Achtung - Spoilerkritik
Femizide sind auch oder sogar erst recht heutzutage leider keine Seltenheit mehr. Die polizeilich erfasste Zahl von jährlich knapp 1000 Frauen, die in Deutschland deshalb ihr Leben verlieren, hält sich in Deutschland konstant, hatte während der Corona-Pandemie gar ihren Höhepunkt. Sie fallen ihnen nahestehenden Männern zu Opfer, einzig und allein aufgrund ihres Geschlechts. Männern, die sich deswegen hierarchisch überlegen fühlen. Diese toxischen Männlichkeitsbilder können zu Gewalt führen, das ist nun auch in der jüngsten Generation angekommen. „Adolescene“ zeigt den Mord eines vierzehnjährigen an seiner noch jüngeren Mitschülerin und ist damit viel mehr als bloß Krimi-Serie. Sie zeigt die realen Auswirkungen einer Entwicklung, die sich kaum noch bremsen lässt.
Als eines Morgens die britische Polizei bei ihnen im Haus die Tür eintritt, steht für die Eddie Miller uns seine Familie die Welt auf dem Kopf. Er kann lediglich zuschauen, während seine Frau und Tochter kauernd auf dem Boden liegen und sein vierzehnjähriger Sohn Jamie mit durchnässter Hose gewaltsam abgeführt wird. Erst nach und nach wird klar, welche Gründe die Polizei für ihr schonungsloses Verhalten hat. Jamie ist akut tatverdächtig, seine Mitschülerin brutal ermordet zu haben. Während seine Familie mit den Konsequenzen davon leben muss, begeben sich Psychologen und Ermittler auf die Suche nach Hintergründen für die angebliche Tat.
Von Anfang an fühlt sich Adolescence anders an, als die meisten Mord- oder Krimiserien, die die TV-Welt sonst zu bieten hat. Bereits nach einigen Minuten merkt man als Zuschauer, dass hier nicht wie gewöhnlich gedreht wurde. Das liegt daran, dass die von Jack Thorne und Stephen Graham geschaffene Netflix-Miniserie keinerlei Schnitte hat, alles passiert in einem Fluss. Graham ist dabei nicht nur Autor und Schöpfer der Serie, sondern spielt auch den Vater von Jamie. Mit dieser kreativen und innovativen Erzählweise haben die beiden sowohl inhaltlich als auch cinematographisch den Zeitgeist getroffen: Die Serie erzeugt für Netflix einen nun schon länger nicht mehr da gewesenen, qualitativ hochwertigen Hit. Innerhalb von 4 Folgen werden Festnahme, Verhör, Ermittlung, psychologische Untersuchung und Nachbeben einer Tat erforscht, auf die sich die Polizei und Detective Luke Bascomb zunächst keinen Reim machen können.
Erst mit fortschreitender Handlung deutet die Serie an, was sie uns eigentlich erzählen will. Jamie ist Teil einer heranwachsenden Social-Media-Generation und gerät dort in misogyne Kreise. Kreise, die dem weiblichen Geschlecht die Schuld für ihre eigene Einsamkeit geben und zunehmend Hass und Wut entwickeln. Auch wenn Jamies Charakterzüge und Motive für seine Tat immer nur angedeutet werden, handelt es sich hier um ein reales Problem. Diese Gruppierungen existieren wirklich, auch Andrew Tate gibt es in der Realität. Sie stützen das Abdriften junger Männer in toxische Sphären, bei denen sich Frauen ihrem Willen unterordnen sollen. Wie erwähnt wird hierbei immer nur an der Oberfläche gekratzt, gerade so viel um dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, selber seinen Denkapparat anzustellen. Das bezieht sich nicht nur auf Jamies psychotisches Verhalten, sondern auch um die Dinge, die zusätzlich um ihn herum geschehen. An seiner Schule, mit überforderten Lehrern und randalierenden Mitschülern. An Instagram-Geheimsprache. Am latent übergriffigen Polizisten, der versucht einer Psychologin zu erklären, wie Körpersprache funktioniert. An Jamies Vater, der nur Fitness-Content auf Instagram sucht und dabei selbst auf jene Fitness-Influencer mit sexistischem Gedankengut stößt. Oder auch am Baumarkt-Mitarbeiter und True-Crime-Verschwörungstheoretiker. Es wird klar angedeutet, vor welchen gesellschaftlichen Strukturen die Serie warnen möchte, ohne dabei zu plakativ zu werden. Die Gefahr von Radikalisierung im Internet ist so groß wie nie und betrifft besonders Jüngere.
Jüngere Personen, die nicht nur stundenlang Zeit auf Social Media verbringen, sondern sich zusätzlich auch noch in einer der beeinflussbarsten Zeit ihres Lebens befinden. In einer immer oberflächlicher werdenden Welt vereinsamen sie und suchen Zuflucht im Internet und in Gruppen mit anderen Männern, denen es ähnlich geht. Dort versprechen ihnen Einflusspersonen, getarnt als starke Retter, ein besseres Leben, zum „Alpha-Male“ zu werden. Zunehmend schwingen dann zunächst harmlos wirkende, aber dennoch hinterrücks starke misogyne Züge mit. Das fängt bei jenem erwähnten Andrew Tate an mit einfachen Motivationsvideos und endet bei „Frauen sollen gehorsam sein wie Hunde & Vergewaltigungsopfer müssen auch Verantwortung für ihre Tat übernehmen“. Hinterlegt mit epischer Musik erreichen diese Videos unfassbare Reichweite. Laut Statistiken haben über die Hälfte junger Väter und ein Viertel von Teenagern zwischen 15 und 16 Jahren trotz oder vielleicht gerade wegen solcher Aussagen eine positive Assoziation mit Tate.
Die Serie zeigt, wohin das im schlimmsten Fall führen kann. Denn während Jaime nach außen zunächst intelligent und harmlos, stellenweise fast hilflos wirkt, zeigt er immer wieder psychopathische & narzisstische Tendenzen zusammen mit Aggressions-Problemen. Im Wechsel schwankt er zwischen diesen Persönlichkeitsbildern und bleibt dadurch sowohl für den Zuschauer als auch die ihn behandelnde Psychologin wenig durchschaubar. Dennoch lässt er immer wieder durchblicken, von welchem Frauenbild er wirklich geprägt ist, allein schon in den leichten Unterschieden, wie er seinen Vater und seine Schwester oder Mutter behandelt. Er sieht es als gute Tat von ihm, dass er seinem späteren Opfer nichts getan hat, sie nicht angefasst hat, obwohl er hätte können. Er traut sich erst, sie richtig anzusprechen, als sie sich an einem Punkt der Schwäche befindet, er also vermeintlich überlegen ist. Als sie ihn dennoch ablehnt und sogar verhöhnt, kippt sein fragiles Ego, was schlussendlich zur viel erwähnten Tat führt. Auch gegenüber der Psychologin Briony Ariston, gespielt von Erin Doherty, zeigt er, dass er sich ihr erhaben fühlt. Jamie wiederholt vehement gegenüber ihr, dass SIE IHM nicht sagen kann, was er tun soll.
Als die psychologische Untersuchung in Folge 3 zu Ende ist, fängt Jaime an Angst zu bekommen. Angst vor sich selbst, davor allein zu sein und auch davor, nicht gemocht zu werden. Sowohl er, als auch der Zuschauer werden gezwungen, mit ihren Gedanken zur Tat alleine klarzukommen. Eine Tat, die er bis auf wenige Ausnahmen durchweg leugnet. Offen bleibt, ob er die Schuld auf andere projiziert oder schlichtweg lügt. Erst in der letzten Folge scheint Jaime ein Schuldeingeständnis anzudeuten. An einem Punkt, an dem bereits sein eigenes und das Leben seiner Familie zerstört ist.
Die Auswirkungen auf seine Familie werden erst in der letzten Folge intensiver behandelt. Sie zeigt eine Familie, die versucht wieder ins Leben zu finden und dabei jedoch am laufenden Band von den Geschehnissen wieder eingeholt wird. Sein Vater scheint ebenfalls mit Aggressionsproblemen zu tun zu haben und kämpft gemeinsam mit der Mutter gegen die eigenen Schuldgefühle. Im Lauf von Folge 4 wird klar, dass diese Familie vermutlich nie wieder normales leben kann.
Die erwähnte One-Take-Methode, die so in letzter Zeit auch schon in „The Bear“ zum Einsatz kam unterstützt die sich fortschreitend entwickelnde Handlung. Dafür mussten sich die Macher der Serie kreative Kniffe ausdenken, wie die Übergabe der Kamera vom Kameramann zur Drohne für eine weitläufige Landschaftsfahrt. Diese Hingabe und Liebe zum Detail spürt man und sollte honoriert werden. Vom Startpunkt jeder Folge fühlt sich das Geschehnis an wie ein Fluss, der immer weiter vor sich hin fließt, bis er uns ins Chaos stürzt. Wir als Zuschauer werden deshalb so emotional und angespannt mitgenommen, weil es keinen Bremspunkt gibt, was geschieht ist unvermeidlich. Wie im echten Leben gibt es schlichtweg keine Schnitte. Das macht die Serie mit ihren sowieso schon tatsächlich vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen noch realer.
Auch die Dialoge und das Schauspiel wirken dadurch intensiver. Besonders hervorzuheben sind hier Serienschöpfer Stehen Graham als Vater und natürlich Jaime alias Owen Cooper. Mit 14 Jahren unter diesen speziellen Drehbedingungen eine solche Performance abzuliefern ist beeindruckend. Seine Wechsel zwischen Angst und Wutausbruch, aber auch seine vermeintliche Überlegenheit und Intelligenz funktionieren perfekt. Vater, Mutter und Schwester (Christine Tremarco & Amélie Pease) dürfen dann besonders in der letzten Folge durch Emotionen glänzen.
Insgesamt bietet Adolescene damit ein breites Spektrum an Highlights. Stellenweise lässt sich kritisieren, dass die One-Take-Methode nicht für jede Folge und Szene perfekt funktioniert. Gerade Folge 2 weist einige Durchhänger und etwas zu lang geratene Szenen auf. Hier werden viele Dinge zwar angedeutet, aber dann später nicht mehr ausreichend berücksichtigt. Die Dynamik der beiden Detectives, aber auch die Mitschüler von Jaime und deren Einfluss auf die Tat spielen dann überhaupt keine Rolle mehr. Die Anspannung in Folge 1 und besonders in der vermutlich besten Folge 3 machen dies allerdings wett und rechtfertigen durch die Art der Handlungsentwicklung auch die Drehmethode. In der letzten Folge wird diese Spannung dann durch die emotionalen Nachwirkungen entladen und die Serie findet einen runden Abschluss.
Durch seine Machart und Handlung ist „Adolescene“ für quasi jeden eine Empfehlung. Derartige Probleme haben die Aufmerksamkeit, die die Serie momentan bekommt, definitiv verdient. Sie ist eine Warnung an Eltern, Lehrer & die Gesellschaft. Lasst eure Kinder nicht außer Acht. 8/10