einer anderen hilft Jenny (Ellen Wong) ihrer Kollegin und Mitbewohnerin Melanie (Jackie Tohn) auf unkonventionelle Weise bei Verdauungsproblemen und streitet sich gleichzeitig mit ihr um die Aufmerksamkeit eines feschen Kameraassistenten.

    Der Fokus von „GLOW“ liegt weiterhin auf dem gewohnt fantastischen, aus Brie, Gilpin und Maron bestehenden Hauptcast, dem auch der Löwenanteil der Szenen gewidmet ist. Einzig „Bash“ Howard (Chris Lowell), der adrette junge Produzent der Show, bekommt eine ähnlich gewichtige Storyline spendiert. Brie, seit jeher das Herz der Serie, ist als Ruth eine regelrechte Naturgewalt des Optimismus, die alles und jeden mitreißt. Wenn ihre Figur dann wie in Sportfilmen üblich kurz vor Schluss ihren niedrigsten Punkt erreicht, kann man auch überhaupt nicht anders, als mit ihr mitzufühlen und ihr für das große Finale die Daumen zu drücken.

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    Betty Gilpin, Marc Maron und Chris Lowell

    Am Zahn der Zeit

    Die Macher sparen sich wie bisher auch Hurra-Feminismus und Grrrl-Power-Plattitüden, erlauben sich jedoch auch wieder den ein oder anderen amüsanten Seitenhieb auf den Neandertaler-Sexismus der Fernsehindustrie und die heile weiße Wrestlingwelt. „GLOW“, die Netflix-Serie, mag inklusiv und weltoffen sein, „GLOW“, die Wrestlingshow, ist jedoch voll von regressiven Wertevorstellungen und rassistischen Karikaturen. Trotz klar erkennbarer Liebe für den Schauspiel-Sport Wrestling gehen die Autoren, wenn auch auf lustige Manier, hart mit dem ihm anhaftenden Nationalismus ins Gericht.

    Wenn eine der Wrestlerinnen für einen Abend einem schmierigen Senderboss ausgeliefert ist (der wohl nicht zufällig an Harvey Weinstein erinnert), wird dies hingegen mit der nötigen Ernsthaftigkeit behandelt und wirkt trotz offensichtlich modernem Einfluss nicht zu aufgesetzt oder aus der Zeit gefallen, sondern überrascht mit einem niederschmetternden, aber angenehm nuancierten Kommentar zur Frauenbewegung der 70er-Jahre, der einen trifft wie ein Klappstuhl ins Gesicht.

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    Alison Brie im Glamrock-Look als russische Amazone „Zoya The Destroyer“

    Abgesehen von der mitunter schonungslosen Darstellung sozialer Ungerechtigkeit, tut „GLOW“ auch sonst viel, um den Zuschauer zurückzuversetzen in eine Zeit, in der in Krankenhäusern noch geraucht wurde: Frisuren, Mode, Autos und Inneneinrichtung versprühen nostalgischen Charme, ohne aufdringlich zu sein, und auch der Soundtrack ist wie immer allererste Sahne. Aus den Boxen ertönen Hits von Billy Joel, Human League, Mr. Mister und sogar von Frank Stallone. Im Intro, das bedauernswerterweise wieder nur vor der ersten Episode erscheint, röhrt abermals Rockikone Patty Smyth.

    Fazit

    „GLOW“ bleibt auch in Staffel zwei durchgehend unterhaltsam, humorvoll und grundsympathisch und eine der besten Netflix-Serien überhaupt. Allein wegen Gilpin und Brie lohnt sich das Einschalten bereits, der Rest des Ensembles strotzt trotz mangelnder Einbindung in den Hauptplot aber ebenfalls vor Spielfreude und natürlichem Charisma.

     

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