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    Gold
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Gold
    Von Sascha Westphal

    Nicht nur seine (Anti-)Helden, der dahin treibende Erol in „Geschwister – Kardeşler“, Can, der kleine „Dealer“, und natürlich der kriminelle Profi Alexander Trojan in „Im Schatten“, sind Einzelgänger. Auch ihr Schöpfer, der Filmemacher Thomas Arslan, hat etwas von einem klassischen loner, der wie die Protagonisten des amerikanischen und französischen Genrekinos zielstrebig seine eigenen Wege geht und dabei nur seinem eigenen Kodex folgt. Mit seinen Genrevariationen, die gleichermaßen von Paul Schrader und Jean-Pierre Melville, Budd Boetticher und Howard Hawks geprägt sind, ist Arslan ein Außenseiter, der sich höchstens noch auf Dominik Graf, diesen anderen großen Solitär der deutschen Kino- und Fernsehlandschaft, berufen kann. Wie Graf ist auch er fest in der Kinogeschichte verwurzelt. Sie liefert ihm Figuren und Topoi, Konstellationen und Bilder. Dennoch könnten seine Filme kaum weiter von dem postmodernen Pastiche- und Zitatenkino, wie es die Coen-Brüder und Quentin Tarantino etabliert haben, entfernt sein. Thomas Arslan nähert sich den klassischen Genres wie nun mit „Gold“, einer überaus eigenwilligen Pionier-Saga, dem Western auf eine durch und durch persönliche Weise. Er bedient sich ihrer Konventionen und interpretiert sie zugleich ganz neu.

    Kanada im Sommer 1898, die ersten größeren Goldfunde am Klondike liegen schon etwas zurück. Die Nachricht vom Reichtum, der nur darauf wartet, endlich geschürft zu werden, hat sich in ganz Amerika verbreitet. Unter denen, die das Goldfieber gepackt hat, sind auch sieben Deutsche. Wilhelm Laser (Peter Kurth), der vorgibt, das Territorium bestens zu kennen, hat eine Anzeige in einer deutschen Zeitung geschaltet. Er will einen kleinen Treck von Ashcroft, der nördlichsten Bahnstation Kanadas, über Land ins Klondike-Gebiet führen. Neben dem Packer Carl Böhmer (Marko Mandic) und dem für die Verpflegung zuständigen Ehepaar Maria (Rosa Enskat) und Otto Dietz (Wolfgang Packhäuser) begeben sich noch der Journalist Gustav Müller (Uwe Bohm), der Handwerker Joseph Rossmann (Lars Rudolph) und die ehemalige Hausangestellte Emily Meyer (Nina Hoss) auf die beschwerliche Reise.

    Das erinnert zumindest von der Grundkonstellation ein wenig an Kelly Reichardts ebenso realistischen wie revisionistischen Western „Meek’s Cutoff“. Hier wie dort liegt der Fokus auf einem kleinen Treck, der sich getrieben von der Hoffnung auf Geld und eine neue Heimat durch unwirtliches Gelände kämpft und dabei von einem Scharlatan angeführt wird. Doch anders als Reichardt, die mit einer bemerkenswerten Konsequenz mit allen gängigen Genremustern bricht und den Mythen des Kinos die Strapazen des Lebens entgegenhält, kehrt Thomas Arslan immer wieder zu klassischen Western-Situationen und -Konstellationen zurück. Er erzeugt ganz bewusst eine stete Spannung zwischen den eher naturgetreuen Bildern seines Kameramanns Patrick Orth („Bungalow“) und den fast archetypischen Charakterzügen seiner Figuren.

    Der Western, das – wie es immer wieder heißt – amerikanischste aller Genres, wird unter den Händen des deutschen Filmemachers zu einem Experimentierfeld in Sachen Mythen und Realität. Die kanadische Landschaft mit ihren kargen Hochebenen, ihren reißenden Flüssen und ihren dichten Wäldern ist dabei weit mehr als nur eine imposante Kulisse für eine allegorische Geschichte vom teils tragischen, teils absurden Scheitern allen menschlichen Strebens. Arslan und Orth inszenieren sie eben nicht wie Reichhardt die verdorrten Ebenen des Mittelwestens von Anfang als bedrohlich. Sie folgen eher einer durch und durch romantischen Sichtweise. Die Natur erscheint in „Gold“ als Inbegriff von Freiheit. Insofern ist sie weder Freund noch Feind. Und so scheitern die sieben Gold- und Glückssucher auch nicht an ihr, sondern nur an sich selbst.

    Auf den ersten Blick mögen manche Wendungen, die Arslans Erzählung nimmt, fast schon lächerlich wirken. Natürlich ist es extrem unwahrscheinlich, dass Müller mitten in der Weite der Wälder ausgerechnet in die eine Bärenfalle tritt, die ein Trapper dort gelegt hat. Auch der Showdown, den Arslan sich und seinem Publikum gönnt, ist eher eine Verbeugung vor dem Genre als zwingende Notwendigkeit. Doch zugleich erschafft er so seine eigene, vom Blick des deutschen Außenseiters geprägte Westernwelt.

    In dieser schillernden Neuerfindung eines mittlerweile an den Rand gedrängten Genres ist eben nicht nur die stoische und wortkarge Emily Meyer, der Nina Hoss („Barbara“) tatsächlich etwas von der Aura klassischer Westernhelden verleiht, die einzige, die ahnt, was Freiheit wirklich bedeutet. In ihr regiert zudem eine bemerkenswerte Konsequenz, die schon fast etwas Schicksalhaftes hat. So ist Müllers Tritt in die Bärenfalle weit mehr als nur ein abstruser Unfall. In dieser Figur des überheblichen Kolonialisten, der die amerikanischen Ureinwohner verachtet und sich bei jeder Gelegenheit als (An)Führer aufspielt, verdichtet sich die ganze deutsche Geschichte des späten 19. sowie des 20. Jahrhunderts zu einer bitterbösen Moritat. Das Größenwahnsinnige und das Lächerliche liegen dabei auch in Uwe Bohms („Im Schatten“) fortwährend auftrumpfendem Spiel direkt nebeneinander.

    Fazit: Mit seinem Versuch, sich das Westerngenre zu Eigen zu machen, setzt sich Thomas Arslan wissentlich zwischen alle Stühle. Auf der einen Seite bedient er all die Konventionen des Genres, die Hollywood über Jahrzehnte hinweg entwickelt und festgeschrieben hat. Auf der anderen Seite demontiert er die Mythen von Goldsuchern und Betrügern, von wortkargen gun men und besessenen Rächern immer wieder durch seine extrem realistische Inszenierung der kanadischen Landschaft und durch sein Beharren auf alltägliche Situationen. Doch letztlich sind es gerade diese Widersprüche, die „Gold“ zusammenhalten. Sie schaffen ein Spannungsfeld, in dem sich der Western von der Last seiner Vergangenheit befreien kann.

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