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    Die Liebesfälscher
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Die Liebesfälscher
    Von Ulf Lepelmeier
    Abbas Kiarostami („Der Geschmack der Kirsche") präsentiert mit „Die Liebesfälscher" ein geschicktes Vexierspiel, in dem er die philosophische Frage nach der Bestimmbarkeit der Originalität von Kunst auf die Begegnung zweier Menschen überträgt. Das Arthouse-Drama ist eine verunsichernde und berührende Erzählung, ein Streifzug durch den Nebel der Andeutungen und Ahnungen eines Beziehungslebens. Der in diesem Sinne ganz auf den Beziehungs- und Kunstdiskurs eines vermeintlichen Paares ausgerichtete Film hätte leicht zu einer reinen Versuchsanordnung verkommen können, mit ihrem hervorragenden Schauspiel aber haucht Juliette Binoches Kiarostamis hochkonzeptionellem Drama eine Seele ein. „Die Liebesfälscher" ist eine raffinierte Auseinandersetzung mit großen Lebensentwürfen und noch größeren Dichotomien wie Authentizität/Nachahmung.

    Der britische Autor James Miller (William Shimell) befindet sich auf einer Lesereise durch Italien und stellt sein neues kunsthistorisch-philosophisches Werk über die Bewertung und den Stellenwert von Kopien vor. Die französischstämmige Antiquitätenhändlerin Elle (Juliette Binoche) erscheint mit ihrem Sohn während einer Lesung und setzt sich neben den Verleger des Buches in die erste Reihe. Sie spricht mit ihm, gibt ihm ihre Adresse und verlässt den Saal. Bereits am nächsten Tag steht der Buchautor im Laden der anmutigen Kunstexpertin – und die beiden brechen zusammen in die Toskana auf. Zwischen ihnen entfaltet sich ein angeregter Austausch über Kunst, Originalität und Liebe. Bald schon scheint es sich bei den beiden weniger um zwei Fremde, sondern vielmehr um zwei Menschen in einer langjährigen Partnerschaft zu handeln...

    Der zentrale Dialog über Kunst und Beziehungsfragen eröffnet eine an „Before Sunrise" erinnernde Figurenkonstellation. Doch die Debatten des Pärchens sollen sich als hintersinniges Spiel erweisen, als Zeitraffer durch die Stadien einer Liebe an nur einem Tag unter der gleißenden Sonne Norditaliens. Denn die theoretische Frage nach Originalität und Fälschung wird nach einem Cafébesuch des Paares plötzlich auf die Handlungsebene übertragen, was unerwartete Interpretationsspielräume eröffnet. Der Kunsthistoriker und die Galeristin wandeln fortan auf den Pfaden von Roberto Rossellinis „Reise in Italien" und analysieren vor malerischer Kulisse ihre anscheinend in Trümmern liegende Ehe. Spielen sie nur ein unglückliches Paar in ihrem 15. Ehejahr oder handelte es sich bei dem anfänglichen Kennenlernprozess um die eigentliche Scharade?

    Kiarostami hatte bereits in einem sehr frühen Stadium der Produktion eine Zusammenarbeit mit Juliette Binoche im Sinn, die sich dann auch bei der Drehbuch-Entwicklung mit einbrachte. Vor einer von Kameramann Luca Bigazzi („Il Divo") wunderschön in Szene gesetzten Toskana-Kulisse entwickelt Kiarostami seine kopflastige Erzählung; der massiv dialoglastige Film verkommt dank ausgezeichneter Hauptdarsteller aber nie zur bloßen Konzeptionsanordnung. Binoche und Shimell harmonieren wunderbar miteinander und garantieren, dass das Publikum niemals das Interesse an diesem so speziellen Paar verliert, dessen Beziehung zueinander herausfordernd unklar bleibt. Binoche verleiht der streitlustigen Antiquitätenhändlerin in jedweder Gefühlslage eine packende Authentizität, für ihr einfühlsam-engagiertes Spiel wurde sie 2010 bei den Filmfestspielen in Cannes ganz zu Recht als beste Darstellerin ausgezeichnet.

    Äußerst überzeugend gestaltet sich auch das Schauspieldebüt des britischen Startenors William Shimell, der in der Rolle von Binoches möglichem Ehemann mit der Ausnahmeschauspielerin mithalten kann. Original oder Kopie, langjähriges Paar oder elektrisierende Neubekanntschaft - Kiarostami spielt in seinem Drama mit den Erwartungen und weist auf die fließenden Übergänge zwischen Wahrhaftigkeit und Nachahmung, überhaupt auf die engen Grenzen dieser beiden Kategorien, hin. Zudem konfrontiert der Regisseur seine Protagonisten mit verschiedenen Beziehungsstadien, indem er andere Paare unterschiedlichsten Alters ihren Weg kreuzen lässt. Die überglücklich Frischvermählten oder die greisen Kirchenbesucher spiegeln somit ein gesamtes Eheleben wider, stellen Kopien eines immergleichen Liebes und- Lebenskreislaufs dar, dem sich niemand zu entziehen vermag.
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