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The International
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
The International
Von Björn Helbig
Im Schatten der Finanzkrise überkommt viele Menschen ein Gefühl der Machtlosigkeit. Werden die Geschicke ihres Landes überhaupt noch vom demokratischen System, den gewählten Parteien und Politikern bestimmt? Oder sind die eigentlichen Strippenzieher international agierende Banken, die im Verborgenen Macht und Einfluss ausüben? In seinem Polit-Thriller „The International“, der die 59. Internationalen Filmfestspiele von Berlin eröffnete, nimmt Tom Tykwer diese Frage zum Ausgangspunkt für eine nicht sonderlich originelle, aber trotzdem spannend erzählte Geschichte, in der er Clive Owen als einsamen Agenten gegen einen übermächtigen Gegner antreten lässt.

Während der Ermittlungen gegen die International Bank of Business and Credit (IBBC), eines der mächtigsten Geldinstitute der Welt, muss der Interpol-Agent Louis Salinger (Clive Owen) mit ansehen, wie sein Partner nach dem Treffen mit einem wichtigen Informanten plötzlich tot zusammenbricht. Kurze Zeit später wird auch dieser Kontaktmann leblos aufgefunden. Gemeinsam mit der New Yorker Staatsanwältin Eleanor Whitman (Naomi Watts) versucht Salinger zu beweisen, dass die Bank mit den Todesfällen in Verbindung steht. Die beiden folgen den Spuren nach Berlin, Mailand, New York, Istanbul – aber je tiefer sie graben, desto klarer wird, wie weit die Macht der IBBC wirklich reicht. Die Bank schreckt vor nichts zurück, um die beiden Ermittler aufzuhalten...

Wer sich aufgrund der derzeitigen Finanzkrise von „The International“ einen Film erhofft, der sich mit den Hintergründen der aktuellen Geschehnisse beschäftigt, wird enttäuscht und sollte sich lieber an Dokumentationen wie Let's Make Money oder Enron - The Smartest Guys In The Room halten. Tom Tykwer orientiert sich in seinem Film ästhetisch wie inhaltlich am Genre des Polit-Thrillers und an Klassikern wie French Connection oder Die drei Tage des Condor, auch wenn er das Gattungsmuster an die heutige Zeit und das aktuelle gesellschaftliche Klima anpasst. Tykwers Hauptinteresse ist es, die genretypischen Motive des Thrillers der alten Schule aufzugreifen und mit einer modernen Erzählweise zu verbinden. An diesem Ansatz sollten sich die Ansprüche an den Film orientieren.

Tykwer hat der Verlockung Amerikas lange widerstanden. Nach seinen zwei respektablen Frühfilmen „Tödliche Maria“ und „Winterschläfer“ sowie seinem anschließenden Durchbruch mit Lola rennt hätte der gebürtige Wuppertaler alle Chancen auf ein großes Hollywood-Projekt gehabt. Trotzdem entschied er sich, in der Heimat zu bleiben und mit „Der Krieger und die Kaiserin“ einen sehr persönlichen Film zu drehen. Nach Heaven, einer hauptsächlich in Italien entstandenen deutsch-amerikanischen Co-Produktion mit Cate Blanchett (Der seltsame Fall des Benjamin Button) und Giovanni Ribisi (Lost In Translation) in den Hauptrollen, die 2002 im Wettbewerb der Berlinale lief, stürzte Tykwer in eine schöpferische Krise. Erst durch den Kurzfilm True - Teil der Kompilation Paris, Je T'Aime - schaffte er es, neue künstlerische Kraft für sein folgendes Prestigeprojekt Das Parfum zu schöpfen. Die Verfilmung von Patrick Süskinds Kultroman erhielt zwar nur durchwachsene Kritiken, lockte aber deutlich mehr als fünf Millionen Menschen in die deutschen Kinos. Guten Mutes konnte Tykwer so die Herausforderung eines weiteren großen Films annehmen und drehte diesmal auch in den USA.

Es war letztlich die richtige Entscheidung, auch wenn „The International“ alles andere als perfekt ist. Zu den großen Stärken des Films gehört sicher sein Look. Die Menschen wirken angesichts der futuristischen Beton-, Stahl- und Glasarchitektur und vieler Aufnahmen aus der Vogelperspektive klein und verloren – wie Geister in einer gigantischen Maschine, die nach eigenen Regeln zu funktionieren scheint. Tykwer und seinem Stamm-Kameramann Frank Griebe (Herr Lehmann, Deutschland. Ein Sommermärchen) sind dabei einige ganz vorzügliche Sequenzen gelungen, wie etwa Salingers erste Begegnung mit dem Auftragskiller der IBBC auf einer Straße mitten im Verkehr. Das zweite Aufeinandertreffen der beiden im New Yorker Guggenheim-Museum ist der Action-Höhepunkt des Films, bei dem Tykwer und Griebe ihren ganzen visuellen Einfallsreichtum in die Waagschale werfen. Dieser künstliche, etwas andere Showdown in dem berühmten Gebäude ist trotz seiner beachtlichen Länge rundum gelungen.

Mit der wiedergewonnenen Inszenierungsfreude Tykwers kann das Drehbuch von Newcomer Eric Singer leider nicht ganz mithalten. Auch wenn man keine übermäßig strengen Realismusmaßstäbe ansetzt, denen Tykwer ohnehin nicht gerecht werden will, gibt es trotzdem zuviel Klischeehaftes in der Story. Ob es die Figur Salingers mit ihrer Vorgeschichte ist, durch die er zum tragischen Helden stilisiert werden soll, oder unfreiwillig komische Momente, wie wenn der Agent und die Staatsanwältin auf ziemlich unglaubwürdige Weise die Flugbahn von Gewehrkugeln berechnen – hier und an einigen weiteren Stellen macht es sich Singer zu einfach. Und auch mancher Dialog ist von Plattitüden oder gestelzten Phrasen („That's the difference between truth and fiction – fiction has to make sense“) durchsetzt.

Ausgleichend wirkt sich das routinierte Spiel der Hauptdarsteller aus. Clive Owen (Shoot 'Em Up, Children Of Men, Sin City) macht durch seine Selbstsicherheit und sein Charisma aus einer 08/15-Figur einen Helden der etwas anderen Art. Naomi Watts (Stay, Tödliche Versprechen, Mulholland Drive) ist mit ihrer nicht besonders aussagekräftigen Rolle zwar sichtlich unterfordert, zieht aber im Rahmen des Möglichen mit kleinen Gesten trotzdem die Augen des Publikums auf sich. Und auch in den Nebenrollen überzeugen Schauspieler wie Ulrich Thomson (Lulu und Jimi) als kalter Konzernchef und Armin Mueller-Stahl (Buddenbrooks, Tödliche Versprechen) als dessen undurchsichtige rechte Hand. Die Darsteller vermeiden genau wie der Regisseur Übertreibungen und das ist es, was „The International“ von inhaltlich vergleichbaren Fastfood-Produktionen abhebt. Tykwer betont, dass sein Film auf Recherchen beruht. Auch wenn einige Sachverhalte natürlich genrebedingt überhöht wurden, macht der Regisseur nicht den Fehler zu versuchen, seinem Film durch unnötiges Aufbauschen mehr Gewicht zu verschaffen. Die Grundannahmen in „The International“ fußen auf realen Begebenheiten, als Quellen wurden unter anderem Dokumente über ungeklärte Morde herangezogen. Und was das Erzähltempo betrifft, wählt Tykwer eine zeitgemäße Geschwindigkeit, ohne in modische Raserei zu verfallen.

Fazit: Mit seinem Polit-Thriller über eine skrupellose Bank hat Tom Tykwer einen Genre-Film gemacht, der sich an Vorbildern der 1970- und 80er Jahre orientiert, der bekannten Geschichte aber einen zeitgemäßen Look verpasst. „The International“ ist weder besonders originell noch kommt er ganz ohne Klischee aus. Manchmal richtig spannend, durchweg unterhaltsam und optisch ziemlich schick ist er allemal.
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