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The Dirt: Sie wollten Sex, Drugs & Rock'n'Roll
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
The Dirt: Sie wollten Sex, Drugs & Rock'n'Roll

Netflix' Californian Rhapsody

Von Oliver Kube
Wir alle kennen die Mechanismen in Hollywood: Seit dem ebenso überraschenden wie kolossalen Welterfolg von „Bohemian Rhapsody“ stecken gerade garantiert überall in Südkalifornien Studiobosse und Produzenten die Köpfe zusammen. Dabei suchen sie krampfhaft nach weiteren Themen für ein Musiker-Biopic, um im Windschatten des Freddie-Mercury-Films und mit „Rocketman“ über Elton John am Horizont ein paar schnelle Dollar zu verdienen. Schon bald dürfte eine Welle von Streifen über die ach so inspirierende Karriere von Lead-Sänger X, die Verwicklungen im Dasein von Disco-Sternchen Y und das tragische Schicksal des Post-Avantgarde-Duos Z über uns hereinbrechen.

Aber bevor es soweit ist und dann wahrscheinlich schnell niemand mehr Bock auf solche Musiker-Biopics hat, kommt Netflix nun mit dem von „Jackass“-Regisseur Jeff Tremaine inszenierten „The Dirt: Sie wollten Sex, Drugs & Rock'n'Roll“ um die Ecke. Die Helden der (größtenteils) wahren Lausbubengeschichte sind die US-Heavy-Rocker Mötley Crüe, die während ihrer Laufbahn etwa 50 Millionen Alben verkauft haben und für einen exzessiven Lebenswandel berühmt-berüchtigt waren. Das von „xXx - Triple X“-Autor Rich Wilkes mitverfasste Drehbuch basiert dabei auf der gleichnamigen Autobiografie, die im Jahr 2001 veröffentlicht wurde und damals umgehend zum Bestseller avancierte.

Die Rocker von Mötley Crüe entspannen am Pool.


Los Angeles, Anfang der 1980er: Nach einer lieblosen Jugend und einigen nur mäßig erfolgreichen ersten Bands startet Bassist Nikki Sixx (Douglas Booth) eine neue Gruppe mit Drummer Tommy Lee (Colson Baker alias Machine Gun Kelly) und Gitarrist Mick Mars (Iwan Rheon). Nach einigem Suchen finden die jungen Männer in Vince Neil (Daniel Webber) zudem den passenden Frontmann für ihren Mix aus Metal-Riffs, Glam-Rock-Optik und Punk-Attitüde – Mötley Crüe sind geboren! Innerhalb kürzester Zeit wird das Quartett zu den Darlings der Club-Szene am legendären Sunset Strip. Und das nicht zuletzt aufgrund jeder Menge Publicity um ihren von Drogen, Alkohol sowie massig Sex bestimmten Party-Lifestyle. Mit Hilfe des TV-Senders MTV und ihres cleveren Managers Doc McGhee (David Costabile) starten die Vier durch. Die ersten Jahre sind wie ein Rausch – globale Popularität, die heißesten Groupies und jede Menge Spaß inklusive. Irgendwann beginnen sich die ungezügelten Ausschweifungen jedoch zu rächen...

Die Kalifornier Mötley Crüe waren in den Achtzigern der Top-Act der gigantisch erfolgreichen, von Haarspray, Stretchhosen und greller Schminke begleiteten Glam-Metal-Welle. Am 31. Dezember 2015 gaben sie ihr offizielles Abschiedskonzert im heimischen Los Angeles. Elf Jahre nach dem letzten Album veröffentlicht die Gruppe dieser Tage nun den Soundtrack zu „The Dirt: Sie wollten Sex, Drugs & Rock'n'Roll“, der neben all ihren Hits auch vier exklusive, brandneue Stücke enthält. Eine kleine Sensation, mit der kaum noch ein Fan gerechnet haben dürfte. Dieses unverhoffte Engagement macht aber durchaus Sinn. Schließlich haben die eigentlich im Ruhestand befindlichen Musiker als Co-Produzenten ein Interesse am Funktionieren des Films. Und mit diesem musikalischen Comeback sorgen sie für reichlich mediales Aufsehen rund um den Netflix-Release.

Musizierende Schauspieler


Die 107 Minuten, die zwischen überdrehter, sowohl sprachlich als auch in Sachen Sex recht freizügiger Comedy und dramatischen Einlagen schwanken, fühlen sich durchaus authentisch an. Kennern der Band wird bereits in den ersten Szenen auffallen, dass die vier Schauspieler ihre Vorbilder offenbar ausführlich studiert haben. Ihre Mimik und Körpersprache sind jedenfalls beeindruckend nah an den Originalen. Besonders Daniel Webber („Marvel's The Punisher“) ist hervorzuheben: Nahezu perfekt übernimmt er die Moves und Manierismen von Sänger Vince Neil. Zudem bedienen die Darsteller ihre Instrumente tatsächlich selbst, während sie bei einer Audition oder auf der Bühne eines Clubs frühe Versionen von „Live Wire“ oder „Looks That Kill“ runterschrammeln.

Im Abspann sind sogar ein paar kurze Aufnahmen von gemeinsamen Proben ohne Make-Up und in Zivilklamotten zu sehen. Ebenso helfen die meist amüsanten Auftritte weitere, bekannter Personen der Ära dem Zuschauer beim Einstieg in diese Welt. Highlights sind hierbei Van-Halen-Sänger David Lee Roth (Christian Gehring), der sich auf einer Party gepflegt zudröhnt, oder das sturzbetrunken in ein Kleid gehüllte Metal-Urviech Ozzy Osbourne (Tony Cavalero). Nicht zu vergessen die selbstbewusst ihrem späteren Ehemann Tommy Lee gegenübertretende „Der Denver Clan“-Aktrice Heather Locklear (Rebekah Graf).

Mötley Crüe auf der Bühne.


Der rasante Schnitt der Schlag auf Schlag folgenden, aus einer Melange aus infantilem Blödsinn und hedonistischem Größenwahn geborenen Eskapaden der Jungs in Verbindung mit gnadenlos ins Ohr gehenden, energiegeladenen Songs machen die erste Hälfte immens unterhaltsam. Passend zu den aus immer wieder wechselnder Perspektive eines anderen Bandmitglieds geschriebenen Segmenten der Buchvorlage wenden sich die jeweils im Fokus befindlichen Figuren auch schon mal direkt ans Publikum. So durchbrechen sie die vierte Wand und beziehen uns augenzwinkernd mit ein – eine gute Ergänzung zu den Voiceovers, die ansonsten vielleicht etwas ermüdend und überstrapaziert wirken würden. Besonders der den Manager und eine Art Kindergärtner für überdrehte Musiker spielende „Billions“-Star David Costabile hat hier wirklich gute, witzige Momente. Beispielsweise wenn er uns wissen lässt, dass er bereits mit den Scorpions, Bon Jovi, Skid Row und Kiss gearbeitet habe und mit einer kuriosen Mischung aus Resignation und Bewunderung folgendes Statement von sich gibt: „Ich stand knietief in der Scheiße aller Arten von Geistesgestörten. Aber keiner hat mir je zugemutet, was Mötley Crüe mir zugemutet haben.

Schluss mit lustig!


Ziemlich exakt zur Mitte nimmt das Ganze allerdings eine drastische Wendung. Der erste wirklich dramatische Rückschlag für die erfolgsverwöhnten Rocker ist Neils Autounfall im Jahr 1984, bei dem unter massivem Alkoholeinfluss auch ein Freund zu Tode kommt. Bis dahin war alles nur Party, Fun und Wahnsinn. Doch dann beginnt die Abwärtsspirale und es wirkt, als hätte auch beim Film jemand mit beiden Füßen auf die Bremse getreten. Zwar gibt es mittendrin noch eine gelungene Passage in Form einer Zeitraffer-Collage, die einen Tag im zu diesem Zeitpunkt wahrlich irren Leben von Tommy Lee illustriert. Leider ist das für lange Zeit die letzte, etwas dynamischere Szene. Wiederholte Drogenabstürze sowie die diversen Tragödien amouröser, familiärer und gesundheitlicher Natur sind sicher nicht unwichtig, um die wahre Crüe-Story zu erzählen. Aber sie ziehen sich, auch aufgrund ihrer massiven Häufung in der zweiten Hälfte, doch arg in die Länge. Und dabei wurde beispielsweise die komplette Episode um Lees skandalumwitterte Ehe mit Playmate Pamela Anderson schon komplett weggelassen.

Es ist fast wie bei einem Glamrock-Longplayer: Ruhige, melancholische Stücke gehören einfach dazu, um dem Gesamtwerk mehr Tiefe und Emotionalität zu geben. Allerdings sind auf einem wirklich guten Album in der Regel nie mehr als ein oder maximal zwei solcher Lieder enthalten. Und das hat einen Grund: Denn die Tracks, wegen der das Publikum in der Regel die Scheibe kauft, sind die wilden, schrillen, lauten, schnellen und gute Laune erzeugenden Nummern. Bleibt man bei dem Vergleich, dann setzt sich die B-Seite von „The Dirt: Sie wollten Sex, Drugs & Rock'n'Roll“ hier fast ausschließlich aus langsamen, düsteren, balladesken Downern zusammen. Das ist einfach zu viel und wird nur durch den zum Glück etwas knackigeren, das Tempo und die Stimmung endlich wieder steigernden Abschluss noch ein wenig abgefedert.

Fazit: Ein zunächst rasantes, irre spaßmachendes Glam-Rock-Biopic, das sich mittendrin aber allzu sehr selbst ausbremst.

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