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    X-Men: Zukunft ist Vergangenheit
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    X-Men: Zukunft ist Vergangenheit
    Von Christoph Petersen
    The Avengers“, „Justice League“, „Sinister Six“ – in Zeiten, in denen jedes Jahr eine Handvoll oder mehr neue Comic-Blockbuster ins Kino kommen, vertrauen die Studios offenbar nicht mehr darauf, mit einem Superhelden allein genügend Zuschauer hinter dem Ofen vorlocken zu können, um die Megabudgets wieder einzuspielen. Reihen-Rückkehrer Bryan Singer („X-Men“, „X-Men 2“) geht sogar noch einen Schritt weiter: In „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ gibt es nicht nur deutlich mehr Mutanten als jemals zuvor, dank des Zeitreise-Plots gibt es einige von ihnen sogar doppelt! Da geht jedem Comic-Fan das Herz auf, zugleich treibt es einem aber auch den Angstschweiß in den Nacken: War Sam Raimi bei „Spider-Man 3“ nicht schon daran gescheitert, dass er seinen Titelhelden gegen drei Bösewichte antreten ließ? Wie soll das dann erst bei mehr als 20 Mutanten-Helden gutgehen? Aber keine Angst! Bryan Singer entgleitet kein roter Faden und jede wichtige Figur bekommt ihren großen Moment - der Regisseur jongliert so geschickt mit Handlungssträngen und Personal, dass er damit direkt auch im Zirkus auftreten könnte: Der Applaus des Publikums wäre ihm sicher!

    Die Menschen haben die Mutanten mit ihren Sentinels genannten Superrobotern zwar nahezu ausgerottet, aber es gibt noch eine letzte Hoffnung: Logan/Wolverine (Hugh Jackman) soll mit Hilfe der Mutantenkräfte von Kitty Pryde (Ellen Page) ins Jahr 1973 zurückreisen, um dort erst die Erzfeinde Charles Xavier (James McAvoy) und Erik Lehnsherr (Michael Fassbender) wieder zusammenzubringen und dann die inzwischen auf eigene Faust agierende Raven/Mystique (Jennifer Lawrence) davon abzuhalten, einen Anschlag auf den Sentinel-Entwickler Dr. Bolivar Trask (Peter Dinklage) zu verüben – denn nur so kann verhindert werden, dass US-Präsident Nixon (Mark Camacho) grünes Licht für das Roboterprogramm gibt. Aber bevor sich Logan auf die Suche nach Erik und Raven machen kann, muss er zunächst einmal Charles wieder auf Vordermann bringen. Der Professor spritzt sich nämlich seit seiner schweren Verletzung elf Jahre zuvor in Kuba regelmäßig ein von Hank/Beast (Nicholas Hoult) entwickeltes Serum und ist inzwischen ein ziemlich abgefuckter Junkie…


    Die auffälligste Stärke von Matthew Vaughns „X-Men: Erste Entscheidung“ war die Verknüpfung der X-Men-Saga mit realen weltpolitischen Ereignissen der frühen 1960er Jahre, allen voran der schwelenden Kubakrise und dem Beinahe-Weltkriegsausbruch in der Schweinebucht. Und auch wenn Bryan Singer diesen Prequel-Reboot-Ansatz nicht einfach so weiterführt, sondern sich stattdessen die zusätzliche Unterstützung der Original-„X-Men“-Besetzung sichert, lässt er die Errungenschaften des Vorgängers nicht einfach außer acht: Kennedy-Ermordung, Vietnamkrieg und Richard Nixons legendärer Kassettenrekorder sind hier nur einige Stichworte. Genauso wichtig sind daneben aber auch die alltäglichen Dinge der Handlungszeit wie Wasserbetten, Lavalampen und Nerzmäntel – Singer spielt in „Zukunft ist Vergangenheit“ gewitzt mit dem Gegensatz zwischen modernem Blockbusterkino und 70er-Jahre-Retrochic, etwa indem er zwischen seine Hollywood-Hochglanzbilder immer wieder Aufnahmen im Super-8-Stil einflicht, die Passanten zufällig von den Mutanten einfangen. Gerade im Vergleich zu diesem farbenfroh-atmosphärischen Seventies-Flair fällt das Setting der Zukunfts-Rahmenhandlung in einem tibetanischen Gebirgstempel geradezu eintönig-langweilig aus.

    Auch was die Figuren angeht, ist die Handlungsebene der 70er Jahre am interessantesten: Denn während es in der Zukunft letztlich nur darum geht, die Stellung zu halten, müssen Charles, Erik, Logan und Raven nicht nur mit ihren inneren Dämonen, sondern auch noch mit einem schwierigen moralischen Dilemma zurechtkommen: Sollen die Mutanten diese zweite Chance nutzen, um den Menschen einen Weg des Friedens aufzuzeigen oder stattdessen noch früher und noch härter gegen den Feind zuschlagen, um dieses Mal in dem womöglich unvermeidlichen Krieg vorteilhaftere Karten in der Hand zu halten? Dabei verzichtet Singer darauf, die Rollen von Gut und Böse klar zu verteilen, stattdessen bleiben Charles, Erik und Raven bis zum Ende (und zum Teil sogar darüber hinaus) angenehm ambivalent. In der Rahmenhandlung dagegen könnten wir uns eine weitere Szene mit den einigermaßen unwahrscheinlich wieder zu besten Freunden gewordenen Professor X (Patrick Stewart) und Magneto (Ian McKellen), deren Auftritte recht knapp ausfallen, sehr gut vorstellen. Andererseits hat es auch etwas Gutes, wenn man sich beim Rollen des Abspanns eines Zwei-Stunden-Plus-Films noch mehr wünscht.

    Neben den genannten Protagonisten tauchen noch weitere Figuren aus der „X-Men“-Trilogie auf (die Liste ist sehr lang, aber konkrete Namen nennen wir an dieser Stelle natürlich nicht). Aber egal ob all die Berichte über herausgeschnittene Sequenzen von Storm (Halle Berry) und Rogue (Anna Paquin) nun den Tatsachen entsprechen oder nicht, in der finalen Kinofassung stimmt das Maß einfach: Die vielen Cameos setzen für Fans nostalgisch-emotionale Ausrufezeichen, lassen den Film aber überraschenderweise auch nicht überladen wirken. Ob man zusätzlich zu den Figuren aus Original-Trilogie und Reboot aber auch noch eine ganze Busladung neuer Mutanten (darunter Omar Sy als Bishop, Adan Canto als Sunspot und Booboo Stewart als Warpath) hätte einführen müssen, darüber lässt sich zwar trefflich streiten, aber völlig sinnlos verheizt wird zumindest keiner von ihnen: Sie alle dürfen ihr kleines Puzzlestückchen beitragen und sorgen vor allem in den packenden Kampfszenen mit den Sentinels für zusätzliche Abwechslung.

    Denn Bryan Singer schöpft nicht nur bei der Handlung aus dem vollen Figuren-Arsenal, er nutzt die verschiedenen Fähigkeiten der Mutanten auch noch geschickter (und exzessiver) als in allen vorherigen „X-Men“-Filmen, um abwechslungsreiche Action-Momente zu kreieren: Neben Metall-Beherrscher Magneto und Gestaltwandlerin Mystique, deren Talente sich schon immer für visuell herausstechende Sequenzen angeboten haben, erweisen sich in „Zukunft ist Vergangenheit“ vor allem die Reihen-Neulinge Blink (Fan Bingbing) und Peter/Quicksilver (Evan Peters) als wiederholte Szenendiebe: Während Blink das räumliche Vorstellungsvermögen des Publikums mit ihren Portalen, mit denen sie wie im Computerspiel „Portal“ die Umgebung manipuliert (hier macht sich auch der unaufdringliche 3D-Einsatz bezahlt), immer wieder auf eine faszinierende Probe stellt, sorgt der megaschnelle Quicksilver (der übrigens auch in „The Avengers 2“ vorkommt, dort aber von Aaron Taylor-Johnson verkörpert wird) in einer Superzeitlupen-Sequenz im Pentagon, in der er gemütlich durch die nahezu stillstehende Szenerie schlendert und die Flugbahn von abgefeuerten Patronen ändert, für einen lausbübischen Moment der Entschleunigung.

    Fazit: Es war schon beeindruckend, wie stimmig Joss Whedon all seine Superhelden in „Marvel’s The Avengers“ unter einen Hut bekommen hat. Aber Bryan Singer setzt mit „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ nun sogar noch einen drauf.
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