Mary & Max - oder Schrumpfen Schafe wenn es regnet?
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Kritik der FILMSTARTS.de-Redaktion Mary & Max - oder Schrumpfen Schafe wenn es regnet?

4,5


Von Ulf Lepelmeier

Die Kategorie „Bester animierter Kurzfilm" fristet bei den Oscars ein eher stiefmütterliches Dasein. Die abendfüllenden Filme im Rennen um die Hauptpreise, die großen Hollywoodstars und selbst deren Roben auf dem roten Teppich wird von den meisten Zuschauern mehr Interesse entgegengebracht, als den liebevoll in Szene gesetzten Kurzgeschichten. Dabei illustrieren sie das breite Spektrum der Animationskunst zumeist besser als die seit Jahren fest in Pixar-Hand befindliche Langfilm-Sektion. Mit Adam Elliot und Shane Acker schafften es 2009 gleich zwei ehemals für „Bester animierter Kurzfilm" nominierte Regisseure, ihre Visionen auch als abendfüllende Spielfilme umzusetzen. Während Ackers „#9" mit einer beeindruckenden Bilderwelt aufwartet, aber für einen Langfilm eine zu simpel gestrickte Story aufweist, trifft Elliot mit seiner Tragikomödie „Mary & Max - oder schrumpfen Schafe, wenn es regnet?" voll ins Schwarze. Anknüpfend an seinen 2004 mit dem Oscar ausgezeichneten Kurzfilm „Harvie Krumpet" präsentiert der australische Regisseur die schwarzhumorige Geschichte einer unglaublichen Brieffreundschaft, die bei all ihrem kuriosen Witz ein großes Herz für ihre beiden vom Unglück verfolgten Helden offenbart.

1976: Die am Rande von Melbourne aufwachsende 8-jährige Mary Daisy Dinkle (Stimme: Bethany Whitmore, Toni Collette) sieht sich auf Grund ihrer Brille und ihrem großen Muttermahl auf der Stirn täglich Hänseleien ausgesetzt. Ihr Vater stopft lieber Vögel aus, als sich um sie zu kümmern, und ihre kleptomanisch veranlagte und dem Sherry extrem zugeneigte Mutter Vera (Renée Geyer) geht auch nicht gerade liebevoll mit ihrer Tochter um. So hat die einsame Mary keine Bezugsperson, der sie sich anvertrauen oder die sie mit ihren Fragen zu den Merkwürdigkeiten des Lebens löchern könnte. Da beschließt das Mädchen, eine Brieffreundschaft zu beginnen. Sie tippt auf einen beliebigen Namen im New Yorker Adressbuch und schreibt voller Freude einen Brief an einen gewissen Max Horovitz (Philip Seymour Hoffman). Der übergewichtige und am Aspergersyndrom leidende 44-Jährige ist überaus erstaunt, als er einen Brief aus dem fernen Australien vorfindet und reagiert erst einmal panisch. Doch nach einer ausgewachsenen Panikattacke setzt sich der nur mit seinem Psychiater und seiner beinahe blinden Nachbarin Ivy verkehrende Max an seine Schreibmaschine, bedankt sich für den Brief, stellt sein eigenes verkorkstes Leben kurz dar und antwortet auf die naiv gestellten Fragen. Auch wenn Marys Mutter zunächst versucht, den Briefkontakt durch Unterschlagung des Antwortbriefes zu unterbinden, gelangt das Schreiben doch zu der wartenden Mary. Trotz Alters- und Zeitzonenunterschieds entwickelt sich eine innige und schicksalhafte Freundschaft zwischen den beiden Außenseitern...

„Some are born great. Some achieve greatness Some have greatness thrust upon them... ...and then ...... there are others..." (Aus der Einleitung zum oscarnominierten Kurzfilm „Harvie Krumpet", den ihr euch hier anschauen könnt)

Genauso wie der schrullige Harvey Krumpetzki aus Regisseur Adam Elliots vielgepriesenem Kurzfilm sind auch Mary und Max liebenswürdige Außenseiterfiguren, die sich immer wieder aufrappeln, auch wenn ihnen das Leben noch so übel mitspielt. Die mehr als zwanzig Jahre bestehende, ebenso skurrile wie herzerweichende Brieffreundschaft gibt den beiden immer wieder den nötigen Halt. Die Knetfiguren sind allesamt etwas schräg, die Handlung bitter und der Humor schwarz. Die an sich traurige Geschichte, die bisweilen Erinnerungen an „84 Charing Cross Road" oder „About Schmidt" hervorruft, wird beständig ironisch gebrochen oder mit lakonischen Kommentaren des allwissenden Erzählers (Barry Humphries) versehen. Dieser nimmt in Elliots Film eine zentrale Rolle ein und führt nicht nur die Storyfäden zusammen, sondern macht die Handlung an sich überhaupt erst begreifbar. Der Off-Kommentar ist hier weit mehr als nur Begleitmaterial zur Bildebene und tritt mit den Handlungen der Knetfiguren in ein durchdachtes Wechselspiel. Der Zuschauer bemerkt dabei fast überhaupt nicht, dass die Figuren nur sehr selten wirklich miteinander kommunizieren und ihre Stimmen eigentlich nur erklingen, um den Inhalt ihrer verfassten Schriftstücke wiederzugeben.

Grau, weiß und schwarz ist New York, braun und ockerfarben Melbourne – ausgeblichen, beinahe farblos ist die Welt, in die Regisseur Eliot entführt. Aber trotz ihrer von jedwedem Schönheitsideal abweichenden Figuren und der vorherrschenden Trostlosigkeit in der Farbgebung bricht beizeiten auch Licht und Hoffnung hervor. In das zurückgenommene Farbspektrum stechen immer wieder bunte Farbtupfer, die genauso isoliert in der Welt wirken, wie sich Mary und Max fühlen. Sind es in Melbourne die rote Haarklammer und der Stimmungsring des Mädchens, sticht in der schwarz-weißen New-York-Kulisse alles hervor, was Mary ihrem Brieffreund Max zukommen lässt. So erweist sich schon der erste braune Briefumschlag aus dem fernen Australien vor dessen Öffnung als sonderbares Artefakt aus einer anderen Welt.

Elliot behält zwar die Optik und Erzählweise seines oscargekrönten Kurzfilms bei, baut dessen Stärken aber konsequent aus und unterfüttert seine Brieffreundgeschichte mit soviel Ideenreichtum, dass sich keinerlei Längen finden lassen. Der briefliche Gedankenaustausch lässt die Protagonisten dabei aus ihren festgefahrenen Gewohnheiten ausbrechen und sie neue ambitionierte Pläne schmieden. Während Mary in Max endlich jemanden gefunden hat, der sich mit ihren kindlichen Problemen ernsthaft auseinandersetzt und ihr zu mehr Selbstachtung und Selbstvertrauen verhilft, hat Max, nachdem sein Psychiater seinen imaginären Freund in eine Zimmerecke zur ewigen Buchlektüre verdammt hat, in Mary endlich eine echte Freundin gefunden. In ihr findet er eine Bezugsperson, der er von seinen Problemen und Sorgen berichten kann, und die ihn nicht belehren will.

Doch nicht nur die beiden Protagonisten weisen viele kauzige Charakterzüge und Interessen auf, auch die Nebenfiguren von Marys sonderbaren Eltern bis zu Max imaginärem Freund Mr. Ravioli verleiten mit ihren Eigenheiten zum Schmunzeln. Genauso wie die vielen verrückten Ideen und Aussagen in den von Mary und Max verfassten Briefen oder den schwarzhumorigen Kommentaren des auktorialer Erzählers. Wieso sollte man seinen Kindern erläutern, dass die Neugeborenen von Storchen gebracht werden, wenn es doch so viel kreativere Erläuterungen gibt? So lernt Mary, dass die Babys in Australien auf dem Boden von Biergläsern gefunden werden, und dass in Amerika die Kinder aus Eiern stammen, die der jeweiligen Konfession der Eltern entsprechend von Nonnen, Rabbinern oder schmutzigen Prostituierten ausgebrütet werden.

In den penibel eingerichteten Räumen gibt es viel zu entdecken und es ist erstaunlich, wie die Kamera immer wieder scheinbar schwerelos durch die Kulissen fährt und die schlicht gehaltenen Knetfiguren zur glaubhaften Wiedergabe eines solch weitgefächerten Emotionsspektrums in der Lage sind. Die Abläufe wirken dabei viel flüssiger und natürlicher als noch in „Harvie Krumpet", so dass Eliot auch in technischer Hinsicht nicht den Vergleich mit jüngsten Genrekonkurrenten wie „Coraline" oder „Der fantastische Mr. Fox" zu fürchten braucht.

Fazit: Herzlich, traurig, witzig – Adam Elliot spielt in seiner Stop-Motion-Tragikomödie „Mary & Max" meisterhaft auf der Klaviatur der Empfindungen und entführt in eine Welt der augenzwinkernden Einfälle, schwarzhumorigen Kommentare und kauzig- liebenswerten Figuren. Ein liebevolles Kinokleinod über emotionale Isolation und wahre Freundschaft.

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