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    "Tote Mädchen lügen nicht" auf Netflix: Endlich ist der Quatsch vorbei!
    Von Julia Neumann — 13.06.2020 um 09:00

    Der Netflix-Hit „Tote Mädchen lügen nicht“ geht mit der vierten Staffel zu Ende – und das war verdammt noch mal überfällig, findet Julia Neumann, Head Of Digital Publishing bei Webedia. Im Meinungstext lest ihr, warum.

    David Moir / Netflix

    +++ Meinung mit Spoilern zur kompletten Serie „Tote Mädchen lügen nicht“+++

    In „Tote Mädchen lügen nicht“ wurde nach der ersten Staffel keine überzeugende Geschichte mehr erzählt – daran hat auch die vierte, finale Season nichts geändert. Hätte man es nur bei der ersten Season belassen!

    Die Netflix-Serie startete mit dem Versprechen, Suizid und was Menschen dazu treiben kann, zu enttabuisieren. Darüber, wie in der Serie mit diesem Thema umgegangen wird, wurde zwar heftig diskutiert. Aber Netflix reagierte mit einem Extra-Special, es wurden Szenen im Nachhinein abgeschwächt und alles mit Trigger-Warnungen versehen. Anschließend ging es nur noch bergab.

    Wenn sich eine Serie an Teenager richtet, um psychische Probleme zu erörtern, ist damit eine große Verantwortung verbunden. Und es ist wichtig, mit welchen Eindrücken und Botschaften vor allem die vielen jungen Zuschauer am Ende aus der Serie verabschiedet werden.

    Ich aber finde es falsch, wie in „Tote Mädchen lügen nicht“ mit dem komplexen Thema „mentale Gesundheit“ umgegangen wird. Es werden die falschen Signale gesendet – und manche Figur verhält sich so, dass es nicht zur bisherigen Entwicklung passt.

    Hier kommen die sechs Punkte, die ich der letzten Staffel dahingehend nicht verzeihen kann:

    Das Problem mit Tyler

    Die Geschichte um den einsamen und gemobbten Tyler (Devin Druid) wird am Ende von Staffel zwei durch den versuchten Schulamoklauf so eskaliert, dass wirklich niemand versteht, warum sie in der dritten Staffel nur als Nebenhandlung abgehandelt wird. Und außerdem wird Tyler von seinen Freunden die ganze Zeit eher in Schach gehalten, als dass sich wirklich jemand um sein psychisches Wohlergehen kümmern würde.

    In der finalen Staffel hätte hier endlich professionelle Hilfe eingeschaltet werden müssen! Spätestens in der sechsten Folge während des Amok-Lockdowns wird doch klar, dass nicht mal Tylers Freunde, die sich die ganze Zeit um ihn kümmern, ihm wirklich das Vertrauen entgegenbringen, den Gedanken an einen Amoklauf ein für alle Mal überwunden zu haben.

    Für mich hinterlässt es einen sehr bitteren Nachgeschmack, dass nicht einmal ein offensichtlicher Hilfeschrei eines Mitschülers die Liberty-High-Clique dazu bewegt, professionelle Hilfe zu holen.

    Das Problem mit Jessica

    Jessica (Alisha Boe) wurde vergewaltigt und hat sich anschließend Stück für Stück ein angstfreies Leben zurückerkämpft – nur damit sie am Ende der Serie als die in Erinnerung bleiben darf, die ihrem frisch aus dem Entzug zurückgekehrten Freund keinerlei Verständnis für seine Situation entgegenbringen kann. WTF? Das passt nicht nur ihr.

    Und dann lässt sie sich auch noch mit dem offensichtlich hoch manipulativen Kontrollfreak Diego (Jan Luis Castellanos) ein, der die Empathie von Holzkohle an den Tag legt, als er Jessica kurz nach Justins Tod erneut nach einem Date fragt!

    Die „Tote Mädchen“-Autoren lassen Jessica dann in ihrer Abschlussrede ein „Fuck the patriarchy“ hinrotzen, ach wie nett. Dabei hat eine vormals als so stark gezeigte Figur wie sie ein viel besseres Ende verdient.

    Das Problem mit der Darstellung von Therapie

    Therapie ist für viele Menschen leider immer noch ein Tabuthema. Die Serie schafft es bis zum Ende nicht, einen Beitrag zu leisten, dass sich das ändern könnte.

    Zwar geht Clay (Dylan Minnette) endlich in Therapie, weil seine Eltern durch aufmerksames Zuhören (und Stalking?!) erkennen, dass er mehr Hilfe benötigt, als sie ihrem Kind bieten können. Aber wir sehen nur eine Therapie wider Willen, in der ständig der Nutzen des Ganzen in Frage gestellt wird, anstatt die harte Arbeit zu zeigen, die es benötigt, um sich eine Vertrauensebene mit dem Therapeuten zu erarbeiten.

    Und als Clay endlich bereit ist, seine ganze Geschichte zu erzählen, nach einem Aufenthalt in der Nervenklinik und der vorgetäuschten Stürmung eines Polizeipräsidiums, um sich erschießen zu lassen, endet die letzte Folge. Die positive Auswirkung seiner Behandlung wird in „Tote Mädchen lügen nicht“ also maximal angedeutet, aber nicht ausreichend dargestellt.

    Das Problem mit den vernachlässigten Eltern

    Überraschenderweise vernachlässigen in der Serie nicht die Eltern ihre Kinder. Nein, der Spieß wird umgedreht: Ein ganzer Jahrgang von Jugendlichen hat offensichtlich schwerwiegende Geheimnisse und Ängste, will aber nicht mit seinen Eltern darüber reden. Klar, Kids bleiben mit ihren Sorgen gerne unter sich, doch woher dieser verbreitete, massive Vertrauensmangel zu den Erwachsenen kommt, wird nie wirklich erklärt.

    Dabei sind die Eltern von Evergreen in den meisten Situationen ernsthaft um ihre Kinder besorgt und versuchen in Gesprächen, einen Einblick in das Leben der Teenager zu bekommen. Ob Coming-out oder Drogenprobleme – wenn die Evergreen-Eltern doch etwas mitbekommen, unterstützen sie ihre Kinder bestmöglich.

    In der letzten Staffel muss das Problem endlich irgendwem unter den Serienautoren aufgefallen sein, zumindest wird urplötzlich ein Grund fürs mangelnde Vertrauen von den Teenies in ihre Eltern aus dem Hut gezaubert: Wo man als verzweifeltes Elternteil früher noch stilecht das Tagebuch seines Zöglings gelesen hat, wird hier nun also zeitgemäß die liebe Technik bemüht, in Form von Tracking-Apps, mit denen die Eltern den Standort und Schriftverkehr der Kids ausspionieren.

    Das Problem mit den Geistern

    Die komplette finale Staffel „Tote Mädchen lügen nicht“ ist durchzogen von Visionen und Geister-Gesprächen, mit denen eine Art Verarbeitungsprozess der Geschehnisse deutlich gemacht werden soll. Das ist nun wirklich eine sehr billige Art, Menschen dabei zu zeigen, wie sie traumatische Geschehnisse verarbeiten – und wird auch noch quantitativ völlig übertrieben.

    Es werden dermaßen viel Geister gezeigt, dass Clay fürs uns Zuschauer aussprechen muss, nicht wirklich Geister zu sehen!

    Lieblose Schlussbotschaft

    Bei so vielen sensiblen und vielschichtigen Themen wie in „Tote Mädchen lügen nicht“ braucht es am Ende eine positive Moral, die man als Zuschauer aus all dem Erlebten ziehen kann. Das Statement in „Tote Mädchen lügen nicht“ lautet: Die Highschool ist etwas, das man eben einfach überleben muss. Wow.

    Viel liebloser kann man eine Serie, die sich mit psychischen Problemen von Jugendlichen auseinandersetzen wollte, nicht ausklingen lassen. Der Silberstreifen am Horizont fehlt mir hier so sehr. Ja, für viele ist die Schulzeit etwas, das überstanden werden muss. Aber viel schöner wäre diese Botschaft gewesen:

    Wenn in deiner Welt alle Mitschüler, Lehrer und vielleicht sogar Eltern schlecht sind und deinen Alltag zur Hölle machen, so wie in „Tote Mädchen lügen nicht“, dann erweitere deinen Kosmos. Setze einen Fuß vor den anderen und halte nach anderen Mitstreitern Ausschau. Die Schulzeit muss überlebt werden, aber das muss keiner alleine schaffen.

    "Tote Mädchen lügen nicht" im Podcast

    Wollt ihr noch eine Meinung? Unsere Kollegen von Moviepilot sprechen in der neuen Folge ihres Podcasts Streamgestöber über „Tote Mädchen lügen nicht“ – und was davon nach dem Finale übrig bleibt.

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