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The Guard - Ein Ire sieht schwarz
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
The Guard - Ein Ire sieht schwarz
Von Robert Cherkowski
Wenige Filme können auf eine so wohlwollende Rezeptionsgeschichte zurückblicken wie Martin McDonaghs Gangstergroteske „Brügge sehen... und sterben?". Auf wenigen Leinwänden und von der Masse weitestgehend unbemerkt, wurde der Film zuerst als Guy-Ritchie-Epigone misstrauisch beäugt. Brit-Gangster, die allerhand cooles Zeug reden, wollte einfach niemand mehr sehen. Doch der Fall lag hier ganz anders: Je länger der Siegeszug durch die Programmkinos und DVD-Regale anhielt, desto mehr wandelte sich „Brügge sehen... und sterben?" zum Geheimtipp für den aufgeschlossenen Filmfreund, bis er im Laufe weniger Jahre zu einem der absoluten Konsensfilme der 00er Jahre avancierte. Der Überraschungshit von 2008 scheint jetzt mit „The Guard" einen in mehrfacher Hinsicht blutsverwandten „Geschwisterfilm" bekommen zu haben. Nicht nur ist „The Guard"-Regisseur John Michael McDonagh der Bruder vom „Brügge"-Macher Martin – auch inhaltlich und in ihrer unwiderstehlichen Machart ist die Verwandtschaft unübersehbar. Hier wie dort sind es die etwas anderen, angenehm unglamourösen Schauplätze sowie die markigen, exzentrischen Helden, die aus einfachen Versuchsanordnungen bekannter Genre-Standards Filmerlebnisse der etwas anderen Art machen.

Im westirischen Galway liegt der Hund begraben. Soweit das Auge reicht, gibt es nichts als kaltes, stürmisches Meer, Moor und Langeweile. Ein paar örtliche Pubs sind die Highlights des ansässigen Kulturbetriebs - und wer doch mal was erleben will, der muss sich Escort-Damen aus der großen Stadt (in diesem Fall: Dublin) bestellen. Wer etwas auf sich hält, der verlässt das gottverlassene Kaff entweder schnellstmöglich oder stürzt sich vorsorglich in die Fluten. Sergeant Gerry Boyle (Brendan Gleeson) hingegen scheint wie für Galway gemacht. An der Grenze der Legalität verrichtet er sein kriminalistisches Handwerk und wirkt dabei immer wieder wie ein irischer „Bad Lieutenant". Mit Guiness, hin und wieder einem Damenbesuch aus Dublin und beizeiten ein wenig Extasy schlägt er die Zeit tot und erfreut sich des unspektakulären Lebens. In letzter Zeit allerdings ist es Essig mit Entspannung. So wird zuerst ein gesuchter Drogenschmuggler tot in Boyles Revier aufgefunden und wenig später verschwindet auch noch sein Partner spurlos. Als extra Wendell Everett (Don Cheadle), ein Spezialist des FBI, eingeflogen wird, um Licht ins Dunkel zu bringen, ist klar, dass ein großer Deal bevorsteht. Das fiese Verbrechertrio Francis Sheehy (Liam Cunningham), Clive Cornell (Mark Strong) und Liam O'Leary (David Wilmot) ist in der Stadt und nur Boyle ist mutig beziehungsweise dumm genug, ihnen die Stirn zu bieten...

Das Augenzwinkern und die leicht parodistische Haltung zur eigenen Story ist unverkennbar, denn McDonagh macht überhaupt keinen Hehl daraus, wie gern er mit den Versatzstücken des Genres Schlitten fährt, ohne dabei dem – bei aller Albernheit stets vorhandenem – Plot den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wie sein Bruder vor ihm, beweist auch er ein Gespür für Timing und ein gesundes Maß an Komik, das die Story auflockert, ohne ihr die Schwere zu nehmen. Die Höhepunkte sind dabei definitiv die Wortgefechte zwischen Gleeson und Cheadle. Während letzterer immer wieder versucht, eine seriöse Untersuchung durchzuführen, konfrontiert ihn Gleeson immer wieder mit einem Mischmasch aus antiamerikanischen Vorurteilen, offenem Rassismus und dummen Fragen über die Ermittlungsmethoden der US-Staatspolizei, über die er ein umfassendes Halbwissen aus zahlreichen Kriminalromanen und Actionfilmen besitzt. Später werden sie sich zusammentun und eher nebenbei den Fall lösen, doch das ist dann eigentlich gar nicht mehr so wichtig.

Auch wenn Trailer und Poster anderes vermuten lassen, mutiert „The Guard" mit Cheadles Erscheinen keineswegs zum Buddy Movie zwischen cleverem City-Cop und raubeinigem Hinterwäldler, die sich zusammenraufen, voneinander lernen und schlussendlich dicke Kumpels werden. Nix da. Dies ist eine Brendan-Gleeson-Show und der Rest des Cast tut gut daran, einen Schritt zurückzuweichen und aus sicherer Entfernung um das massive Kraftzentrum Gleeson zu kreisen. Sei es Cheadle als Sidekick, Katarina Cas als „damsel in distress" oder das Dreigestirn Cunningham, Strong und Wilmot als Bösewichte: Sie alle bleiben amüsante Stichwortgeber für Gleeson, der den alleinigen Steuermann gibt. McDonagh weiß, was er am irischen Charakterkopf hat und passt sich ihm an. Seiner Leibesfülle entsprechend ist das Tempo eher behäbig und jeder Schritt wohlüberlegt, aber ohne dabei träge zu wirken. Immer wieder kommt der Fluss der Ereignisse in den Momenten größter Absurdität zum Stillstand. Wie in einem Roman von Elmore Leonard nimmt sich auch McDonagh dann eine Auszeit und nutzt die Verschnaufpausen, um etwas Zeit mit seinen Pro- und Antagonisten zu verbringen. Immer wieder werden Auszeiten genommen und oft scheint es, als wäre nicht der Weg das Ziel, sondern die Päuschen zwischendurch.

Wenn FBI-Spezialist Everett mit dem gälischen Slang hadert oder die philosophierenden Gangster mit der Banalität ihrer eigenen Bosheit unterfordert scheinen und stattdessen Gespräche über Nietzsches „Antichrist" vom Zaun brechen, kann man nicht anders, als immer wieder vor Amüsement und geistreichem Witz beglückt zu schmunzeln. Die schönsten Verschnaufpausen gehören dennoch Gleeson, der sich immer wieder aus dem Krimi-Plot ausklinkt, um seine kranke Mutter zu besuchen, die gelassen und nicht ohne Galgenhumor dem Tode entgegenblickt. Wenn die zierliche Lady und der korpulente Hüne beieinandersitzen und entspannte Gespräche über das Leben, den Tod, Versäumnisse, Kokain (!) und russische Literatur (speziell Gontscharows „Oblomow") führen, weiß man, dass man gerade wunderbar entspannten Sternstunden des Kinojahres 2011 beiwohnt.

Die McDonagh-Brüder haben sich als einflussreiche Stimmen im britischen Kino etabliert. Bleibt zu hoffen, dass wir noch viel von ihnen zu hören bekommen.
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