Ja, manche Sendungen werden zumindest im linearen Fernsehen gefühlt nur noch von Menschen gesehen, die vor 1970 geboren wurden. Aber es ist absolut keine Schande, zum sogenannten „alten Eisen“ zu gehören, ganz im Gegenteil – denn gerade diese Personen haben oft Fähigkeiten, die auch der heutigen Jugend mitunter sehr gut zu Gesicht stehen würden. Zuletzt hat etwa das französische Blatt Ouest-France eine psychologische Studie veröffentlicht, laut der gewisse mentale Fähigkeiten früherer Generationen heutzutage immer seltener werden.
Der Hauptfaktor dafür, dass diese Fähigkeiten damals noch entwickelt wurden (während es inzwischen zumindest nur in einem eingeschränkten Rahmen der Fall ist): Der Lebensstil war damals zwar „einfacher“, aber in vielen Bereichen dennoch auch „anspruchsvoller“. Dazu zählt etwa die Abwesenheit der inzwischen omnipräsenten Bildschirme – aber auch die Notwendigkeit, schon früher im Leben (familiäre) Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Solche Faktoren förderten Fähigkeiten wie Geduld, Autonomie und Frustrationstoleranz – Eigenschaften, die jüngeren Menschen heute oft fehlen.
Im Folgenden eine Auflistung der konkreten mentalen Stärken, mit denen die in den 60er und 70er Jahren Geborenen laut den Psychologen und Psychologinnen der Studie besonders punkten können:
- Geduld: Früher dauerte es länger, bis einen eine bestimmte Information erreichte, die heutzutage meist nur wenige Klicks entfernt liegen. Dies lehrte die Bedeutung des Wartens, was laut Psychologinnen und Psychologen eine bessere Entscheidungsfindung und größere Gelassenheit fördert. (In Zukunft dürfte die Geduld mit der Zunahme der Verwendung von KI-Tools vermutlich sogar noch weiter abnehmen.)
- Emotionsregulation: Früher stand die Logik im Vordergrund, während Emotionen eher zurückgehalten wurden. Die Studie zeigt, dass eine gute Selbstkontrolle in der Kindheit mit höherem Wohlbefinden und geringerem Angst- und Stressniveau im Jugendalter verbunden ist.
- Zufriedenheit: Diese Generationen wuchsen mit weniger materiellen Gütern und weniger Erwartungen an ständige Veränderungen auf, was ein Gefühl der Genügsamkeit und Gelassenheit schuf. Man hatte zwar weniger, war aber trotzdem eher zufrieden damit.
- Glaube an die eigenen Fähigkeiten: Im Gegensatz zum aktuellen Trend, Ereignisse ausschließlich externen Faktoren zuzuschreiben, lernten diejenigen, die in den 60er und 70er Jahren aufwuchsen, auf ihre eigene Anstrengung und Disziplin zu vertrauen.
- Frustrationstoleranz: Eine weitere Folge davon, dass man im Gegensatz zur heutigen Schnelligkeit früher auch mal auf Informationen warten musste. Diese Konfrontation mit einem gewissen Unbehagen, wenn man mal etwas nicht sofort wusste, förderte zugleich aber auch die Entwicklung emotionaler Flexibilität und langfristiger Resilienz.
- Praktische Problemlösung: Dies bezieht sich auf die Fähigkeit, Widrigkeiten zu überwinden – wie Dinge selbst zu reparieren oder Karten lesen zu können. Dies schafft Vertrauen durch die eigenständige Bewältigung von Schwierigkeiten.
- Das Wartenkönnen auf eine Belohnung: Diese Fähigkeit fördert die Selbstkontrolle, reduziert Impulsivität und steigert die langfristige Zufriedenheit. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2020 zeigt, dass Selbstregulation in der Kindheit eine bessere akademische Leistung und psychische Gesundheit im Erwachsenenalter voraussagt.
- Höhere Konzentrationsfähigkeit: Stundenlanges Lesen, Briefeschreiben oder das Hören ganzer Alben sind Beispiele für Aktivitäten, die die Aufmerksamkeitsspanne stärkten – ganz im Gegensatz zum „Instant-Modell“ der neuen Generationen, wo man mitunter selbst bei Clips in TikTok-Länge schon vorschnell zum nächsten Video weiterklickt.
- Konfliktmanagement: Der persönliche Dialog ermöglichte es, Körpersprache zu interpretieren, aktives Zuhören zu üben und die beste Form des Selbstausdrucks zu finden, selbst wenn dies unangenehme Momente mit sich brachte.
Es geht hier explizit nicht darum, die 1960er und 1970er Jahre zu romantisieren, da diese Zeiten definitiv auch von politischen Rückschlägen und sozialen Ungerechtigkeiten geprägt waren. Die Idee ist, zu zeigen, dass der „altmodische“ Lebensstil auch inspirierend sein kann.
In diesem Artikel soll es vielmehr darum gehen, dass die Generationen beweisen, dass technologischer Fortschritt nicht immer gleichbedeutend mit größerer persönlicher Stärke ist. Man sollte also vielleicht auch als jüngerer Mensch mal wieder bei ARD, ZDF oder ARTE hereinschauen, auch als Test, ob man es überhaupt noch aushält, eine ganze Stunde lang eine einzelne Sendung ohne TikTok-Schnittfrequenz durchzuschauen.
Eine Form dieses Artikels ist zuerst bei unserer brasilianischen Schwesternseite purepeople.com.br erschienen.