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Holy Motors
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Holy Motors
Von Robert Cherkowski
Der Franzose Leos Carax ist ein so beispiellos stilbewusster wie wagemutiger Filmemacher. In den Achtzigern prägte er zusammen mit Jean-Jacques Beineix ("Betty Blue") und Luc Besson ("Subway") die filmische Strömung des „Cinéma du look". Seine kleinen Dramen, seine persönlichen Geschichten und seine Genre-Stoffe sind wahre Filmfeste, die gleichermaßen sinnlich und intellektuell faszinieren. Bereits Carax‘ frühe Arbeiten „Boy Meets Girl" und „Die Nacht ist jung" waren beeindruckend, sie stehen jedoch im Schatten seines Meisterwerkes „Die Liebenden von Pont-Neuf". Erst sollte die Liebesgeschichte zwischen einer erblindenden Malerin und einem Pariser Clochard ein kleiner Film mit kleinem Budget werden und es war nur der künstlerischen Kompromisslosigkeit des Regisseurs geschuldet, dass er dann doch die damals teuerste Produktion der französischen Filmgeschichte drehte. Das Wagnis hat sich ausgezahlt: „Die Liebenden von Pont-Neuf" ist pure Kino-Magie. An diesen Erfolg konnte Carax danach nicht anknüpfen. Mit „Pola X" begab er sich ins Abseits des schwer konsumierbaren Experimentalfilms, bevor es lange still um ihn wurde, in den Nullerjahren drehte er bloß einen Kurzfilm und ein Segment des Episodenfilms „Tokio!". Nun meldet sich die verschollene Legende mit dem kühnen Genremix „Holy Motors" im Wettbewerb von Cannes 2012 zurück, ein überragendes Comeback, mit dem Carax einmal mehr seinen Hang zur Extravaganz und zur überbordenden Gestaltungslust auslebt.

Ein Versuch einer Handlungszusammenfassung: Ein Mann (Denis Lavant) erwacht aus unruhigen Träumen von den Anfängen des Kinos und bricht durch seine Schlafzimmerwand in einen Korridor, der in einen Kinosaal führt. Wenig später befindet er sich in einer weißen Stretch-Limousine und wird von einer Chauffeurin (Edith Scob) durch ein irreal überhöhtes Paris kutschiert, wo er in die Haut verschiedener Menschen schlüpft und allerhand äußerst kuriose Abenteuer erlebt. Mal tritt er als alte Bettlerin auf, mal als wüster Verrückter mit rotem Haar, der ein Model (Eva Mendes) in die Kanalisation entführt – mal als wahnwitziger Selbstmordattentäter oder greiser Sterbender. Nebenbei begegnet er zahlreichen seltsamen Gestalten (unter anderem Michel Piccoli und Kylie Minogue). Der nächtliche Trip wird zu einer assoziativen Reise ans Ende der Träume...

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. „Holy Motors" kippt innerhalb von Minuten vom Musical zum Thriller, nur um dann wieder vom Musikvideo (inklusive Akkordeon-Solo) zum Liebesdrama zu springen – der Film ist eine cineastische Achterbahnfahrt. Der Meister liefert und verliert sich in einem Meer aus Farben, Lichtern und fantasievoll gestalteten Szenenfolgen, die seiner ganz eigenen Traumlogik folgen. Diesen Begriff muss man hier ernst nehmen – an konventioneller Handlungslogik ist Leos Carax nicht interessiert. Wer aber Spaß am Interpretieren hat, wird an seinen Träumereien große Freude haben. Dabei arbeitet er sich an den Motiven seiner eigenen Filmografie ab und überhöht sie beizeiten mit frischem Humor bis ins Groteske: Phasenweise ist „Holy Motors" ein schlichtweg grandios alberner Spaß. Abgesehen von den Variationen des eigenen Werkes wird obendrein noch die Gruselwelt von E.T.A. Hoffmann ausgeschlachtet und die Geschichte des Kinos als Traummaschine erzählt.

Wenn der namenlose Held zu Beginn aus seinem Schlafzimmer in ein Kino stolpert, in dem neben dem Publikum auch ein Wolf umherschleicht und anschließend mittels Motion-Capturing-Computeranimation eine Welt aus Fantasiewesen entsteht, dann ist klar, dass „Holy Motors" auch ein Film über das Kino ist und der heilige Motor des Kinos und der Träume niemals zum Stillstand kommen darf. Auch die weißen Limousinen, die den Helden von einem Abenteuer zum anderen geleiten, sind Platzhalter für die Reisen ins Unterbewusste. Wenn sich im Epilog des Films darüber unterhalten wird, dass die Limousinen alle verschrottet werden sollen, ist die Botschaft klar erkennbar: Lasst Träume und Kino weiter wild assoziativ durch nachtschwarze Gassen fahren. Es mag nur eine von vielen Deutungen sein – jede Andeutung und Hommage in den Episoden von „Holy Motors" zu entschlüsseln, das würde dauern –, doch sie würde passen zu einem Mann wie Carax, der das Kino und die Träume liebt und so einmal mehr Kino zum Träumen geschaffen hat.

Fazit: Leos Carax' „Holy Motors" ist eine Reise ins Reich der Träume, die sich vor allem Freunde surrealistischer, irritierend-inspirierender Kinokunst auf keinen Fall entgehen lassen sollten.
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Kommentare

  • shadowchaser
    Nachdem ich den Film nun schauen konnte hätte ich eine Anmerkung zur Rezension. Es ist nicht Denis Lavant, welcher in der Anfangsszene seine Wand durchbricht und das Kino betritt, sondern das ist ganz klar Leos Carax selbst. Vielleicht kann das in der Kritik noch nachträglich angepasst werden.Ansonsten schön geschrieben.
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