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Felidae
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Felidae
Von Michael Smosarski
Wohl kaum eine filmische Ausdrucksform bildet die menschliche Phantasie besser ab als der Zeichentrickfilm: Schnöden Naturalismus aushebelnd, spiegelt die Gattung die menschliche Vorstellungswelt ebenso unverstellt wie ungefiltert wider. Von der euphorischen Regenbogenwelt der „Glücksbärchis" bis zum utopischen Idealkollektiv der „Schlümpfe" reichen die filmgewordene Phantastereien, die Erwachsene hier meist unter dem Deckmantel des „Kinderfilms" zusammenträumen. Ebenso gut und dabei dezidiert unkindlich lassen sich jedoch auch die monströsen Ausgeburten menschlicher Ängste im Trickfilm nachzeichnen, wie zum Beispiel in „Watership Down" oder zuletzt in „Waltz with Bashir". Mit beiden ist „Felidae" eng verwandt: Einerseits operiert der Film von Michael Schaack wie „Watership Down" erfolgreich mit anthropomorphen Tiergestalten, andererseits lässt er den Zuschauer wie „Waltz With Bashir" in den Abgrund realer und grausamer Weltgeschichte starren – als Schnittmenge dieser Ansätze ist „Felidae" eine faszinierende Melange aus Phantasma und anspielungsreicher historischer Aufarbeitung.

Francis hat es wirklich nicht leicht. Seinen Besitzer (im Katzenjargon: „Dosenöffner") hält es nie lange an einem Ort, nirgends kann der junge Kater heimisch werden. Im neuen Revier gehen zudem seltsame Dinge vor sich: Unmittelbar nach seiner Ankunft findet Francis die Leiche eines Artgenossen, der durch einen Biss in den Nacken getötet wurde. Kein Einzelfall, wie sich bald herausstellt, denn es häufen sich weitere Morde nach dem gleichen Muster. Mit Hilfe des alten Katers Blaubart beschließt Francis, den Vorgängen auf den Grund zugehen. Dabei sieht er sich bald mit einer ungeheuerlichen Verschwörung konfrontiert...

„Felidae" hat seiner Buchgrundlage, dem gleichnamigen Roman von Akif Pirinçci, eine Menge zu verdanken, schließlich ist bereits die Originalität der Idee Gold wert: Was könnte passender sein, als Katzen zu Haupcharakteren einer Kriminalstory zu machen? Nachtaktiv und verstohlen, verlangt das Wesen dieser Tiere geradezu nach stimmungsvollen Noir-Bildern. So macht die grundlegende ästhetische Ausrichtung von „Felidae" schnell deutlich, dass es sich bei dem Film nicht um ein kindgerechtes Zeichentrick-Bonbon handelt. In gedeckten Blau- und Grautönen gehalten, wird die Geschichte von einem erwachsenen Protagonisten (Francis hört Mahler!) in ruhiger und sachlich-kriminologischer Manier erzählt. Im harschen Kontrast zu diesem zurückhaltenden Erzählduktus steht die (für Zeichentrickverhältnisse) nicht immer magenschonende Brutalität. In „Felidae" wird gemetzelt, was das Zeug hält: Aufgerissene Leiber, aufgebohrte Köpfe, Massenselbstmord und Folter gehören allesamt zum Stilrepertoire. Prägende Szene in diesem Zusammenhang ist sicher der Endkampf zwischen Francis und Claudandus, bei dem letzterem im Flug der Bauch aufgeschlitzt wird – eine „einschneidende" Erfahrung für alle, die den Film als Kind von unbedarften Eltern vorgeführt bekamen.

Allerdings ist all der Trickfilm-Splatter kein Selbstzweck, sondern zwingend notwendig, um den Subtext in angemessener Weise zu vermitteln. „Felidae" bezieht sich explizit auf realgeschichtliche Gräuel und entfaltet in der ästhetischen Sublimierung dieser tiefenhistorischen Dimension seine eigentliche Sogkraft. Gentechnik, Tierversuche und letztlich auch Übermensch-Mythos und Holocaust sind die geschichtlichen und thematischen Referenzfelder, auf die sich der Film bezieht, wenn etwa der hasserfüllte Claudandus, der jahrelang wissenschaftliche Experimente durchleiden musste, eine überlegene Katzenrasse züchten möchte und dafür über Leichen geht. Intensiver noch als diese sehr konkreten filmsprachlichen Übersetzungen dunkelster Weltgeschichte sind jedoch die grotesken Visionen Francis', in denen „Felidae" erst zur vollen Entfaltung kommt. Dazu gehört etwa eine Sequenz, in der ein monströser Mendel himmelhoch aus einem Meer zerschundener Katzenkadaver aufragt – zu leicht ist es, keine Katzen, sondern die Opfer der Nazi-Verbrechen in dem Leichenberg zu sehen.

Bei aller Bildgewalt muss man jedoch sagen, dass „Felidae" seinen Anspruch differenzierter Charakterzeichnung nur bedingt einlöst. Lediglich Francis erscheint in seiner leicht blasierten Art ansprechend individualisiert. Überhaupt stünde eine längere Laufzeit dem ambitionierten Anliegen des Films gut zu Gesicht. Geradezu aufgesetzt wirkt das abstruse Sonnenschein-Ende, das völlig mit der ästhetischen und emotionalen Linie des Films bricht – das hätte man sich sparen müssen.

Dass „Felidae" als Meisterstück erscheint, liegt so vor allem an der Wirkmacht der zugrunde liegenden Inhalte. Eitrige, schmerzende Weltgeschichte fungiert dabei als gewaltiger Zerrspiegel, der den eigentlich harmlosen Trickfilm dämonisch überhöht reflektiert. So sind nicht nur Raymond Chandlers Hard-Boiled-Romane, sondern auch Mary Shelleys „Frankenstein" und Art Spiegelmans „Maus" passende Bezugspunkte für diesen allzu realen Katzenhorror.
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Kommentare

  • DerPjoern
    Gute Kritik. Witzig ist der Verweis auf Kinder, die es als Kind fälschlicherweise vorgesetzt bekommen haben. Ich gehöre zu diesen Kindern und bin sogar noch älter als meine Geschwister gewesen. Wir haben die Videokassette sogar zweimal vorgesetzt bekommen (Von unseren Eltern und Großeltern) und durften nächtelang von Katzenfriedhöfen, tanzenden Kadavern, umherfliegenden Eingeweiden, enthaupteten Katzendamen und sadistischen Tierversuchen träumen. Heutzutage würden solche Kinder beim Psychiater landen.
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