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Der große Crash - Margin Call
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Der große Crash - Margin Call
Von Carsten Baumgardt
Die Vorfreude war riesengroß, als durchsickerte, dass Oliver Stone den Film in Angriff nehmen würde, den Millionen seit Dekaden sehen wollten. Umso größer fiel die Enttäuschung aus, als der Regisseur bei den 63. Filmfestspielen von Cannes schließlich seinen mittelmäßigen Börsen-Thriller „Wall Street: Geld schläft nicht" vorstellte. Geld schläft wohl nicht, aber Stone offensichtlich doch, denn die weitreichende Relevanz seines Originals verpasst das inhaltlich belanglose Sequel meilenweit. Den wirklich packenden und realistischen Wall-Street-Film liefert Erstlings-Regisseur JC Chandor, der seinen elektrisierenden Hochfinanz-Thriller „Margin Call" bei der 61. Berlinale ins Rennen schickte.

Die Einschnitte bei einer New Yorker Investmentfirma sind gewaltig: 80 Prozent der Mitarbeiter von Top-Risk-Analyst Eric Dale (Stanley Tucci) werden gefeuert – und der Abteilungsleiter gleich mit. Allerdings ist dieser Aderlass nur eine Kindergartenveranstaltung verglichen mit dem, was in den nächsten Stunden folgen wird. Dale war in den vergangenen Wochen mit einer Analyse beschäftigt, die die gesamte Existenz der Firma aus den Fugen heben könnte. Er übergibt die hochbrisanten Daten an den Junganalysten Peter Sullivan (Zachary Quinto), der Dales Arbeit zu Ende führt und sofort seinen Kollegen Seth Bregman (Penn Badgley) und seinen Vorgesetzten Will Emerson (Paul Bettany) informiert. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht – von Emersons Boss Sam Rogers (Kevin Spacey) zu dessen Chef Jared Cohen (Simon Baker) und bis zum CEO John Tuld (Jeremy Irons). Klar ist, die Firma sollte binnen kürzester Zeit nicht mehr viel wert sein. Es wird gehandelt...

Die Finanzkrise erschütterte 2008 samt Börsenbeben die Welt und stürzte ganze Staaten bis kurz vor den Bankrott - ausgelöst durch die völlig außer Rand und Band geratenen Finanzjongleure an der Wall Street und die platzende Immobilienblase in den Vereinigten Staaten. Nachdem Oliver Stones Stimme in „Wall Street 2" wie ein Pfeifen im Wald verhallte, ist die Chance, dass JC Chandor mit seinem Low-Budget-Film Gehör findet, zwar nicht unbedingt größer, aber das, was er zu sagen hat, ist allemal interessanter als Stones Geschichte. „Margin Call" spielt in einem kompakten Zeitrahmen von 24 Stunden, was die Dynamik der Situation perfekt auf die Spitze treibt. Der Börsen-Thriller beginnt mit der Freistellung ganzer Heerscharen von Mitarbeitern schon auf einem sehr intensiven Level, aber was folgen soll, hat noch einmal ganz andere Dimensionen: Es droht nichts weniger als das Ende der Welt wie wir sie kennen. Den Beteiligten des Dramas ist das Ausmaß der Katastrophe vollkommen bewusst und wer zuerst von Bord springt, hat die größten Chancen zu überleben – allerdings nur auf Kosten anderer, die Rettungsboote sind schließlich limitiert. Das wirft elementare moralische Fragen auf, die JC Chandor aus neutraler Perspektive untersucht. Anders als große Teile der medialen Öffentlichkeit dämonisiert er die gierigen Banker nicht, genauso wenig wirbt er für übermäßiges Mitleid mit den Geldjongleuren.

„Margin Call" bietet keine Schwarz-Weiß-Malerei, sondern Chandor differenziert anhand seiner Figuren die verschiedenen Verhaltensmuster aus, die in der größten finanziellen Krise der vergangenen Jahrzehnte zu Tage traten. Echte Sympathieträger sind in dieser Welt der Hochfinanz zwar selten, aber auch in der Löwengrube gibt es aufrechte Menschen, die ihre Seele nicht verkaufen wollen. Die ganze Bandbreite des Kampfes gegen den Untergang bringt das grandiose Darsteller-Ensemble zum Ausdruck. Für einen Film, der nur rund 3,5 Millionen Dollar gekostet hat und in gerade einmal 17 Tagen gedreht wurde, ist die Besetzung sensationell. Offenbar angezogen von JC Chandors überragenden Dialogen läuft die Riege zu großer Form auf, fast wie bei James Foleys und David Mamets wegweisendem Dialogfeuerwerk „Glengarry Glen Ross" (1992). Chandors Vater arbeitete 40 Jahre beim Bankenriesen Merrill Lynch, was dem Jung-Regisseur Insiderwissen, Stoff und Verständnis für seine Geschichte lieferte, auch der Hochfinanzjargon ist genau getroffen und verleiht „Margin Call" Authentizität. Zugleich bricht Chandor die hochkomplizierte Thematik immer wieder mit einem einfachen, aber effektiven Kniff herunter, indem die Spezialisten sich „Laien" offenbaren müssen, die nicht so tief in der Materie stecken. Die Machtverhältnisse und die Hierarchie in einem solchen Finanzkonzern seziert Chandor sehr fein und zeigt, wer in welcher Situation was zu sagen hat und welche Konsequenzen das nach sich zieht. Bei der Qualität der Dialoge kann die Regie nicht ganz mithalten. Chandors Unerfahrenheit ist „Margin Call" gelegentlich anzumerken, aber die Schauspieler bügeln diese kleinen rhythmischen Holprigkeiten wieder aus.

Ein bestens aufgelegter Kevin Spacey („American Beauty") ist das moralische Zentrum des Films. Sein Verhalten ist der Gradmesser, an dem sich alles ausrichtet. In einer Branche, in der der Stellenwert eines Menschen an seinem Jahreseinkommen gemessen wird, hat sich Spaceys Sam Rogers Würde bewahrt, und 34 Jahre in der Firma gehalten. Aus dem superben Ensemble noch jemanden hervorzuheben, fällt nicht leicht: Jeremy Irons („Der Kaufmann von Venedig") ist als eiskalter CEO beängstigend, Paul Bettany („A Beautiful Mind") und „Mentalist" Simon Baker agieren als Arschlöcher wunderbar arrogant, Zachary Quinto („Star Trek") erntet die größten Sympathien und Stanley Tucci („Einfach zu haben") glänzt in seinen wenigen Szenen mit unglaublichem Charisma. Nur Demi Moore („Ghost") fällt ein wenig aus dem Rahmen, weil man ihr die toughe Geschäftsfrau nicht so recht abnehmen mag.

Fazit: Es ist der Vorabend des Weltuntergangs und Regisseur JC Chandor legt in seinem packenden Finanz-Thriller „Margin Call" eindrucksvoll die Mechanismen der Finanzbranche offen. Ein tolles Ensemble, ein großartiges Drehbuch und eine intensive Anspannung, die in nahezu jeder Szene zu spüren ist, machen den Film sehenswert.
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