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We Need to Talk About Kevin
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
We Need to Talk About Kevin
Von Carsten Baumgardt
„We Need To Talk About Kevin" - Lynne Ramsays Beitrag zum Wettbewerb der 64. Filmfestspiele in Cannes trägt die Inhaltsangabe nur scheinbar bereits im Namen. Spätestens im Finale des finsteren und tückischen Films wirkt der Titel vielmehr wie das Understatement des Jahres. „We Need To Talk About Kevin" beginnt wie eine formelhafte Schuld-und-Sühne-Geschichte, in der Schritt für Schritt enthüllt wird, welche Last eine zweifache Mutter auf sich geladen hat. Das Werk entwickelt dabei einen Sog, der das Publikum immer tiefer in die Abgründe zieht.

In einer Kleinstadt am Rande New Yorks muss Eva (Tilda Swinton) die Aggressionen ihrer Mitbürger erdulden. Ihr Haus und ihr Auto werden über und über mit roter Farbe besudelt, einmal schlägt ihr sogar eine Frau (Leslie Lyles) unvermittelt ins Gesicht. Was hat Eva falsch gemacht? Hoffnung auf einen Neuanfang bringt ihr neuer Job in einem zweitklassigen Reisebüro. Ihr Ex-Mann Franklin (John C. Reilly) lebt derweil mit der gemeinsamen Tochter Celia (Ashley Gerasimovich) in einem luxuriösen Anwesen und versucht, ihr ein normales Leben zu bieten – was nicht ganz einfach ist, weil zur Mutter kein Kontakt besteht und das junge Mädchen ein Auge eingebüßt hat. In Rückblenden wird die Familiengeschichte aufgerollt – beginnend mit der Zeugung von Sohn Kevin (Jasper Newell, später: Ezra Miller). Das Verhältnis von Mutter und Zögling ist von Anfang an gestört. Kevin ist ein Problemkind, das die frühere Star-Abenteurerin Eva an den Rand des Wahnsinns treibt...

Wer nach der ersten Hälfte der Verfilmung von Lionel Shrivers Roman „We Need To Talk About Kevin" den Kinosaal verlässt, weil er glaubt, diese Form des Sozialdramas schon unzählige Male gesehen zu haben, begeht einen riesigen Fehler. Denn nach einem konventionellen Anlauf entfaltet „We Need To Talk About Kevin" eine Wucht und Dynamik, die auch deshalb so überzeugend einschlägt, weil das Publikum sich längst in Sicherheit wiegt und zu wissen glaubt, wohin der Hase unterwegs ist. Immer mehr verdichtet Ramsay ihr Porträt einer seelisch gestrandeten Frau, indem sie sich am schwierigen Verhältnis zwischen Eva und Satansbraten Kevin abarbeitet.

Mit dem Auftauchen von Ezra Miller als Kevin im Alter von 15 Jahren bekommt die großartige Tilda Swinton („Michael Clayton", „The Beach") endlich einen adäquaten Spielpartner, da John C. Reilly („Magnolia") in den sparsam ausfallenden gemeinsamen Szenen mit gebremsten Schaum agiert und die Chemie zwischen den beiden nicht stimmig ist. Welche Schuld trägt Eva an der ganzen Misere? Das ist die zentrale Frage des Films. Nach Ansicht ihrer Mitmenschen eine derart große, dass ihr selbst die Luft zum Atmen nicht mehr gegönnt wird. Was genau hat Eva denn nun zu verantworten? Damit rückt Ramsay erst spät heraus.  

Inszenatorisch ist „We Need To Talk About Kevin" im Independent-Kino verwurzelt. Regisseurin Ramsay findet messerscharf-präzise Bilder, die Tilda Swintons Eva gleich zu Beginn mit wenigen, kurzen Einstellungen charakterisieren. Die Farbe Rot dient Ramsay als Leitmotiv, so setzt sie immer wieder feine visuelle Akzente. Vor allem ein Bild brennt sich gegen Ende, als die Katze endlich aus dem Sack ist, ins Gedächtnis ein: Man ahnt nach der vorigen Enthüllung, was da kommt - die Realität der Bilder ist dennoch erschütternd. Lynne Ramsays bitteres Indie-Drama „We Need To Talk About Kevin" liefert keine Lösungen oder Erklärungen für das thematisierte Unglück. Was bleibt, ist Sprachlosigkeit. Das famose Schauspiel von Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton und die herausragende zweite Filmhäfte machen aus einer scheinbar überschaubar originellen Geschichte einen starken Film, der sein Publikum in den Würgegriff nimmt und nicht mehr loslässt.
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Kommentare

  • Pintu
    Im zweiten Absatz der Kritik ist ein Fehler, der mich Fragen lässt ob der Kritiker den Film überhaupt gesehen hat... Ich möchte nicht Spoilern, der Fehler ist hier: Als Eva den Job in der Travel Agency bekommt *leben* Vater und Tochter nicht "derweil" in einem luxoriösen Haus...
  • Ricarda S.
    Ich muss Pintu recht geben, es kommt einem vor, als hätte Carsten Baumgardt einen anderen Film gesehen. Wo war hier die überaschende Wendung? Man hat von Beginn des Filmes genau das bekommen, was erwartet wurde. Und zu behaupten, der Vater sei mit seiner Tochter weggezogen...naja kein weiterer Kommentar!
  • Some S.
    Ich lese immer gerne die Filmstarts Kritiken und suche mir u.a. danach auch aus, welche Filme ich mir anschaue.Am meisten hat mich die "Wendung, dass es scheppert" interessiert, aber da scheppert leider überhaupt nichts.Der ganze Film steuert trotz seiner Zeitsprünge unausweichlich auf die Katastrophe zu, und spätestens nach der Hälfte ist einem mehr oder weniger klar, wie sie aussehen wird.
  • painkiller81
    Tatsächlich ging es mir ähnlich wie meinen Vorrednern. Ein sehr interessanter und gut gespielter Film, dem stimme ich zu. Allerdings kann auch ich nicht verstehen welcher Twist unerwartet kommt und Ewa in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt. Hier würde mich eine Erhellung sehr freuen, da ich gerade das Gefühl habe irgendwas im Film verpasst zu haben.
  • Gandalf
    Auch ich muss meinen Vorednern recht geben. Ich war selten nach einer Filmstarts-Kritik so entäuscht von einem Film. Die meisten Einstellungen sind nichtssagend, die Geschichte gab es in ähnlicher Form schon gefühlte 10000 Mal, die Personen handeln mitunter unlogisch und unrealistisch. Das Ende ist weder überaschend noch besonders originell. Zu den Hauptfiguren, außer der kleinen Tochter/Schwester habe ich zu keiner Zeit irgendeine emotionale Bindung gespürt. Mitleid?! Fehlanzeige. Die Darstellung des 15-Jährigen titelgebenden Kevins selbst ist der einzige kleine Lichtblick in dem Film. Der Figur werden aber, ohne zuviel verraten zu wollen, sämtliche Boulevard-Klischees aufgedrückt. Der Film ist für mich ein klarer Beweis, dass auch Independent-Filme mit hochkarätigen Darstellern schlecht sein können.
  • ano N.
    ich bin ja froh, dass es anderen auch so wie mir ging. ich dachte ich wäre zu blöd, dabei hab ich extra aufmerksam auf die wendung gewartet...und sie nicht gesehen.eine irreführende kritik
  • Jimmy V.
    Stimmt alles was ihr sagt. Aber: Dennoch kein schlechter Film!
  • Mary M.
    Leute, wenn ihr überdramatische Auftritte wollt, wo die Darsteller aufs lächerlichste zusammenbrechen, dann guckt doch einfach wieder eure Hollywood Aktionfilme. Gandalf, es gibt auch Menschen, denen man nicht direkt ansehen kann wie sie leiden! Du hast dafür anscheinend gar kein Gefühl. Denn allein die Szene, in der die Hauptdarstellerin die Eier isst, drückt aus, wie sehr sie leidet. Der Film ist einfach klasse, aber anscheined gibt es wirklich Menschen die ihn nicht erfassen können. Das heißt nicht das ihr dumm seid, sondern nur das ihr zuviel Hollywood geguckt habt um noch ECHTE Gefühle, ECHTES Drama zu verstehen. Sorry, aber die meisten Kommentare sind echt zu kotzen. Und dein Kommantar, Gandalf, sticht durch seine lächerliche Einfachheit besonders hervor. Gratulation zu so wenig Empathie.
  • Professor Abronsius
    Um es vorweg zu nehmen: ich fand den Film schon klasse!Aber ... ich frage mich auch gerade, ob ich den gleichen Film wie Carsten Baumgardt (Filmstarts-Kritiker) gesehen habe, bzw. vor allem, ob ich vielleicht ein alternatives Ende gesehen habe (ohne es zu wissen!)! Achtung, Spoiler!!! Meinen kompletten Kommentar nicht weiterlesen, wenn man den Film noch nicht kennt und nicht die Pointe erfahren will!!! Habe ich da was nicht mitgekriegt? Zitat aus der Filmstarts-Kritik: "Hoffnung auf einen Neuanfang bringt ihr neuer Job in einem zweitklassigen Reisebüro. Ihr Ex-Mann Franklin (John C. Reilly) lebt derweil mit der gemeinsamen Tochter Celia (Ashley Gerasimovich) in einem luxuriösen Anwesen und versucht, ihr ein normales Leben zu bieten ..."So wie ich es verstanden habe, haben die Eltern nur über die Scheidung gesprochen, aber dazu kam es dann nicht mehr, weil sich Sohnematz ja zu einem anständigen Amoklauf entschlossen hat! Eva (Tilda Swinton) ist vom Tatort (Schule) nach Hause gefahren und zwar in ihr gemeinsames luxuriöses Haus und dort hat sie Vater und Tocher tot mit Pfeilen gespickt im Garten liegen sehen. Evas "Neuanfang" (Arbeit in einem Reisebüro, Wohnen in einem kleinen versifften mit Farbe bespritzen Haus) folgte erst danach. Zitat: "... und wartet mit einer Wendung auf, dass es nur so scheppert."Nachvollziehen kann ich den Satz schon, obgleich ich denke, dass die Wortwahl etwas unglücklich ist. 1. Würde ich nicht unbedingt von einer Wendung sprechen wollen, sondern eher von einer Entwicklung, oder noch besser vom Ausmaß der Entwicklung. Denn, dass da noch etwas Schlimmes passieren muss - bzw., da es ja Rückblenden sind, passiert sein muss - wird klar, nachdem sich allmählich herausstellt, wer derjenige ist, den Eva da mehrmals im Knast besucht, nämlich ihr Sohn! Allein das könnte man in gewisser Weise als Wendung bezeichnen. Dass es dann allerdings so hammerhart kommt, hat mich auch ziemlich überrascht. Plötzlich ergibt vieles einen Sinn, z.B. diese sporadisch eingestreuten Bilder von abtransportiert werdenden Verletzten oder Toten. Er (der Sohn) hatte nicht nur eine Schlägerei oder so (was ja auch einen vorübergehenden Gefängnisaufenthalt erklären könnte), nein, er wollte die ganz große Show (oder das, was er darunter verstand!). 2. "Scheppern" im wörtlichen Sinne tut es nun ja gerade nicht (könnte man missverstehen), aber im übertragenen oder emotionalen Sinne natürlich schon. Der Amoklauf an sich wird ja nicht gezeigt, es ist schließlich kein Actionfilm, Thriller o.ä., sondern ein Film der leisen Töne, aber mit emotional um so größerer Wirkung. So empfand ich es zumindest.
  • SirHeadbud
    tja. nach der Kritik ein eindrückliches, schockierendes Drama erwartet. Stattdessen ist bereits in den ersten 10-15min klar, was passiert und wie es passiert. Ich sehe hier weder etwas originelles oder brachiales. im Gegenteil, genau das haben wir schon 100mal gesehen. das Thema Autismus wurde bereits unzählige Male behandelt und es ist deshalb wenig überraschend, was hier passiert. Stimme meine Vorrednern zu. Die Filmstartskritik passt nicht zum Film. Hanebüchene Aussagen (die mal von Grund auf falsch sind und deshalb auch den Film komplett falsch darstellen) sowie lockende Versprechungen einer Wendung, die keine ist (noch nicht mal Ansatzweise). War der Kritik-Scheiber auf Drogen oder ist er etwa eingeschlafen? Anders kann ich mir das nicht erklären. Ich hau ja nem Patienten auch nicht den linken Arm ab, wenn es sich um das rechte bein handelt...
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