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    7 Psychos
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    7 Psychos
    Von Carsten Baumgardt
    Wer mit seinem Kinodebüt gleich einen waschechten Kultfilm gedreht hat, steht beim folgenden Film unter gehörigem Druck. Der Brite Martin McDonagh schert sich allerdings offenbar kaum darum, was die Leute nach seinem gefeierten „Brügge sehen... und sterben?" von ihm erwarten und rotzt mit der Gangster-Groteske „7 Psychos" einen frechen Zweitling raus, der wesentlich ungeschliffener und wüster ausfällt als der Vorgänger, auch wenn dessen Geist auch durch den neuen Film weht. „7 Psychos" wirkt, als hätte McDonagh alle verrückten Ideen hineingepackt, die ihm gerade in den Sinn gekommen sind. Dadurch bleibt der Film fragmentarisch und unausgeglichen, aber gerade die aberwitzigen, mit coolen Dialogen garnierten Plot-Wucherungen und die in Mannschaftsstärke auftretenden skurrilen Figuren machen den besonderen Reiz von „7 Psychos" aus: Die politisch wenig korrekte Fingerübung ist ein irrsinniger und unwiderstehlicher Kino-Cocktail.

    - Hollywood-Drehbuchautor Marty (Colin Farrell) steckt in einer Schaffenskrise. Für sein neues Skript „Seven Psychopaths" hat er bisher nur den Titel: Nun sitzt er ohne Einfall vor einem weißen Blatt Papier und einer Flasche Wein. Das macht Marty so verrückt, dass er sich bald ganz in den Alkohol flüchtet. Wie gut, dass er mit dem arbeitslosen Schauspieler Billy (Sam Rockwell) einen besten Kumpel hat, der ihm immer mal wieder eine tolle Idee zusteckt. Billy verdient seinen Lebensunterhalt mit dem Entführen von Luxushunden. Anschließend bringt sein schwer ergrauter Kompagnon Hans (Christopher Walken) die Vierbeiner zu ihren Besitzern zurück und kassiert heuchlerisch eine saftige Belohnung. Nachdem Marty seine Freundin Kaya (Abbie Cornish) böse beleidigt hat, schmeißt sie ihn raus und er schließt sich der Schicksalsgemeinschaft Billy/Hans an. So gerät der Autor unfreiwillig mit ins Fadenkreuz des psychopathischen Gangsters Charlie (Woody Harrelson), denn das Dognapper-Duo hat dessen über alles geliebten Schoßhund geschnappt...



    Schon die erste Szene von „7 Psychos" gibt unmissverständlich die Richtung vor. In einem denkwürdigen Kurzauftritt fabulieren Michael Pitt („Die Träumer") und Michael Stuhlbarg („A Serious Man") als abgebrühte Mafiakiller über ihren nächsten Mordauftrag und diskutieren eloquent die technischen Details der Aktion, ohne diese an sich zu hinterfragen. BANG: Ein maskierter Mann rauscht aus dem Nichts von hinten heran und knallt den Unholden je eine Kugel in den Kopf. Auch im Folgenden schießt McDonagh mit der Präzision einer Schrotflinte einen Drehbucheinfall nach dem anderen ab und erzielt trotz dieser unkonventionellen, geradezu rüden Technik erstaunlich viele Wirkungstreffer. Dabei entwickelt der Regisseur bewusst keinen homogenen Rhythmus, sondern kredenzt vielmehr ein Stakkato an wahnwitzigen Szenen, Situationen und One-Linern. Logik ist in diesem Wunderland keine besonders wichtige Währung, auch mit Plausibilität wird nicht gezahlt, in der Groteske gilt die Überspitzung als sichere Investition.

    Mit dem erwähnten Knalleffekt zu Beginn tritt Psychopath Nummer 1 auf, der Jack-And-Diamonds-Killer (weil er nach seinen Morden Spielkarten bei den Opfern hinterlässt). Gleichzeitig ist damit der erste Protagonist für Martys Drehbuch gefunden, denn McDonagh etabliert alsbald eine Film-im-Film-Ebene und die Suche des schreibblockierten Autors nach einem halben Dutzend weiterer Psychopathen schlängelt sich als ein blassroter Faden durch die wilde Volten schlagende Handlung. McDonagh gibt dem bunten Treiben kaum dramaturgischen Halt und bringt hier einen Schwank aus seinem Großhirn auf die Leinwand – sprich, er lässt seiner überbordenden Fantasie freien Lauf. Dabei kommt es auch zu zynischen Gewaltexzessen, die immer wieder durch Ironie gebrochen werden – das Morden ist hier geradezu cartoonesk.

    Die einzelnen Sequenzen sprühen nur so vor Einfallsreichtum und Wortwitz. Hier wird zum Beispiel endlich eine einleuchtende Erklärung dafür geliefert, warum der legendäre Zodiac-Serienkiller nie offiziell gefasst wurde: Tom Waits („Down By Law", „Short Cuts") und ein weißes Kaninchen haben bei der Auflösung ein gehöriges Wörtchen mitzureden. Weitere Details über die Psychopathen preiszugeben, wäre rhetorische Spaßbremserei - jeder einzelne dieser sieben Irren hätte einen eigenen Film verdient. Bei diesem Überfluss an tollen Ideen ist es nur passend, dass „7 Psychos" gleich einen doppelten Showdown bekommt – einen in der Fantasie des Drehbuchautors Marty im Film und einen des realen Drehbuchautors Martin McDonagh. Diese vermeintliche Selbstdemontage ist zugleich eine clever-ironische Reflexion über das Filmemachen mit eindeutiger Botschaft: Wer sich traut, auf Konventionen zu pfeifen, der kann alles machen, was er will. So ist „7 Psychos" auch eine krachende Kampfansage an das Konfektionskino Hollywoods - mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes formuliert, der mit seinem ersten Film einen allseits verehrten Kulthit gelandet hat.

    All die verrückten Einfälle und pointierten Dialoge kommen erst durch die Darsteller zur vollen Wirkung. Das Hauptdarsteller-Trio Colin Farrell („Total Recall"), Sam Rockwell („Moon") und Christopher Walken („Die durch die Hölle gehen") dreht grandios auf. Der famose Rockwell ist als (mindestens) linkischer Schauspieler und Dognapper eine schiere Wucht. Walken war lange nicht mehr so gut und offenbart trotz humorigen Auftretens Abgründe in seiner Figur von der Tiefe eines Ozeans. Colin Farrell karikiert dagegen geschickt sein Harter-Mann-Image und sucht sein Heil als dauerverängstigter Pazifist des Trios: Er möchte einen Film über sieben Psychopathen schreiben, aber gleichzeitig eine friedliche Botschaft aussenden! So wenig er seine Trinkerei im Griff hat, so sehr läuft ihm die Gesamtsituation aus dem Ruder... Neben diesem herausragenden Trio gibt Woody Harrelson („Natural Born Killers") seinen Standard-Psychopathen. Er bewegt sich hart am Rande der Karikatur, überschreitet diese dünne Linie aber nie und nimmt sich immer dann zurück, wenn es nötig ist. Ansonsten gibt er Vollgas – genau wie Martin McDonagh.

    Fazit: Regisseur Martin McDonagh behält die Coolness seines Meisterwerks „Brügge sehen ... und sterben?" bei und schüttet über seine zynisch-exzentrische Gangster-Komödie „7 Psychos" ein bis zum Bersten volles Füllhorn an ausgeflippten Ideen aus. Das ist vogelwild und unverschämt unterhaltsam – nicht zuletzt, weil das Triumvirat Colin Farrell, Sam Rockwell und Christopher Walken aufdreht, als hätte es nie ein „Pulp Fiction" gegeben.

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